Archive for Januar, 2017

Sorgen um VW

Sonntag, Januar 29th, 2017

Jahrelang verwöhnt, sorgen VW-Mitarbeiter sich jetzt um ihre Jobs. Seit vorigem Mittwoch bis Dienstag nächster Woche können gut 10.000 Männer und Frauen Däumchen drehen – 7.500 feste Mitarbeiter und 3000 bei Zulieferern. Die Bänder stehen still. Das Modell „CC“ ist am Ende, und der „Passat“ läuft nicht mehr so, wie es nötig wäre.

Jetzt ersetzt Hoffnung die Realität. Hoffnung auf mehr Käufer für den „Passat“,  Hoffnung auf das neue Sportcoupé „Arteon“, das ab März in Serie geht, Hoffnung auf eine so genannte Steilheck-Variante ab 2019.

Realität sind zunächst drei Tage zusätzliche „konjunkturelle Kurzarbeit“ im Februar, wie professionelle Schönredner es nennen, wenn keine Arbeit da ist.  Ob es bei drei Tagen bleibt? Eher nicht.

Die Agentur für Arbeit genehmigt bisher die „konjunkturelle Kurzarbeit“. Aber irgendwann lässt sich eine Konjunkturdelle nicht mehr glaubhaft belegen. Dann wird daraus eine strukturelle Krise. Möglicherweise ist sie schon da.

Der „Passat“ ist kein Verkaufsrenner mehr, wirkt etwas aus der Zeit gefallen, erinnert ein wenig an Opel-Modelle vor einigen Jahren, als sie ebenfalls trotz guter Qualität wenig Anklang fanden. Opel hat dann, um es mit dessen eigenen Worten zu sagen, „im Kopf umgeparkt“. Der Konzern ist wieder in der Spur.

So weit ist VW nicht. Es klingt wie ein Verzweiflungsschrei, wenn die IG Metall  an den Konzern-Vorstand appelliert, mehr Reklame für den „Passat“ zu  machen und Sondermodelle aufzulegen. Damit ist es nicht getan. Ein paar Millionen in die Werbung und der Absatz flutscht wieder – als ob es so einfach wäre. Auf diese Idee wären sogar VW-Manager von allein gekommen.

Der Vorstand hat andere Sorgen. Im so genannten Zukunftspakt hat er mit dem Betriebsrat vereinbart, dass es bis 2025 keine betriebsbedingten Kündigungen für die Stammbelegschaft geben wird. VW will die aktuelle Krise und den bevorstehenden digitalen Umbau über die normale Fluktuation – also frei werde Stellen nicht ersetzen – und über eine Altersteilzeit-Regelung meistern.  Gut und schön, aber wenn der Absatz in den Keller rutscht, hilft der beste Zukunftspakt nicht mehr viel.

Die notorisch selbstherrlichen VW-Spitzenmanager und auch Betriebsräte  wollen bis heute nicht wahrhaben, dass der Konzern wegen des Abgasbetrugs  im Schlamassel steckt. Das Ende der Milliarden-Zahlungen in den USA ist keineswegs besiegelt, der weltweite Ansehens- und Vertrauensverlust ist dramatisch.

Und sich betrogen fühlende VW-Fahrer in Deutschland horchten auf, als das Landgericht Hildesheim VW verurteilte, dem Besitzer eines Dieselautos mit Betrugs-Software, das er 2013 gekauft hatte, fast den vollen Kaufpreis zu erstatten. VW legt Rechtsmittel ein.

An der vollständigen Aufklärung des Abgasskandals besteht im Vorstand kein großes Interesse. So hat vorgestern Vorstandsmitglied Christine Hohmann-Dennhardt, eine frühere Verfassungsrichterin, den Konzern verlassen. Sie sollte den Abgas-Skandal aufklären.

Die Süddeutsche Zeitung schreibt dazu: „Sie wollte ihren ´guten Namen‘ nicht länger dafür hergeben, dass VW bei der Aufklärung auf halbem Wege stehen bleibe. Der Autokonzern will die Affäre …… offenbar nun zu den Akten legen.“ Man darf sich Sorgen machen um VW und die Arbeitsplätze.

Strom zu Gas

Sonntag, Januar 22nd, 2017

Die Energiewende ist mehr als der Umstieg von Kohle, Öl, Gas und Atom auf erneuerbare Energie. Anders gesagt: Es ist nicht damit getan, möglichst viele Windmühlen oder Fotovoltaik-Anlagen in die Welt zu setzen. Das ist lediglich eine Grundvoraussetzung – und schon schwer und kompliziert genug.

Die Energiewende klappt nur, wenn die Sektoren Strom, Wärme/Kälte, Verkehr, Industrie, Gebäude  und Landwirtschaft sinnvoll gekoppelt werden. Fachausdruck: Sektorenkopplung. Ohne wird es nichts mit dem Klimaschutz.

Die Ziele sind markiert. Um sie zu erreichen, müssen wir Energie neu denken. Mit einem höchst beweglichen Energiesystem, mit einer völlig neuen Art von Versorgung und Nachfrage. Sehr kleinteilig, siedlungsnah. Es wird auch intelligent –  in dem Sinne, dass immer so viel Strom da ist wie nachgefragt wird.

Fachleute halten die Sektorenkopplung für den Schlüssel dazu. Ein Begriff, der uns noch öfter über den Weg laufen wird. Die genannten Sektoren sind zu fast 90 Prozent für den Treibhausgas-Ausstoß verantwortlich. Der Klimaschutzplan 2050 des Bundes schreibt den einzelnen Sektoren genau vor, wie viel Treibhausgase sie bis zu welchem Jahr einsparen müssen.

Eines macht es nicht einfacher: Der Bedarf an umweltfreundlicher Energie wächst stark, wenn die alten Quellen verstopft werden. Dann muss Strom für die meiste Energie sorgen –  auch in der Industrie, in Gebäuden oder in Autos (statt Sprit). Das Umweltbundesamt rechnet vor, dass sich deshalb bis 2050  der Strombedarf verfünffacht.

Und jetzt kommen wir zu Ostfriesland. Wir gehören zu den Hauptstromlieferanten Deutschlands mit den Windparks an Land und auf See. Was früher das Ruhrgebiet war, ist heute der Norden, und Ostfriesland ist mittendrin. Zum Glück nicht nur bei der Lieferung von Strom aus Windmühlen, sondern auch bei Forschung und Entwicklung.

Dafür steht stellvertretend der Name Enercon. Das Auricher Unternehmen liefert Windmühlen in alle Welt. Es fügt sich gut, dass auch der Energieversorger EWE, zwar mit Sitz in Oldenburg, hier praktisch wie zu Hause ist. Beide Unternehmen setzen gemeinsam einen Teil des Bundes-Forschungsprojekts Enera um und bauen erst mal im nördlichen Ostfriesland das Stromnetz mit intelligenten Steuer- und Speichersystemen aus.

Dazu gehört der Versuchsbetrieb einer so genannten „Power-to-Gas“-Anlage in Aurich. Kosten: Vier Millionen Euro, Start Anfang 2018. Enercon und der Heiztechnik-Hersteller Viessmann nehmen die Sache in die Hand. Der englische Ausdruck „Power to Gas“ bedeutet nichts anderes, als überschüssigen erneuerbaren Strom zunächst in Wasserstoff und dann über Methan in Gas  umzuwandeln und zu speichern, CO2-neutral. Genau das hat man in Aurich vor. Technisch möglich ist es auch, aus dem Gas wieder Strom zu machen.

In Großanlagen ist das Prinzip erprobt, wie es jedoch in der Praxis wirksam  eingesetzt werden kann, wird in mehreren Anlagen in Deutschland auf verschiedene Weise getestet – womit wir zurück bei der Sektorenkopplung  sind.

Langfristiges Ziel ist, erneuerbaren Strom zu speichern, um es in windstillen oder dunklen Stunden bei Bedarf abzugeben. „Power to Gas“ ist Teil einer technologischen Vielfalt, die noch viel Forschung und Entwicklung benötigt.  Die Energiewende ist eben mehr als der Umstieg beim Strom auf erneuerbare Energie.

Schlips ab

Sonntag, Januar 15th, 2017

Der Mann von der Bank ist mit Krawatte geboren worden, dachten wir. Ausgerechnet eine Volksbank aus dem Herzen Ostfrieslands, eher der Ausweis biederer Seriosität, hat die Krawattenpflicht aufgehoben. Zwar erst mal nur probeweise für zwei Monate, aber immerhin.

Vom Vorstand bis zum Lehrling – keiner muss morgens mehr bei der Raiffeisen-Volksbank (RVB) Aurich-Uplengen eine Krawatte knoten. Die Bank vom Lande als modische Vorhut – wer hätte es für möglich gehalten. Gab der Klimawandel  den Anstoß? Bank-Chef Johann Kramer jedenfalls begründet den für eine  Bank revolutionären Schritt mit den mitleidigen Blicken vieler Kunden an heißen Sommertagen, wenn die Angestellten im Sakko und mit geschlossenem Schlips-Kragen vor ihnen schwitzten.

Wie es sich für eine geordnete Firma gehört, habe man per „Einzelanweisung“  den Mitarbeitern an heißen Tagen schon früher mal erlaubt, Sakko und Schlips an die Garderobe zu hängen. Aber: „Seitdem haben wir uns immer wieder selbst gefragt, ob die Pflicht noch zeitgemäß ist“, wird Kramer zitiert. Nach gut einem Vierteljahr fand dann der Vorstand eine Antwort –  und entschied sich probeweise für einen gelockerten „Dress-Code“, wie es neudeutsch heißt.

Es geht aber nicht nur um das Wohl der Mitarbeiter. Die haben schließlich auch bisher schweißgebadet viele Sommertage überstanden. Kramer verspricht sich vom offenen Hemdkragen zudem, „Barrieren zwischen Bank und Kunden abzubauen“.

Zweifellos: Kleider machen Leute. Darüber hat Gottfried Keller sogar mal eine ganze Novelle geschrieben. Im feinen Zwirn – und schon macht Mann Eindruck.  Ob das umgekehrt auch gilt? Mag sein, denn die Krawattenpflicht wird mehr und mehr ausgehöhlt. Selbst US-Präsident Obama hat sie bei seinem Amtsantritt abgeschafft. Aber bei seiner letzten Amtsrede vor wenigen Tagen trug er dennoch wieder einen dezent blauen Schlips. Es kommt also immer auf die Gelegenheit an. Der Kommunalpolitiker Heinz Buss aus Wittmund kauft  sich sogar einen neuen Anzug, wenn er bald den Bundespräsidenten mitwählen darf – und gewiss einen Schlips dazu.

Gut aussehen ohne Schlips ist in Mode. Hauptsache, die Kleidung drückt Sorgfalt und Wertschätzung aus, sagt eine Stil-Trainerin. Aber sie gibt zu bedenken: „Aus lässig wird leicht nachlässig“. Form lässt eben doch oft auf Inhalt schließen. Einer ihrer Kollegen sagt sogar, dass mit „der Lockerung der Bekleidungsvorschriften auch die Sitten lockerer“  geworden sind. Wie auch immer: Kleidungs-Pflicht passt nicht mehr in die Zeit – es sei denn im Sport oder bei der Bundeswehr, um Freund und Gegner unterscheiden zu können.

So ganz vertraut auch die RVB Aurich-Uplengen nicht dem Mode-Geschmack  ihrer Mitarbeiter. Das Hemd muss zwar nicht unbedingt weiß, jedoch dezent sein. Hawaii-Muster ist tabu. Das Jackett bleibt ebenfalls bankpflichtig. Und statt der Anzughose gestattet der Vorstand eine Jeans, wenn auch nur eine hochwertige. Das jedoch könnte ins Auge modebewusster Kundinnen gehen. Jackett und Jeans geht gar nicht, sagen Fachleute – auch wenn viele Männer diese Kombination schätzen.

Geht es darum, die Seriosität eines Mannes einzuschätzen, richten wahre Menschenkenner wie Hotel-Portiers ihr Auge ohnehin nicht auf Schlips und Anzug, sondern dezent nach unten. Sie wissen: An ihren Schuhen könnt ihr sie erkennen.

Feinstaub – sehr unfein

Samstag, Januar 7th, 2017

Pünktlich zum Jahreswechsel ist Feinstaub wieder in aller Munde – aber nicht nur dort. Die Augen brennen, es kratzt im Hals. Asthmatiker schlucken mehr Medikamente und Krankenhäuser haben Zulauf von Herz-Kreislauf-Patienten.  Zu Silvester  gehören für viele Zeitgenossen nun mal neben dem Glas Sekt, Rullerkes und Speckendicken auch Böller und Raketen, nicht zu knapp.

Wie so manches, das Spaß macht, ist auch das Feuerwerk im Übermaß ziemlich ungesund. Es jagt reichlich Feinstaub in die Luft. Messungen ergeben Werte wie an keinem anderen Tag des Jahres.  Das Umweltbundesamt spricht von rund 4000 Tonnen im ganzen Land – so viel wie alle Autos   zusammen in zwei Monaten schaffen.

Feinstaub ist Gift für die Atemwege. Deshalb hat die Europäische Union (EU) längst Richtlinien für Höchstgrenzen erlassen. Deutschland hält sie an vielen Tagen nicht ein, die EU droht mit Klage. Spätestens da stößt der Spaß an Grenzen.

Neulich kam ein Fahrverbot für Dieselautos in Innenstädten ins Gespräch. Das ist für Diesel-Fahrer ärgerlich, und für Handwerker, die bei ihren Transportern vor allem auf Diesel setzen, ginge es an die Substanz.  Aber ein generelles Fahrverbot in Innenstädten ist  im Autoland Deutschland schwer denkbar. Auch wenn Dieselmotoren besonders viel Feinstaub absondern.

Doch Autos sind nicht die einzige Feinstaubquelle. Die Natur mischt auch mit, seien es Vulkane, Bodenerosionen, Wald- und Buschfeuer, Viren oder Sporen von Bakterien und Pilzen. Auch der gelbe Sand aus der Sahara macht sich bei uns gelegentlich bemerkbar. Daran kann der Mensch wenig ändern.

Das gilt aber nicht für Autos, Kraft- und Fernheizwerke, Müllverbrennungsanlagen, Hausöfen und Heizungen, Schotterumschlag, bestimmte industrielle Prozesse oder Tierhaltung. Auch die  beliebten offenen Kamine blasen reichlich Feinstaub durch den Schornstein, wenn das Holz zu frisch ist.

In größeren Städten spielt der Verkehr die maßgebliche Rolle. Deshalb wird der Hebel auf Sicht beim Auto angesetzt werden. Das Elektroauto wird sich vermutlich schneller durchsetzen, als viele vermuten. Die Chinesen, die vor Staub und Dreck in der Luft ihrer Großstädte kaum noch die Sonne sehen, suchen ihr Überleben in E-Autos, bauen bereits relativ preiswerte und gute Modelle und setzen damit ihre europäische und amerikanische Konkurrenz unter Druck.

Das berührt auch Ostfriesland, das zu einem Teil wirtschaftlich vom VW-Werk Emden abhängt. Es ist eine der spannendsten Fragen der nächsten Jahre, ob VW die Elektro-Kurve kriegt. Unabhängig davon kann jeder einzelne seinen kleinen persönlichen Beitrag zur Feinstaubminderung leisten.

Einige Beispiele: Weniger Auto fahren, Fahrgemeinschaften bilden oder Bahn und Bus nutzen, was nebenbei das Portemonnaie schont. Auch weniger Holz verbrennen hilft, und an Laub gehört sowieso kein Streichholz. Wer ins Haus investieren möchte oder muss: Es gibt perfekte Angebote für  energiesparende Heizungen, Anlagen für Warmwasser und Stromgewinnung, Wärmedämmung und  Stromerzeugung.

Vielleicht findet sich darunter der eine oder andere  gute Vorsatz fürs neue Jahr. Er ist jedenfalls nicht so lästig wie, sagen wir,  abnehmen,  weniger Schokolade essen, mehr Sport treiben  oder was sonst populär ist an Vorsätzen, die spätestens im Februar verpuffen.

 

Neues Sehen

Mittwoch, Januar 4th, 2017

Die Zukunft wirft ihre Schatten voraus. Deshalb blinzeln wir zum Jahreswechsel gern schon mal ein wenig ins Neue. Und da fällt uns auf, dass es kaum noch Videotheken gibt, die in Blütezeiten selbst auf dem Lande zu finden waren. Filme ausleihen und zu Hause am Fernseher reinziehen, war in Mode.

Heute lohnt sich Videoverleih kaum noch. In Leer schließt der letzte Laden in wenigen Wochen. Der Trend dreht zum Internet-Fernsehen. Nach Hause kommen, den Fernseher einschalten und eine Sendung sehen, die einem nicht passt – das schreckt vor allem junge Leute ab. Programm-Fernsehen ist für die Älteren. ARD, ZDF, RTL und Co. profitieren noch davon, dass die Menschen immer älter werden und im Alter viel fernsehen.

Ein Film um 21 Uhr oder die Tagesschau um 20 Uhr – wenn schon, dann im Internet über die Mediatheken der Sender zur persönlich passenden Zeit. Die Jüngeren suchen sich den Film oder die Musik selbst aus. Auf der Videoplattform YouTube, oder bei so genannte Streaming-Diensten wie Amazon Prime, Netflix, Spotify oder Juke.

Die Sehgewohnheiten ändern sich. Traditionelle Sender tun sich schwer, sich ihnen anzupassen. Die Internet-Konkurrenz zieht gute Fernsehmacher, Investoren und Werbekunden an. Für die meisten Videotheken hingegen ist der Zug abgefahren. Habib Bejaoui, der in guten Zeiten elf Videotheken mit 72 Angestellten betrieb und die letzte demnächst in Leer schließt, sagte neulich: „Ende 2018 gibt es in Deutschland so gut wie keine Videothek mehr.“

Er hört sogar die Sterbeglocken für Kinos und Programm-Fernsehen läuten. Ob es so kommt? Ein Medium verschwindet selten ganz, eher verändert sich sein Anteil am Kuchen. So hat das Radio nicht die Zeitung beerdigt und das Fernsehen nicht beide zusammen. Das Internet wird nicht den ganzen Kuchen einverleiben können – aber doch ein großes Stück. Aber reicht der Rest für die anderen zum Leben?

Das Fernsehen hat einst aus dem Kreis der Familie einen Halbkreis gemacht. Film auf Bestellung zersplittert diesen Halbkreis jetzt noch mal in Einzelteile. Jedes Familienmitglied kann sich mit Flachbildfernseher, Tablet-Computer oder Smartphone nach Bedarf in seine eigene Ecke zurückziehen. Patchwork-Familien mit Kindern aus verschiedenen Ehen gibt es längst. Ihnen entspricht diese Art Patchwork-TV-Familie.

Dennoch: Optimisten sehen das lineare Fernsehen und auch das Kino nicht am Ende. Sie berufen sich auf den amerikanischen Politikwissenschaftler Anderson, der von „imaginierten Gemeinschaften“ spricht, also Gemeinschaften, die man sich  vorstellt. Demnach sind alle Gemeinschaften, die größer sind als die dörflichen mit ihren bekannten Gesichtern, vorgestellte Gemeinschaften.

So kann eine Nation eine vorgestellte Gemeinschaft sein oder eine Kirche, aber auch eine große Schar von Menschen, die sich vor dem sonntäglichen „Tatort“ versammelt oder sich ein Fußballspiel anschaut. Jeder für sich und doch alle gemeinsam.

Der Karlsruher Professor Scherer hat dies an 488 „Tatort“-Folgen untersucht. Und siehe da: Sonntags sehen zehn Millionen Menschen zur selben Zeit den „Tatort“, mit dem besagten Gemeinschaftsgefühl. „Vergleichbares funktioniert bei den Tatort-Wiederholungen nicht“, sagt er. Wenn das kein Trost ist zum Jahreswechsel.