Archive for Januar, 2018

Telemedizin hilft

Montag, Januar 29th, 2018

Später werden wir sagen: Wir sind dabei gewesen. Die Digitalisierung des Alltags und der Arbeitswelt nimmt Fahrt auf. Sie macht auch keinen Halt vor der Medizin. Im Gegenteil. Hier sind in den nächsten Jahren spektakuläre Entwicklungen zu erwarten. Anfänge sind gemacht, vor allem in Krankenhäusern und Therapiezentren. In Bochum bringt zum Beispiel ein Roboter fast gelähmte Menschen wieder ans Gehen.

Bei uns im Landkreis geht im April die Telemedizin in der Augenheilkunde an den Start – mit dem Projekt  „Ophthamed-Telenet“. Von diesem Namen sollte sich keiner abschrecken lassen, denn dahinter steckt medizinischer Fortschritt, der den Menschen hilft. Genau: Die  Insel Borkum augenmedizinisch besser zu versorgen.

Ein Besuch zum Augenarzt kostet die Borkumer eine Tagesreise nach Leer oder Emden. Wegen dieses Umstandes bleiben nicht selten Augenkrankheiten zu lange unbehandelt, von Vorsorge gar nicht zu reden. Das soll sich ändern. Der Landkreis Leer mit seinem Klinikum trägt das zweijährige Projekt. Es kostet 100.000 Euro. Beteiligt sind Land, Kassen und Ärzte.  In dieser Zeit soll ein telemedizinisches Netzwerk zwischen Kliniken, Haus- und Fachärzten und Patienten aufgebaut werden.

Augenärzte machen den Anfang. Das ZG Zentrum Gesundheit GmbH im Klinikum leistet die medizinische Arbeit. Es sammelt längst Erfahrungen mit der Telemedizin und arbeitet beispielsweise mit der Ammerland-Klinik Westerstede und dem Ludmillenstift Meppen zusammen.

Das Projekt Borkum muss man sich so vorstellen: Das ZG rüstet im Inselkrankenhaus, das zum Klinikum Leer gehört, auf eigene Kosten ein Diagnostikzentrum mit Mess- und Untersuchungsgeräten und Kamera für 200.000 Euro aus. Eine medizinische Fachangestellte betreut es und übermittelt Messwerte und Bilder nach Leer, wo ein Augenarzt eine erste Diagnose stellt. Er klärt vor allem, ob eine Behandlung dringend ist oder nicht.

Auf Sicht sollen Hausärzte und Medizinische Versorgungszentren in einem Netzwerk verbunden werden. Es geht nicht nur um reine Augenprobleme, sondern auch um mögliche Folgen von Diabetes mellitus (populär „Zucker“) oder Bluthochdruck. Beides kann zu Sehbehinderungen oder Erblindungen führen. „Zucker“, Grüner Star (Glaukom) oder eine Netzhauterkrankung (Makula-Degeneration) können Patienten pflegebedürftig machen.

Augenarzt Dieter Hagedorn, geschäftsführender Gesellschafter des ZG, ein Pionier der Telemedizin, sagt: „Wir sind als Reparaturbetrieb organisiert, müssen aber zu einem Präventionsbetrieb werden.“ Nötig sei eine gute digitale Infrastruktur. Dann ließen sich ländliche Randbezirke an Universitäts-Kliniken anschließen. Hagedorn setzt langfristig auf Algorithmen in der Medizin, sprich künstliche Intelligenz. Schränkt jedoch ein: „Sie wird den Arzt nicht ersetzen“.

Telemedizin soll den Zugang zu Fachärzten erleichtern und zeitlich beschleunigen; monatelange Warterei auf einen Termin beim Facharzt und dann eventuell noch mal auf eine Operation verjagen. Entscheidend: Haus- und Fachärzte arbeiten Hand in Hand. Ein Problem muss noch gelöst werden: Die Software zwischen den Ärzten ist selten kompatibel.  Es gibt keine einheitlichen Software-Standards.

In zwei Jahren wird das Leeraner Telemedizin-Projekt überprüft. Geht es gut aus, kann das Rheiderland mit seiner Randlage profitieren.

 

 

Gläubige unter Schock

Montag, Januar 22nd, 2018

Für jede Kirchengemeinde dürfte es ein Alptraum sein, wenn ihr Pastor mit dem Gesetz in Konflikt kommt. Vor allem, wenn er damit gegen ethisch-moralische Tabus verstößt. Wie der Pastor der Baptistengemeinde Firrel, der sich zur Kinderpornografie hingezogen fühlt.

Er musste sich deswegen vor dem Amtsgericht Leer verantworten, das ihn wegen Besitzes von kinder- und jugendpornografischen Fotos zu einer Geldstrafe von 6.000 Euro verurteilte. Er hatte die Fotos in Dateien auf seinem Rechner gespeichert und in einem Fall sogar öffentlich gemacht – in einem Internet-Chatroom. Der Fall erregt Aufsehen und auch Entsetzen.

Das Urteil erscheint als milde. Das Gericht begründet dies mit der relativ geringen Zahl der Dateien – vier – und dem Schuldeingeständnis des Geistlichen, der Frau und zwei Kinder hat. Normalerweise steht auf Besitz und Nutzung von Kinderpornografie eine Freiheitsstrafe von mindestens drei Monaten. Das Strafmaß reicht bis zu mehreren Jahren.

Bemerkenswert die unmittelbare Reaktion von Gemeindegliedern im Gericht. Die Ostfriesen-Zeitung zitierte einen Verantwortlichen der Gemeinde mit den Worten: „Es war ein einmaliger Vorfall, den er bereut. Gott hat ihm vergeben.“ Wie der Verantwortliche dies von Gott weiß, bleibt sein Geheimnis. Für die Gemeinde allerdings hat er nicht gesprochen. Sie distanziert sich jetzt auf ihrer Homepage in deutlichen Worten von ihrem Pastoren.

Sie habe ihn „mit sofortiger Wirkung von allen Diensten freigestellt“ und prüfe weitere dienstrechtliche Schritte. Und verweist auf „unermessliches seelisches Leid bei den zu diesen Zwecken betroffenen Kindern und Jugendlichen“.

Die Gemeinde, die gut 200 getaufte Mitglieder zählt, schreibt, sie sei bis zum 9. Januar 2018, dem Tag des Zeitungsberichts über die Gerichtsverhandlung, „nicht über diese Vorgänge informiert“ gewesen. Beobachter sagen, der Pastor hat seine Gemeinde unter Schock gesetzt.

Ostfriesland und benachbarte Gegenden sind, wie könnte es anders sein, keine Inseln der Seligen. So ist Kinder- und Jugendpornografie zwar nicht täglich, jedoch nicht selten Gegenstand vor Gericht, wobei die Dunkelziffer vermutlich ungleich größer ist. Google speit eine Unzahl von Urteilen aus. Täter sind meistens Männer, aber auch Frauen kommen vor. Aus verschiedensten Berufen, auch aus solchen mit hohem Vorbildanspruch wie Lehrer und Geistliche. Der bekannteste Kinderpornografie-Fall ist verbunden mit dem ehemaligen Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy.

Kinderpornografie spielt sich vorwiegend in den Sümpfen des Internets ab. Sie auszutrocknen macht sich das Bündnis WhiteIT zur Aufgabe, das beim niedersächsischen Innenminister angesiedelt ist. WhiteIT steht – übersetzt – für saubere Informations-Technik. Mehr als 70 Partner aus Industrie und Handel, Strafverfolgungsbehörden, Gewerkschaften, Vereinen, Opferschutzverbänden, Wissenschaft und öffentlicher Hand entwickeln Strategien zur Bekämpfung sexueller Gewalt gegen Kinder und deren Darstellung im Internet und versuchen, sie gemeinsam umzusetzen.

Damit ist der gebeutelten Kirchengemeinde Firrel wenig geholfen. Sie findet eher Trost beim Propheten Hesekiel in der Jahreslosung auf der Startseite ihrer modern gestalteten Homepage: „Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“

Ungesund

Montag, Januar 15th, 2018

Gesundheitspolitik ist ein vermintes Feld. Mächtige Gruppen kämpfen mit harten Bandagen um milliardenschwere Töpfe. Pharma-Industrie, zig Krankenkassen für gesetzlich und privat Versicherte, staatliche und private Krankenhausbetreiber, Ärzte und Apotheker mit ihren Kammern und  Berufsverbänden, Pflegedienste, medizinische Labore aller Art, Physiotherapeuten,  Masseure und andere mehr.

Am Ende dieser Nahrungskette stehen die Patienten. Der arbeitende Teil von ihnen finanziert das System, auch noch als Rentner oder Pensionär. Ohne Mitsprache. Sie können nur hoffen, dass einigermaßen vernünftig mit ihren Beiträgen umgegangen wird.

Direkt in Kontakt mit dem Gesundheitssystem kommt der Normalbürger in einer Arztpraxis oder einem Krankenhaus. Auch dort ist nicht mehr alles Friede, Freude, Eierkuchen. Ursache ist die so genannte Budgetierung. Seitdem können Ärzte mit der Eröffnung einer Praxis nicht mehr gleichzeitig eine Geldruckmaschine in Gang setzen. Besonders bei Zahnärzten lief sie mit hoher Geschwindigkeit. Das kommt noch vor, ist aber nicht mehr unbedingt der Fall.

Die Budgetierung hat zur Folge, dass Kassenpatienten am Ende eines Quartals schwer einen Termin erhalten – weil der Arzt sein Budget verbraucht hat. Behandelt er trotzdem weiter und schreibt Rezepte aus, drohen ihm Nachzahlungen. Er ist deshalb praktisch gezwungen, seine Arbeit zu drosseln.

Für Privatversicherte gelten diese Einschränkungen nicht. Sie erhalten deshalb bevorzugt Termine. Nicht selten werden sie überbehandelt. Der Arzt untersucht über das Notwendige hinaus und setzt unnötig Apparate ein, weil er alles abrechnen kann, sogar mit einem höheren Faktor als bei gesetzlich Versicherten. Er bekommt also mehr Geld für die gleiche Leistung.

Grundsätzlich gilt das natürlich auch für ostfriesische Ärzte. Sie haben allerdings das Pech, dass hier im Gegensatz zu Großstädten  nur relativ wenige Privatpatienten leben. Das ist einer der Gründe für den Ärztemangel. Welchem Arzt will man deshalb verdenken, dass er lieber in Hamburg, Düsseldorf oder München und Umgebung arbeitet als im Rheiderland?

Auch wenn sie lange den Ruf als Halbgötter in Weiß genossen: Ärzte sind auch nur Menschen. Wie sonst ist es zu verstehen, dass Dr. Dominik Rindermann aus Detern, Vorsitzender der Kreisstelle Leer der Zahnärztekammer Niedersachsen und nebenbei noch Vorsitzender der Genossenschaft ostfriesischer Zahnärzte, schon mal Berufskollegen madig macht, die irgendwann in einem so genannten Zahnhaus in Weener im Gewerbegebiet an der Industriestraße arbeiten sollen.

Eine Frau mit Geld aus Papenburg will dort eine Großpraxis bauen und acht Zahnärzte beschäftigen. Ihnen unterstellt der Ärztefunktionär aus Detern, dass sie ihre Patienten „herumreichen“, „nicht mit Leib und Seele“ bei der Arbeit seien und hohen Wert auf Freizeit  legen. Rindermann schwafelt von „Work-Life-Balance“.

Der Verdacht liegt nahe, dass er unliebsame Konkurrenz ausschalten will – die wegen ihrer Zahl zum Beispiel auch Abendtermine anbieten könnte, was viele Arbeitnehmer anderswo als angenehm empfinden. Es muss auch kein Nachteil sein, wenn mal ein anderer Zahnarzt das Gebiss untersucht, oder die Praxis Spezialisten vorhält. Das Problem des Zahnhauses könnte eher sein, acht Zahnärzte zu finden.

Mehr als ein Kreuzbandriss

Sonntag, Januar 7th, 2018

„Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“ Friedrich Schiller kannte seine Pappenheimer, als er dies aufschrieb. Es ist aktuell wie eh und je. Blicken wir nach Middels, einem Dorf, das zur Stadt Aurich gehört. So klein, dass praktisch alle Einwohner dort Nachbarn sind. Sie sind nicht alle fromm, aber zumindest ein paar böse leben unter ihnen. Man könnte „paar“ auch groß schreiben, denn Auslöser dieser Geschichte ist ein Elternpaar.

Es gibt schlimmere Geschichten, aber immerhin hat diese es bereits bis in Anwaltskanzleien und ins Amtsgericht gebracht. Das Betrübliche: Sie treibt einen Keil ins Dorf und besitzt gar das Zeug, dem Ehrenamt im ganzen Land einen Stoß in die Magengrube zu versetzen.

Worum geht es? Im August 2016 verletzte sich ein heute 13-jähriges Mädchen beim Handballtraining einer Schülermannschaft der HSG Middels/Plaggenburg. Das Kreuzband im Knie riss. Keine seltene Verletzung, aber schlimm genug. Sie nahm den gewohnten medizinischen Verlauf.

Doch damit endet die Geschichte nicht: Die Eltern des Mädchens verklagten den TSV Middels zivilrechtlich auf Schadensersatz. Begründung: Die Übungsleiterin hatte keine Lizenz. Sie war an dem Tag für die verhinderte eigentliche Übungsleiterin eingesprungen, die übrigens auch ohne Lizenz die Mannschaft trainiert.

Ein vom Amtsgericht angeordneter Gütetermin scheiterte bereits, bald folgt eine zweite. Endet auch sie erfolglos, muss ein Richter urteilen.

Der Fall TSV Middels erregt nicht nur die Gemüter im Dorf, sondern Vorstände, Übungsleiter, Aktive und Fans in Sportvereinen aller Art. Er besitzt Sprengkraft, deren Stärke bisher noch nicht abzuschätzen ist. Tatsache ist: Kaum ein Sportverein kommt ohne nichtlizenzierte Übungsleiter aus. Der Vorsitzende des Kreisfußballverbandes Aurich, Wilfried Neumann, schätzt, dass es 99 Prozent sind. Er fürchtet den „Tod des Jugendfußballs“, wenn die Eltern mit ihrer Klage durchkommen. Entsprechend sein Kommentar zum Verhalten dieses Paares: „Da fehlen mir die Worte.“

Es verhält sich ohne Zweifel im Wortsinne asozial, hochgradig eigennützig. Es schadet dem Gemeinwohl. Denn Sportvereine leisten ehrenamtlich einen wesentlichen Teil für die Volksgesundheit und tragen zur sozialen und gesundheitlichen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen bei.

Wer Sport treibt, verletzt sich gelegentlich. Das ist fast ein Naturgesetz. Egal, ob ein Übungsleiter mit oder ohne Lizenz an der Seite steht. Gerade beim Handball und in Hallen besteht Verletzungsgefahr. Versicherungstechnisch ist das kein Problem. Alle Sportler sind über ihre Vereine und diese über ihre Landessportbünde versichert: Unfall-, Haftpflicht- und Rechtsschutzversicherung.

Trotzdem könnte der Fall TSV Middels es den Vereinen noch schwerer machen,  Übungsleiter zu finden. Erst recht, wenn die Kläger vor Gericht erfolgreich sein sollten – auch wenn der beklagte Verein dann die Haftpflichtversicherung in Anspruch nehmen kann. Die Gefahr droht, dass Übungsleiter sich dem Stress von Klagen nicht aussetzen wollen, wenn diese wie ein Damoklesschwert über ihnen hängen.

Grundsätzlich sind Gütetermine gut. Hier jedoch wäre es besser, wenn auch der zweite scheitert und die Sache vor Gericht entschieden wird – von einem hoffentlich weisen Richter.