Archive for Dezember, 2016

Helden des Alltags

Mittwoch, Dezember 28th, 2016

Die Welt ist aus den Fugen. Diesen Eindruck haben viele Menschen und feiern Weihnachten zumindest mit einem unguten Gefühl. Angst vor Terror beschleicht sie, die Bild-Zeitung nährt sie kräftig und schreibt über die halbe Titelseite nur ein Wort: „Angst.“

Der Innenminister eines Mini-Bundeslandes spricht sogar vom Krieg. Ziemlich hohl, denn er verniedlicht den Krieg, findet aber teilweise Beifall. Krieg ist in Aleppo. In Berlin, vorher in München oder Paris sind individuelle Verbrecher am Werk, die sich als Glaubenskrieger verstehen.

Wie man sie bekämpft, hat Helmut Schmidt als Kanzler in den 70er Jahren in einer Rede an die Nation gesagt, die das Fernsehen heute eins zu eins wieder ausstrahlen könnte. Damals überzog die selbst ernannte Rote Armee-Fraktion (RAF)  die Republik mit Terror und wollte es auf die Kriegsebene heben. Sie berief sich nicht auf einen Glauben, sondern auf eine Ideologie, was aufs Gleiche hinausläuft.

Es beruhigt, dass die meisten Menschen der Angst trotzen und sich von Verbrechern nicht vorschreiben lassen, wie sie zu leben haben. Sie besuchen trotzdem einen Weihnachtsmarkt, wenn ihnen danach ist – wohl wissend, dass auch der beste Polizei-Schutz einen zu allem entschlossenen Mörder schwer aufhalten kann.

Unterkriegen lassen sich auch nicht die Frauen und Männer, die sich trotz anschwellender Anti-Stimmung für Flüchtlinge einsetzen. Um beim Bild mit der aus den Fugen geratenen Welt zu bleiben: Sie fugen die Risse im Kleinen mühselig wieder zu. Nehmen wir als Beispiel die Mitbürger, die sich gemeinsam mit dem Jugendamt des Landkreises, mit Kirchen,  Volkshochschule, Kreishandwerkerschaft, Sportvereinen oder dem Arbeitskreises Schule Rhauderfehn um „unbegleitete minderjährige Ausländer“ kümmern, wie es im Behördenjargon heißt.

Es sind überwiegend jugendliche Männer, 110 an der Zahl, alleine geflohen aus Afghanistan, Syrien, Eritrea, Somalia, Guinea, der Elfenbeinküste, dem Irak, dem Sudan, Albanien, Marokko, Gambia und Ägypten. Wenn  Ausländerbehörde und Polizei alles geklärt haben, kommen sie in die Clearingstelle der Jugendhilfe des Landkreises. Diese war zunächst im Gäste- und Tagungshaus „Alter Brunsel“ in Burlage untergebracht und wurde später ins Hotel „Westerfehn“ in Westrhauderfehn verlegt. Dort lernen sich Flüchtlinge und behördliche Helfer näher kennen.

Die Flüchtlinge richtig einzuordnen, ist schwer. Ein Teil stammt aus Großstädten und hat eine gute Schulbildung. Andere waren jahrelang auf der Flucht, sind misshandelt oder gar gefoltert worden. Eines jedoch eint sie: Hoffnung auf ein besseres Leben, hoch motiviert, es selbst in die Hand zu nehmen.

Sie gehen jetzt zur Schule, in einem Modellprojekt der Reformierten Kirche, der VHS und der Kreishandwerkerschaft. Acht Schulstunden täglich. Normale Schulen erweisen sich oft als überfordert, weil die Bildungsstände sehr verschieden sind. Viele sprechen kaum Deutsch, wenn sie kommen, sind schon 16, 17 Jahre alt.

Die jungen Leute wohnen in Heimeinrichtungen mit je zehn Plätzen des Arbeitskreises Schule oder auch des Reformierten Synodalverbandes in Weener. Und Gastfamilien bieten mehr als  30 jungen Menschen eine Heimat,  auch im Rheiderland. Sie fugen die Welt zusammen. Sie sind Helden des Alltags.

 

 

 

 

 

Amateure gegen Profis

Samstag, Dezember 17th, 2016

Es ist schon einige Jahre her, als ein Pensionsbesitzer im Landkreis Leer traurig klagte, dass seine Betten im Winter kaum belegt seien. Bis ihn eines Tages ein Nachbar ermunterte, es doch mal mit HRS zu versuchen.

Hinter dieser Abkürzung steht das „Hotel Reservation System“ mit Sitz in Köln. Es  vermittelt online Fremdenzimmer in aller Welt – ohne selbst ein Hotel oder einen Gasthof zu besitzen. Eine typische Gründergeschichte im damals beginnenden digitalen Zeitalter. Heute beschäftigt HRS 1.500 Leute – und unser Pensionsbesitzer muss im Winter längst keine Däumchen mehr drehen. Weil er mit der Zeit geht.

Die klassischen Hotels in der Stadt hatten erst einmal den Trend verschlafen. Nur einzelne waren bei HRS gelistet. Die anderen verschenkten bares Geld.  Heute sieht es anders aus. HRS notiert fast alle auf der Liste und ist Marktführer, neben ihm kämpfen „Hotel.de“, „Booking.com“ oder Trivago um Kunden.

Heute sind wir noch einen Schritt weiter: Amateure konkurrieren mit Profis. Eine junge Firma aus den USA  macht’s möglich. Sie fasst jetzt auch in Ostfriesland Fuß – wie bereits in 190 Ländern. Sie vermietet über ihre Online-Plattform private Zimmer – seien es Ferienwohnungen oder Zimmer in Wohnhäusern. Viele Menschen vermieten sogar ihre komplette  Wohnung, wenn sie selbst in Urlaub sind. Zweifellos ein gutes Geschäftsmodell, um die eigenen Kosten zu decken.

Der Name der Firma, die vor acht Jahren im Silicon Valley bei San Francisco  gegründet wurde, deutet auf die Ursprünge hin. Auf Deutsch heißt sie „Luftmatratze und Frühstück“, offiziell jedoch Airbnb, englisch für „Airbed and Breakfast“.

Das Geschäft funktioniert so: Der Anbieter präsentiert seine Wohnung auf der Airbnb-Plattform im Internet, Gäste buchen das Objekt ihrer Wahl und zahlen mit Kreditkarte. Airbnb kassiert sechs bis zwölf Prozent des Übernachtungspreises von den Gästen und drei Prozent von den Gastgebern.

Das Modell findet Anklang. Unsereins kennt Weltreisende, die drei Monate  unterwegs waren und Unterkünfte größtenteils über Airbnb gebucht haben. Viele ziehen eine familiäre Wohnatmosphäre einem in die Jahre gekommenen Mittelklasse-Hotel vor, überteuert und nicht selten anzutreffen. Mittlerweise gibt es auch in Ostfriesland Hausbesitzer, die selbst genutzte Zimmer zur Verfügung stellen.

Erstaunlicherweise nimmt die professionelle Hotelbranche die Konkurrenz nicht sonderlich ernst. So rechnet die Geschäftsleitung der Staatsbad Norderney GmbH nicht damit, dass die Amerikaner den lokalen Wettbewerbern nennenswerte Anteile abluchsen werden. „Airbnb ist für uns kein großes Thema“, heißt es dort. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) äußert sich ähnlich. Eine grandiose Fehleinschätzung. Denn das Geschäftsmodell ist lukrativ.

Die private Vermietung von Wohnräumen hat aber auch eine Kehrseite: Sie verläuft noch ziemlich unreguliert. Bedenklich wird es, wenn dadurch dem normalen Mietmarkt Wohnraum entzogen wird oder gar Mieter verdrängt werden. Das kommt in Großstädten wie Berlin, Hamburg, Köln oder München häufiger vor und kann Bußgeld bis zu 50.000 Euro kosten.

Wer eine Ferienwohnung vermietet oder seine Wohnung sporadisch freimacht, steht auf der sicheren Seite. Allerdings nur, wenn er die Einnahmen dem Finanzamt meldet.

 

 

Wir sind Industrieregion

Sonntag, Dezember 11th, 2016

So deutlich haben wir es bisher nicht gehört: „Ostfriesland ist eine Industrieregion geworden.“ Der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer, Dr. Torsten Slink,  sagte es auf einer Versammlung über die Energiewende in Aurich. Die Friedrich-Ebert-Stiftung hatte eingeladen.

Slinks Worte könnten Wellen schlagen, denn die Akzeptanz für Industrie ist in  Teilen der Bevölkerung schwach ausgeprägt. Richtig ist: Dienstleistungen wachsen. Andererseits können wir uns nicht alle gegenseitig die Haare schneiden und davon leben. Viele Dienstleistungen brauchen die industrielle Basis. Die Industrie schöpft immer noch fast ein Viertel der Werte in Deutschland, mit den von ihr abhängenden Dienstleistungen sogar mehr als die Hälfte.

Treiber der Industrie in Ostfriesland ist die Windkraft. Ihr vor allem verdanken wir den enormen wirtschaftlichen  Aufschwung. Sie ist eine industrielle Energieform – nicht zu verwechseln mit dem grün-romantischen Bild kleiner regionaler Selbstversorgergemeinschaften. Denn Wind und Sonne tragen bald die Hauptlast der Stromversorgung, wenn die letzten Atommeiler und mehr und mehr Kohle- und Gas-Kraftwerke vom Netz genommen werden.

Die Industrie ist auch für modernen Umweltschutz unverzichtbar.  Nehmen wir  die Windmühle, diesen Inbegriff ökologischer Energiegewinnung. Sie ist nichts anderes als ein High-Tech-Produkt aus komplexer industrieller Herstellung. Sie  braucht Stahl, Aluminium, Kupfer, Gusseisen, Beton, Glasfaser, Epoxidharz, Speziallacke, Getriebeöle, Metalle der Seltenen Erden, Kabelsysteme – und Spitzenerzeugnisse des Maschinenbaus, die ebenfalls entwickelt und produziert werden müssen.

Dieses Beispiel lässt sich übertragen auf Solarenergie, moderne Kraftwerke, Kläranlagen, Filtertechnik,  Recyclingsysteme und, und, und. Die schlichte Wahrheit ist: Ohne Industrie keine Umweltwirtschaft.

Der Wohlstand Ostfrieslands hängt erheblich von industriellen Leistungen ab.  Mit EWE und Enercon haben wir zwei starke Unternehmen, die der Energiewende den nötigen Schwung geben könnten. Dafür spricht das Forschungsprojekt „Enera“ der EWE, das Ostfriesland zum Versuchsgebiet für das intelligente Stromnetz der Zukunft macht. 200 Millionen Euro sind erst mal eingeplant, der Bund fördert es mit 51 Millionen.

Moderne Industrie – ein Blick über die Außenems zum  Eemshaven macht ein wenig neidisch. Dort bringt Google sein 600 Millionen Euro teures Rechenzentrum bald an den Start. Google entschied sich für Eemshaven wegen mehrerer Seekabel nach Amerika, zuverlässiger Energiequellen wie Windpark, NorNed-Kabel aus Norwegen mit Hochspannungs-Gleichstrom und einem Gas- und Dampfkombi-Kraftwerk. Und wegen der Grundvoraussetzung: Platz zum Bauen für Großprojekte.

Daran mangelt es in Ostfriesland. Die Stadt Emden bekommt den neuen Hafen auf dem Rysumer Nacken nicht auf die Reihe. Jetzt auf das geplante Batteriewerk von VW zu warten ist wie vergossene Milch. Wenn es gebaut wird, dann in Salzgitter, wo VW heute Motoren und Blockheizkraftwerke produziert.

Übrigens: Der amerikanische E-Autobauer Tesla will in Europa Akkus für Solarstrom und E-Autos bauen und bis zu anderthalb Milliarden Euro  investieren – und sucht dafür ein Gelände. Eemshaven ist dafür im Gespräch. Die Holländer haben, was Tesla braucht.

Sparkasse unter Druck

Samstag, Dezember 3rd, 2016

Wer in einer deutschen Kreisstadt die Bank des kleinen Mannes sucht, braucht nur das größte Gebäude in den Blick zu nehmen. Meistens ist es die Sparkasse. Das missfällt vielen Menschen – aus mehreren Gründen. Kunden fallen die mickrigen Zinsen und steigende Gebühren ein.  Andere ärgern sich über eine oft gewollte, aber nicht gekonnte Architektur. Oder ärgern sich über Größenwahn.

Sparkassen haben lange Zeit blendend verdient. Das ist gut so. Aber zurückhaltende Unternehmer investieren ihre Gewinne in neue Technik, auch in Gebäude, aber sie protzen selten. Mittlerweile sind die goldenen Jahre der Sparkassen vorbei.

Ihr Geschäftsmodell funktioniert nicht mehr: Geld einsammeln, es ordentlich verzinsen, sagen wir drei Prozent, und es für den doppelten Zinssatz an die mittelständische Wirtschaft und Privatkunden verleihen. Ein einfaches, aber solides Prinzip. Doch die Europäische Zentralbank macht seit einigen Jahren einen Strich durch die Rechnung. Die Zinsen liegen bei null, Banken zahlen sogar Minuszinsen, wenn sie ihr Geld in Frankfurt bunkern.

Das halten sie auf Dauer nicht durch, weil sie an neuen Krediten kaum noch etwas verdienen. Also drehen sie an der Gebührenschraube, in letzter Zeit beim Online-Banking, was viele Kunden direkt spüren.

Womit wir bei der Sparkasse Leer-Wittmund angelangt sind. Sie ist seit einigen Jahren wegen ihres spektakulären Neubaus in Leer und wegen Filialschließungen im Gerede. Ziemlich negativ.

Es ist noch nicht lange her, als die Sparkasse mehrere Filialen aufgelöst hat. Das kam bei vielen Kunden schlecht an – obwohl die Sparkasse betriebswirtschaftlich gute Gründe hatte. Aber wie will sie schlüssig erklären, dass sie Filialen in Wymeer, Bingum oder Ditzumerverlaat schließen muss, aber in Leer einen Palast baut – mit ausladendem Foyer, viel freiem Platz und einer Veranstaltungshalle, bei der wir uns fragen, ob Events zu den Aufgaben einer Sparkasse zählen.

Ein selbst verschuldetes Dilemma ist auch die Geheimniskrämerei der Sparkasse bei der Bausumme. Jetzt rückte sie mit der Zahl heraus: 40 Millionen Euro. Der Vorstand nimmt den Verwaltungsrat für die Schweigejahre in Haft. Das wirkt nicht sehr glaubwürdig und ist kein Ausdruck von Stärke. Sicher ist,  dass nicht der gesamte Verwaltungsrat die Summe gekannt hat. Die Zahl der Mitwisser war an einer Hand abzuzählen.

Die Folgen ihrer fatalen Außendarstellung könnten noch länger schmerzen. Denn sie wird bald sagen müssen, ob wegen Gebührenerhöhungen nennenswert Kunden abgesprungen sind. Außerdem, und das ist schlimmer, wird sie wohl noch Filialen schließen, weil sie unrentabel sind.

Und der dreiköpfige Vorstand muss sich mit der Forderung herumschlagen,  seine Gehälter offenzulegen. Die Emder Sparkasse geht im Frühjahr mit gutem Beispiel voran. Dann wächst der Druck auf die Kollegen in Leer. So mancher Kunde wird ins Grübeln kommen –  weil die Vorstandsgehälter im Vergleich zur Verantwortung absurd hoch sind. Ganz abgesehen von den Pensionen. Im Durchschnitt kassieren Sparkassenchefs in Deutschland mehr als die Bundeskanzlerin, die auf rund 300.000 Euro kommt.

Noch eins: Wenn Ministerpräsident Weil sein Wahlversprechen ernst nimmt, muss er dem Landtag einen Gesetzentwurf vorlegen, in dem steht: Die Gehälter der Sparkassenvorstände sind bekannt zu geben.