Archive for Februar, 2017

Gut gemeint

Samstag, Februar 25th, 2017

Mit Tourismus lässt sich gutes Geld verdienen. Auch im Rheiderland, obwohl es eher eine Gegend für den zweiten Blick ist. Die Urlauber-Zielgruppe fürs Rheiderland ist zwar nicht die größte. Es sind in erster Linie Familien mit Kindern und Leute, die Ruhe suchen, außerdem Camper und vor allem Wohnmobilisten – genug, dass es sich lohnt zu überlegen, sie zu einem Urlaub hierzulande zu bewegen.

Deshalb schreiben die drei Rheiderland-Kommunen Weener, Bunde und Jemgum in ihrem gemeinsamen Dorfentwicklungsplan die Stärkung des Tourismus auf die Fahnen. Um diesen Plan umzusetzen, steuert das Land Niedersachsen über die nächsten zehn Jahre einige Millionen Euro bei.

Ziemlich weit oben auf der Wunschliste steht ein gemeinsamer Tourismusverband. Davon verspricht sich zum Beispiel der Jemgumer Bürgermeister Heikens einen „Schub nach vorne“. Die Frage ist nur, wie man diesen Schub in Gang setzt. Schon kommt ein Tourismusverband ins Gespräch.  Heikens ist Feuer und Flamme: „Im Marketing muss man in größeren Einheiten denken.“ Dagegen lässt sich nichts sagen.

Der Jemgumer Bürgermeister versetzt sich in einen möglichen Urlauber aus Nordrhein-Westfalen, denn von dort sind die  meisten Gäste zu erwarten. Von Jemgum habe der Mensch von Rhein und Ruhr vermutlich nie etwas gehört, „vom Rheiderland und vom Dollart jedoch schon“, mutmaßt Heikens.

Doch sind Rheiderland und Dollart tatsächlich bekannte Größen? Kaum. Die allermeisten Nordrhein-Westfalen haben noch nie etwas vom Rheiderland gehört.  Von Ostfriesland schon eher. Aber selbst davon haben viele nur eine vage Vorstellung. Sie verorten die Region nach Hamburg. Fast reif fürs Kabarett diese nicht seltene Aussage: „Ostfriesland? Kennen wir. Wir waren schon mal auf Sylt.“

Was sagt uns das? „Ostfriesland“ wird seit Jahrzehnten mühsam und mit viel Geld als Urlaubs-Dachmarke aufgepäppelt. Trotzdem gibt es immer wieder kleine Gemeinden oder Gemeinde-Gruppen, die auf eigene Faust Reklame machen. Selten mit Erfolg. Kirchturmdenken hat in Ostfriesland eine lange Tradition.

Das Rheiderland mit seinen 25.000 Einwohnern ist viel zu klein, um sich gegen die riesige Konkurrenz durchzusetzen. Hinzu kommt, dass es ein Heidengeld kostet, eine Dachmarke Rheiderland zu profilieren. Für ein solches Marketing würde nicht einmal das komplette Geld reichen, das für den Dorfentwicklungsplan vorgesehen ist.

Es ist zweifellos gut, wenn Weener, Bunde und Jemgum enger zusammenarbeiten, nicht nur im Tourismus. Aber muss es ein eigener Tourismusverband sein? Mit Geschäftsstelle und Personal? Nein.

Es gibt keinen Grund, dieses Fass aufzumachen. Denn die Tourismus GmbH Südliches Ostfriesland arbeitet seit Jahrzehnten erfolgreich. Sie kennt den Markt, weiß, wie der touristische Hase läuft. Das Rheiderland ist bei ihr gut aufgehoben. Es braucht keinen neuen Verband, bei dem nur eines sicher ist: Er kostet Geld.

Eine Überlegung wert ist eine touristische Fachkraft, die sich perfekt im Internet bewegt  und alle digitalen Kanäle nutzt – für das Rheiderland als Urlaubsgebiet und für Vermieter direkt, diese auch schult. Eine Fachkraft, die weiß, wie Direktmarketing geht und wie man auf dem Klavier der Sozialen Medien spielt. Sie würde ihre Kosten selbst refinanzieren. Ein Tourismusverband Rheiderland ist bestenfalls gut gemeint.

 

 

 

 

 

Alles Bio – oder nicht?

Sonntag, Februar 19th, 2017

Ernährung wird zur Ersatzreligion. Das ist keine Einzelmeinung mehr. Vegetarismus, Veganismus, Rohkost oder Ayurveda – viele Menschen verschreiben sich diesen Ernährungsformen. Es könnte etwas mit dem Glauben an ewige Gesundheit zu tun haben. Ernährungslehre als Heilsbotschaft.

„Die herrschende Gesundheitsreligion feiert ihre Hochämter bei Städtemarathons, die Fitnessstudios sind ihre Wallfahrtskapellen und Diätbewegungen ihre Bußübungen.“ Klingt krass, aber es stammt von einem Chefarzt, Philosophen und Theologen aus Köln, der immerhin den Papst berät.

Brechen wir es herunter von der Religion aufs tägliche Dasein. Currywust mit Pommes und Schranke rot-weiß – wer es isst, kann schon mal herablassende Bemerkungen hören. Das Geschäft mit Bio brummt. So geht heute in Nürnberg die Naturkostmesse „Biofach“ zu Ende. Es dürfte kein Zufall sein, dass diese weltweit größte Fachmesse ihrer Art in Deutschland stattfindet.

Bio-Milch, Möhren, Sellerie, Kohl oder Körner sind längst aus den ersten  Bio-Läden mit schrumpeligen Früchten in die Supermärkte geschwappt. Die Aldis, Lidls, Combis und Multis dieser Welt bauen stetig ihr Bio-Angebot aus. Dieses Geschäft lässt sich ein guter Kaufmann nicht entgehen.

Die Bio-Kundschaft wächst. Innerhalb weniger Jahre wuchs sie von 22 Prozent auf knapp ein Drittel. Sie hat bereits einen Fachnamen: Lohas, die Abkürzung von „Lifestyles of Health and Sustainability“, übersetzt „Lebensstil, der von Gesundheitsbewusstsein und Nachhaltigkeit geprägt ist“. Das kaufmännisch Interessante an den Lohas: Sie geben gern mehr Geld für Lebensmittel aus. Hauptsache Bio.

Beim Blick in den Einkaufswagen lassen sich Unterschiede erkennen. Denn der so genannte kleine Mann kann sich die teuren Bio-Waren kaum   leisten. Deswegen aber muss er sich nicht grämen. Denn auch aus dem normalen Lebensmittelangebot kann er sich gesund und lecker ernähren. Nur auf ein Heilsgefühl muss er verzichten.

Die Politik greift das Thema Bio-Ernährung auf. Die Grünen sind mit ihrem „Veggie-Day“ vor ein paar Jahren noch auf den Bauch gefallen. Jetzt grub Landwirtschaftsminister Schmidt, CSU, einen alten Plan seiner grünen Vor-Vorgängerin Künast wieder aus. Sein Ziel: 20 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche bei uns soll ökologisch bewirtschaftet werden. Zurzeit sind es zehn. Bis wann, verrät er vorsorglich nicht, sagt nur „in naher Zukunft“.

Wobei uns in diesem Zusammenhang noch einfällt: Bio ist nicht unbedingt Öko. Die „Süddeutsche Zeitung“ schreibt, dass auf der Bio-Fachmesse in Nürnberg die Bio-Avocado aus Mexiko groß gefeiert wird. Obwohl trotz Bio kaum Öko bleibt: Um die Avocado anzubauen, haben die Bauern besten Wald gerodet und Tausende Liter Wasser verbraucht, und dann schippert die Frucht einmal rund um die Welt.

Das Problem der Naturkost-Bewegung: Je stärker die Nachfrage nach Bio, desto industrieller muss produziert werden. Rind und Schweine in Massenhaltung, Obst und Gemüse in Monokulturen, und für die meisten Bio-Eier werden „wie in der konventionellen Produktion männliche Küken getötet“, heißt es in der „Süddeutschen“. Kommt einem bekannt vor.

 

Lieb und teuer

Sonntag, Februar 12th, 2017

Mieten ist billiger als im eigenen Haus wohnen – übers ganze Leben gerechnet. Das nimmt der Ostfriese höchstens zur Kenntnis, aber er glaubt es nicht. Selbst  wenn Leute, die etwas von Geld und Geschäft verstehen, es ihm vorrechnen. Wohnen hat mit Gefühl zu tun. Der Gang ums eigene Haus oder zumindest der Besitz eigener vier Wände ist vielen lieb und teuer.

Es ist kein Zufall, dass es bei uns pro Kopf mehr Baumärkte gibt als anderswo.  Besucher und Urlauber wundern sich über die vielen schmucken Einfamilienhäuser.

Aber der Grundstücks- und Immobilienmarkt wandelt sich. Grundsätzlich stimmt nach wie vor, dass Bauland und Eigentumswohnungen in Ostfriesland  günstig sind – aber nur im Vergleich mit größeren Städten, wo selbst Gutverdiener sich kaum Eigentum leisten können und sich für die Miete strecken müssen.

Neben Borkum, wo Wohnungen für Arbeitnehmer unerschwinglich sind, gibt es im Landkreis Leer noch einen preislichen Ausreißer, wenn auch nicht so krass: Die Kreisstadt. Der jüngste Grundstücksmarktbericht weist einen durchschnittlichen Grundstückspreis von 159 Euro je Quadratmeter aus, während Jemgum mit 30 Euro verbucht wird.

Mit 159 Euro kommt man in der Innenstadt von Leer jedoch nicht weit. Ein Beispiel: Wer ein geräumiges Einfamilienhaus mit Garten in Innenstadtnähe gegen eine 100-Quadratmeter-Wohnung in der Altstadt tauschen möchte, wird kaum einen Partner finden. Ein Hinweis, dass Bauen und Wohnen in Leer teuer ist, war vor wenigen Jahren die Ansiedlung des weltweit tätigen Immobilienbüros Engel und Völkers, das sich nur dort niederlässt, wo es gut zu verdienen gibt.

Hohe Immobilienpreise sind kein schlechtes Zeichen. Sie deuten darauf hin, dass es vielen Menschen wirtschaftlich gut geht. Ein Problem entsteht bei zu großer Nachfrage. Sie führt dazu, dass Wohnen für Normalverdiener unverhältnismäßig teuer wird und Geringverdiener sich keine vernünftige Wohnung mehr leisten können. Die Stadt Leer ist nicht weit von diesem Punkt entfernt. Sie hat das Problem erkannt und will mit neuem Bauland den Wohnungsmarkt entspannen.

Ein wenig hilft auch, dass Investoren ältere Einfamilienhäuser abreißen und an deren Stelle Häuser mit mehreren Wohnungen bauen. Immer mehr älteren Leuten werden Haus und Garten zur Last – beides ist nach dem Auszug der Kinder zu groß geworden, die Arbeit damit wächst über den Kopf. Die kleinere Miet- oder Eigentumswohnung ist dann ein Ausweg. Der demografische Wandel mit immer mehr älteren Menschen verstärkt diesen Trend, auch in den Dörfern.

Günstig leben lässt es sich noch auf dem Dorf. Deshalb müssen kleine Orte attraktiv gehalten werden, was jedoch schwer ist. In den Rathäusern und im Kreishaus macht man sich darüber schon länger Gedanken. Wohnungen zu bauen ist das eine. Das andere ist das gesamte Umfeld. Arzt, Apotheke und Laden sollten schon gut erreichbar, am liebsten um die Ecke sein. Café und Restaurant sind auch nicht schlecht. Treffpunkte für Alte runden es ab.

Alles in jedem kleinen Dorf anzubieten ist nicht möglich. Besonders deshalb müssen die Menschen mobil bleiben, auch wenn sie selbst nicht mehr Auto fahren können. Um die Dörfer nicht ausbluten zu lassen, sind Busangebote mit engem Fahrplan nötig.

Makel für Leer

Sonntag, Februar 5th, 2017

Ostern vor fast einem Jahr sollten Besucher der Leeraner Innenstadt über freies W-Lan ins Internet kommen. Bürgermeisterin Beatrix Kuhl hatte es einige Monate zuvor stolz verkündet, der Einzelhandel stimmte freudig zu. Wer die leeren Worte für bare Münze nahm, ist heute enttäuscht. Noch immer mangelt es am flächendeckenden W-Lan in Leer.

Der Hauptgrund: Hausbesitzer weigern sich, relativ unscheinbare W-Lan-Geräte an die Frontmauern montieren zu lassen. Sie halten die Digitalisierung offensichtlich für eine Art Schnupfen, der wieder verschwindet. Oder haben den Schuss nicht gehört. Vielleicht sind sie einfach gleichgültig.

Neues macht vielen Menschen Angst. Von ähnlichem Verhalten berichten Historiker nach der Erfindung des Buchdrucks im 16. und später mit Beginn des Industriezeitalters im 19. Jahrhundert. Sogar als Romane aufkamen, entzündeten sich hitzige Debatten: Sie schadeten der Jugend, weil sie diese in eine Scheinwelt entführten.

Aktuell  erinnert es an Debatten unter Lehrern über die Nutzung von Smartphones und anderen Computern. Über das Ob zu diskutieren ist vergebliche Mühe, es kann  nur noch um das Wie gehen. Technische Entwicklungen lassen sich nicht aufhalten.

Zurück nach Leer: Die W-Lan-Schlappe ist ein Makel für die Stadt, die sich gern und zu Recht als Handelsplatz Nummer eins in Ostfriesland rühmt. Aber das ist kein Naturgesetz.

Ein Beispiel, wie es geht, liefert die Stadt Minden an der Weser. Dort gibt es in der Innnenstadt freies W-Lan. Mit sensationellem Erfolg. Im ersten Dreivierteljahr 2016 registrierte man mehr als fünf Millionen „Sessions“, wie  neudeutsch „Sitzungen im Internet“ genannt werden.

Bei einem Weihnachtsmarkt 2014 haben die Mindener das Projekt getestet und dann in der ganzen Innenstadt ausgebaut. Besucher und Kunden können, ohne immer wieder aus dem Netz zu fliegen, die Angebote aus Handel, Gastronomie, Kultur, Tourismus und Events abrufen. Im Schnitt sind an normalen Tagen 750 Geräte gleichzeitig im Netz. Pro Tag wird es von bis zu 7.300 unterschiedlichen Smartphones oder iPads angesteuert. Durchschnittliche Verweildauer: 15 bis 20 Minuten.

Das Institut für Handelsforschung (IFH) in Köln hat jüngst in ganz Deutschland tausende Menschen gefragt, wie sie die Innenstädte beurteilen. Drei minus. Begeisterung klang wenig durch. Das IFH stellte auch fest, dass der Online-Handel dem Einzelhandel zusetzt – aber nicht so stark, wie es der Handel gern an die Wand malt. Vielmehr müsse der Handel die digitalen Chancen nutzen,  was er aber –  wie der gesamte Mittelstand – häufig unterlasse.

Kunden legen vor allem Wert auf den Charakter der Gebäude, Plätze und Grünflächen, dann folgt das Einzelhandelsangebot. Eine untergeordnete Rolle spielen demnach Parkplätze und verkaufsoffene Sonntage.

Die Handelsforscher sagen: „Die Städte müssen sehen, was sie besonders auszeichnet und das dann betonen.“ Besonders mit einer Altstadt könne man punkten, genauso wichtig sei ein attraktiver Sortiment-Mix.

Und noch eins wurde deutlich: Der größte Gegner für die Innenstädte ist noch nicht der Online-Handel, sondern die Einkaufsstraße in der Nachbarstadt. Bei Bekleidung, Wohnartikeln oder Schreibwaren wandern Kunden eher in andere Städte ab als ins Internet. Das jedenfalls sind keine leeren Worte.