Archive for August, 2017

Bunte Vögel

Samstag, August 26th, 2017

Papageien sind sprachbegabte Vögel. Als die „Leda“ in Leer noch eine richtige Kneipe war, wurden Gäste zu ihrer Freude von einem Papagei begrüßt – mit einem fröhlichen „Blödmann“. Keine Sorge:  Grund dieser Betrachtung ist nicht etwa eine journalistische Saure-Gurken-Zeit ohne Nachrichten.

Im Gegenteil: Der eine oder die andere mag es kaum glauben, aber im Leeraner Ortsteil Heisfelde treibt sich ein Papagei herum, genau gesagt: ein Halsbandsittich. Er saß dort zunächst in einem Busch in einem Garten und kreischte, was die Stimme hergab.

Ein Fachmann des Naturschutzbundes (Nabu) glaubt nicht, dass der lautstarke Vogel aus einem Käfig ausgebüxt ist. Papageien gelten ja als schlau. Deshalb könnte an seiner These etwas dran sein, dass eine Kolonie in Münster das Tier als Kundschafter losgeschickt hat, um herauszufinden, ob es sich auch anderswo als in Münster angenehm leben lässt. So landete der Sittich schließlich in Heisfelde. Sollte er jetzt den fast 200 Kilometer langen Rückweg finden und seinen Artgenossen vorschwärmen,  wie schön und attraktiv es in Leer ist, könnten hier bald ornithologisch lebhafte Zeiten anbrechen. Und wer bisher unter Krähen litt, wird deren Gekrächze künftig wie eine Sinfonie empfinden.

Genau wie Krähen sind Halsbandsittiche gesellige Vögel, die immer scharenweise auftreten und mächtig Krach schlagen. Sie ziehen das Treiben in der Stadt dem ruhigen Landleben vor, brauchen aber Parks,  Gärten, Baumreihen und –gruppen. Das sind ihre Lieblingsplätze. Leer ist also bestens gerüstet.

Der Nabu vermutet Münster als Heimat des Heisfelder Solisten. Eine Hochburg der Halsbandsittiche ist jedoch Köln. Und Düsseldorf steht nicht nach. In der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt beweisen die Vögel sogar einen exquisiten Geschmack, denn sie haben sich an der Königsallee niedergelassen. Ja, genau, mitten auf der „Kö“, dem  bekannten Prachtboulevard, wo die teuersten Mode- und Schmuckläden der Welt um reiche Kundschaft buhlen.

Tagsüber sind die Papageien meistens unterwegs, aber am späteren Nachmittag fallen sie wieder an der „Kö“ in ihre Ruhequartiere ein. Sie überziehen die teuer gewandeten Damen auf der Luxuseinkaufmeile mit kreischendem schrillem Gezwitscher – und lassen gern etwas fallen, was sich besonders auf edlem Zwirn oder frischem Lamborghini-Lack gar nicht gut macht.

Kaufleute und die Stadt Düsseldorf schaffen es einfach nicht, die Sittiche von der „Kö“ zu verbrämen. Sie diskutierten sogar darüber, ob man sie mit Wasserstrahlen von den Baumkronen fernhalten könne. Das stieß auf Widerstand vieler Bürger, denn Papageien genießen allgemein  einen guten Ruf. Wie Krähen haben auch Sittiche streitbare Unterstützer unter den Menschen.

Warum sich diese Vögel in Düsseldorf vor allem an der „Kö“ so wohlfühlen, kann keiner genau sagen. Bekannt ist nur, dass sie aus Afrika und Asien stammen und früher als Haustiere gehalten wurden. Aber weil sie so bewegungsfreudig sind, eigneten sie sich nicht für den Käfig – also ließ man sie einst frei. Mit unserem Klima kommen sie klar.

Und jetzt stehen sie vor den Toren der Stadt Leer. Vielleicht kann sich die Fußgängerzone papageienmäßig bald mit der „Kö“ messen. Das dürfte kein Problem sein. Ist Leer nicht schon jetzt eine Stadt mit  bunten Vögeln?

 

 

 

 

 

Das Ziel heißt Gigabit

Montag, August 21st, 2017

Es gibt Ereignisse, die große Worte vertragen. So der massive Ausbau des Breitbandnetzes mit Glasfaser  im Landkreis Leer. „Die Weichen auf Zukunft stellen“, nennt Landrat Matthias Groote den Eintritt ins Gigabit-Zeitalter. Er rechnet so: Glasfaser macht eine Internet-Geschwindigkeit von 1.000 Megabit pro Sekunde (Mbit/s) möglich, was einem (1) Gigabit entspricht. Das heißt: Der Privatkunde kann Fernsehen sauber streamen, der Unternehmer das Internet optimal nutzen, der Arzt Telemedizin betreiben.

39 Millionen Euro gibt der Landkreis in den nächsten anderthalb Jahren für Breitband aus – seine bisher größte Einzelinvestition in Infrastruktur. Das ist kein weggeworfenes Geld, sondern eine dringend notwendige Ausgabe, um  wirtschaftlich Schritt zu halten. Unternehmen, Schulen, Krankenhäuser und Privathaushalte sind mehr denn je auf schnelles Internet angewiesen. Hochleistungsfähig und stabil muss es sein.

Deshalb zeugt es von Weitsicht, dass der Landkreis auf Glasfaser bis ans Haus setzt – und nicht auf die Vectoring-Technik, mit der die Deutsche Telekom ihre alten Kupferkabel aufrüsten will. Es ist absehbar, dass die bisher in einigen Gebieten erreichbare Geschwindigkeit von 50 Mbit/s nicht mehr reicht. Unternehmer, die bereits intensiv online unterwegs sind, sagen, dass in fünf Jahren selbst 100 Mbit/s zu wenig sind. Das digitale Zeitalter nimmt immer mehr Fahrt auf, deshalb gilt Vectoring bei vielen Fachleuten als digitale Steinzeittechnik.

Zur Finanzierung: Gesetzlich sind die Anbieter, also EWE, Telekom und Co., für den Breitbandausbau zuständig – aber nur dort, wo es sich rentiert. Das sind  Ortskerne, große Städte, dort, wo viele Leute wohnen. Wo es sich für Anbieter nicht rechnet, springt der Staat ein. Der Landkreis ist dafür ein gutes  Beispiel.

Die Verwaltung rechnete eine Wirtschaftlichkeitslücke von knapp 20 Millionen Euro aus. Um sie zu schließen, gehen Landkreis, Städte und Gemeinden an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit. Das macht ein Blick auf die Finanzierung der 39 Millionen deutlich.  Der Landkreis zapft die Geldtöpfe des Bundes um 11,2 und des Landes Niedersachsen um zwei Millionen Euro an, er selbst sowie die Städte und Gemeinden steuern 6,7 Millionen bei, je zur Hälfte. Dieses Staatsgeld von rund 20 Millionen Euro löst die große Investition in fast doppelter Höhe aus.

Landkreis und Gemeinden haben jeden möglichen Euro aus Berlin und Hannover abgerufen, so dass kein Cent verloren geht. Das wäre der Fall, wenn sie die Zuschüsse nicht entsprechend aus eigener Tasche aufgerundet hätten. Fachausdruck: Komplementärfinanzierung.

Die riesige Investition ist nicht die letzte, denn es gibt noch viel zu tun. Mit den 39 Millionen werden knapp 10.000 so genannte Anschlusspunkte in 134 Ausbaugebieten erschlossen, erfreulicherweise in Randgebieten. Das sind rechnerisch 11.500 Haushalte. Im Landkreis ohne Borkum gibt es jedoch 67.000 Anschlusspunkte, von denen aktuell 16.000 unter 30 mbit/s liegen. Nach dem Ausbau bleiben noch 6.000 unterversorgt.

Landrat Groote spricht deshalb schon von weiteren Ausgaben in Breitband. Das ist gut so. Denn Landkreise und Gemeinden, die Investitionen in die Digitalisierung scheuen,  fördern  die Abwanderung von Menschen und Unternehmen.

 

 

So schaffen wir es nicht

Freitag, August 11th, 2017

Es ist ein Alarmsignal. Nach nur einem Jahr wirft der Verein „Wachstumsregion Ems-Achse“  die Flinte ins Korn und vermittelt keine Flüchtlinge mehr in Arbeit oder Lehrstelle. Das hochgelobte Projekt war für zwei Jahre vorgesehen. Das Land Niedersachsen wollte mit 175.000 Euro helfen, die Ems-Achse rief nur ein Drittel ab.

Der Ems-Achse gehören 400 Unternehmen, plus 130 weitere Mitglieder an: Landkreise, Kommunen, Behörden, Verbände und Hochschulen. Dieses an sich starke Bündnis wollte qualifizierte Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integrieren, um den Fachkräftemangel zu lindern. Man schätzt die Zahl der in Frage kommenden Asylsuchenden zwischen Nordsee und Bentheim auf 6000. Ihr stehen 2000 freie Lehrstellen und freie Plätze in Firmen gegenüber. Da müsste ja was zu machen sein, dachte sich die Ems-Achse. Große Firmen sollten die Flüchtlinge in ihren Ausbildungswerkstätten vorbereiten, bevor sie zur Ausbildung oder Arbeit in kleinere Betriebe wechselten.

Die Idee scheiterte an der Wirklichkeit. Die Ems-Achse konnte 18 Flüchtlingen ein Praktikum vermitteln und dreien eine Lehrstelle. Erhofft hatte sie sich mindestens 100. Was sind die Gründe? Geschäftsführer Dr. Dirk Lüerßen sagt, man habe „zu wenig verfügbare Flüchtlinge“ gehabt. Er führt es auf konkurrierende Maßnahmen wie Sprachkurse  zurück, oder auf schlechtes Deutsch.

Doch daran dürfte das Projekt kaum gescheitert sein. 400 Betriebe und 130 starke Organisationen hätten mit gutem Willen mehr auf die Beine stellen können als lächerliche  18 Praktika und drei Lehrstellen. Aus folgender Begründung wird schon eher ein Schuh: So hätten Großbetriebe wie etwa VW in Emden wegen anderer Probleme nicht genügend Luft für Flüchtlinge gehabt. Und noch eines führt Lüerßen an: Die Ems-Achse habe bei kleinen Betrieben mitunter viel Aufwand betreiben müssen, um „Bedenken abzubauen“.

Eigentlich sind die Voraussetzungen für die Aufnahme von Flüchtlingen gut, denn Deutschland erfüllt die dafür wichtigste Voraussetzung: Die Wirtschaft brummt, so dass Flüchtlingen kaum Konkurrenten für heimische Arbeitskräfte sind.

Also spielen kulturelle Gründe eine Rolle. Ein Drittel der Bevölkerung ist kulturoptimistisch, sieht Zuwanderung als Chance, sagt der Migrationsforsche Klaus J. Bade. Ein anderes Drittel seien die Kulturpessimisten. Für sie sei kulturelle Vielfalt der Untergang von Volk und Abendland. Jetzt laufe der Kampf um das noch diffuse Drittel dazwischen. Die Grenzen verschwimmen, je nachdem, um welche Frage es gehe.

Dieser Tage besuchte der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, Wollseifer, in Leer die Akademie der Innungen der Kreishandwerkerschaft. Auch er kritisierte, dass dem Arbeitsmarkt zu wenige Flüchtlinge zugeführt würden. Gründe seien zu hohe Anforderungen an Sprachkenntnisse – und dass viele Kommunen Flüchtlinge trotz Ausbildungsvertrag abschieben. Was der Landkreis Leer jedoch nicht tut.

Die Handwerkerschaft geht mit einem Interkulturellen Arbeits-und Sprachtraining mit gutem Beispiel voran. Er bringt ein Jahr lang 30  Menschen aus verschiedenen Nationen der Arbeitswelt nahe, ermittelt ihre Fähigkeiten und ob sie weiter qualifiziert werden müssen.  Mit Erfolg. Aus diesem Tropfen auf den heißen Stein muss ein steter Strom werden. Sonst schaffen wir es nicht.

Moschee und die Volksseele

Sonntag, August 6th, 2017

An der vielbefahrenen Oldersumer Straße 78 in Aurich-Haxtum steht eine unbewohnte Bruchbude. Sie soll abgerissen und durch einen einstöckigen Neubau ersetzt werden. Normalerweise hätten sich die Haxtumer bestimmt darüber gefreut. Doch der Neubau soll als Moschee dienen, flankiert von zwei Minaretten, zehn Meter hoch. Das lässt die Volksseele kochen.

Auf Facebook pöbelt der Mob gegen Muslime, Moscheen oder Religionen allgemein. Bürger mit besseren Manieren, denen die ganze Richtung nicht passt, gehen subtiler vor. Sie verlangen per Unterschriftenliste vom Rathaus, den Bau zu verbieten – wegen  Lärmbelästigung, zugeparkter Einfahrten und Überfremdung.

Den Bauantrag stellte das „Islamische Kulturzentrum Aurich“, ein eingetragener Verein. Bislang treffen sich die Muslime in einem Raum oberhalb einer Diskothek. Dort ist es zu eng. Zum Freitagsgebet, wöchentlicher Höhepunkt im muslimischen Leben, kommen rund 200 Menschen. Sie beten in zwei Schichten.

Nach geltendem Baurecht ist der Bau der Moschee genehmigungsfähig, sagt die Stadtverwaltung. Der Stadtrat hat sich bereits mit dem Thema beschäftigt. Er mahnt gleiche  Bedingungen für die Moschee an, wie sie für alle gelten. Die Entscheidung fällt bald.

Parken dürfte kein Problem mehr sein, denn der Bauherr will die Zahl der Parkplätze von vier auf acht verdoppeln. Das reicht, denn für religiöse oder kulturelle Bauten gelten nicht so strenge Vorschriften wie für Läden. Außerdem will der Islamische Kulturverein das Freitagsgebet von 12 auf 13:30 Uhr bis 14 Uhr verschieben, dann sind Parkplätze der benachbarten Gesamtschule frei. Die meisten Gläubigen kämen ohnehin zu Fuß oder mit dem Fahrrad, sagt der Vorsitzende. Der Weg zu Fuß zum reinigenden Freitagsgebet werde von Gott belohnt.

Die Moschee-Gegner malen noch ein Schreckbild an die Wand: Demnach lasse bald ein Muezzin oben vom Minarett seine Stimme zum Gebetsaufruf über Aurich schallen. Das ist aber gar nicht vorgesehen, auch nicht per Tonband. Wie überhaupt in  Deutschland Muslime auf Gebetsaufrufe verzichten – aus Rücksicht auf die Umgebung. Zur Erklärung: Was christlichen Kirchen die Glocke, ist Muslimen die Stimme.

Baurechtlich spricht wenig gegen den Bau einer Moschee. Aber kommt Religion ins Spiel, gewinnen Glaube oder Gefühle oft die Oberhand. Unsere Vorfahren haben sich in Religionskriegen die Köpfe eingeschlagen. Vor wenigen Generationen noch tobten heftige Kulturkämpfe zwischen Protestanten und Katholiken. In Ostfriesland waren sich Lutheraner und Reformierte lange nicht grün, und die stabilste Grenze zum Emsland war die Konfessionsgrenze. Und als vor gut 65 Jahren die Lutheraner in Weener ihre Kirche bauten, gab es mächtig Ärger.

Heute kennen die meisten Menschen kaum noch Konfessionen. Sie haben mit Kirche wenig am Hut. Aber wenn es um Muslime geht, verzerren sich Gesichter. Diese Erfahrung macht auch der Vorsitzende der Auricher CDU und Landtagskandidat Folker Diermann. Er ist zwar gegen die Minarette, möchte aber zwischen dem Kulturverein und aufgebrachten Bürgern vermitteln. Er sieht sich massiven Vorwürfen ausgesetzt. So habe sich ein Unternehmer von ihm losgesagt mit der Begründung, „ein Förderer einer Moschee in Aurich sei für ihn nicht wählbar“. Zumindest eine ehrliche Aussage, statt Lärm oder Parkplätze vorzuschieben.