Mehr als ein Kreuzbandriss

„Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“ Friedrich Schiller kannte seine Pappenheimer, als er dies aufschrieb. Es ist aktuell wie eh und je. Blicken wir nach Middels, einem Dorf, das zur Stadt Aurich gehört. So klein, dass praktisch alle Einwohner dort Nachbarn sind. Sie sind nicht alle fromm, aber zumindest ein paar böse leben unter ihnen. Man könnte „paar“ auch groß schreiben, denn Auslöser dieser Geschichte ist ein Elternpaar.

Es gibt schlimmere Geschichten, aber immerhin hat diese es bereits bis in Anwaltskanzleien und ins Amtsgericht gebracht. Das Betrübliche: Sie treibt einen Keil ins Dorf und besitzt gar das Zeug, dem Ehrenamt im ganzen Land einen Stoß in die Magengrube zu versetzen.

Worum geht es? Im August 2016 verletzte sich ein heute 13-jähriges Mädchen beim Handballtraining einer Schülermannschaft der HSG Middels/Plaggenburg. Das Kreuzband im Knie riss. Keine seltene Verletzung, aber schlimm genug. Sie nahm den gewohnten medizinischen Verlauf.

Doch damit endet die Geschichte nicht: Die Eltern des Mädchens verklagten den TSV Middels zivilrechtlich auf Schadensersatz. Begründung: Die Übungsleiterin hatte keine Lizenz. Sie war an dem Tag für die verhinderte eigentliche Übungsleiterin eingesprungen, die übrigens auch ohne Lizenz die Mannschaft trainiert.

Ein vom Amtsgericht angeordneter Gütetermin scheiterte bereits, bald folgt eine zweite. Endet auch sie erfolglos, muss ein Richter urteilen.

Der Fall TSV Middels erregt nicht nur die Gemüter im Dorf, sondern Vorstände, Übungsleiter, Aktive und Fans in Sportvereinen aller Art. Er besitzt Sprengkraft, deren Stärke bisher noch nicht abzuschätzen ist. Tatsache ist: Kaum ein Sportverein kommt ohne nichtlizenzierte Übungsleiter aus. Der Vorsitzende des Kreisfußballverbandes Aurich, Wilfried Neumann, schätzt, dass es 99 Prozent sind. Er fürchtet den „Tod des Jugendfußballs“, wenn die Eltern mit ihrer Klage durchkommen. Entsprechend sein Kommentar zum Verhalten dieses Paares: „Da fehlen mir die Worte.“

Es verhält sich ohne Zweifel im Wortsinne asozial, hochgradig eigennützig. Es schadet dem Gemeinwohl. Denn Sportvereine leisten ehrenamtlich einen wesentlichen Teil für die Volksgesundheit und tragen zur sozialen und gesundheitlichen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen bei.

Wer Sport treibt, verletzt sich gelegentlich. Das ist fast ein Naturgesetz. Egal, ob ein Übungsleiter mit oder ohne Lizenz an der Seite steht. Gerade beim Handball und in Hallen besteht Verletzungsgefahr. Versicherungstechnisch ist das kein Problem. Alle Sportler sind über ihre Vereine und diese über ihre Landessportbünde versichert: Unfall-, Haftpflicht- und Rechtsschutzversicherung.

Trotzdem könnte der Fall TSV Middels es den Vereinen noch schwerer machen,  Übungsleiter zu finden. Erst recht, wenn die Kläger vor Gericht erfolgreich sein sollten – auch wenn der beklagte Verein dann die Haftpflichtversicherung in Anspruch nehmen kann. Die Gefahr droht, dass Übungsleiter sich dem Stress von Klagen nicht aussetzen wollen, wenn diese wie ein Damoklesschwert über ihnen hängen.

Grundsätzlich sind Gütetermine gut. Hier jedoch wäre es besser, wenn auch der zweite scheitert und die Sache vor Gericht entschieden wird – von einem hoffentlich weisen Richter.

 

 

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