Archive for Juli, 2018

Gründer haben es schwer

Dienstag, Juli 31st, 2018

Neue Gründer braucht das Land. Darüber sind sich alle Fachleute einig. Nur: Deutschland ist kein Gründerland. Die Studie einer Unternehmerberatung in diesen Tagen bestätigt es: „Studierende wollen in den Staatsdienst.“ Mehr als noch vor zwei Jahren setzen sie auf die Sicherheit im Öffentlichen Dienst und scheuen das Risiko. Das gilt nicht nur für künftige Akademiker.

Erst einmal und gerade deshalb musss es Leute geben, die Werte schaffen. Das sieht auch das Bundeswirtschaftsministerium so. Zumindest steht Erst einmal und gerade deshalb musauf ihrer Webseite: „Existenzgründung ist Motor für Wachstum und Wettbewerb“. Im Umkehrschluss heißt dies: Die heute fehlenden Gründer sind die fehlenden Unternehmer von morgen – eine Hypothek für Innovationsfähigkeit, Wachstum und Beschäftigung.

Dafür fehlt häufig das Bewusstsein. Wer Mühen und Risiken eines Unternehmers auf sich nimmt, erntet oft Kopfschütteln. Hat er aber Erfolg, zieht er Neid auf sich, nur selten Anerkennung.

Warum brauchen wir Gründer? Sie setzen neue Ideen um, treiben so den Fortschritt an, sorgen für Wettbewerb und Wachstum. 15 Prozent der Gründer gingen 2016 mit einer Neuheit auf den Markt. Jede fünfte Gründung ist „digital“, das bedeutet, digitale Technik ist Grundlage des Geschäftsmodells.

Auffällig: Frauen gründen nach wie vor unter Durchschnitt. Auf Wachstumskurs sind hingegen Gründer mit ausländischen Wurzeln. Ihre Zahl nähert sich 1,5 Millionen, vor zwölf Jahren waren es 947.000.

Der Staat hält viele Förderungsprogramme vor, ein fast unüberschaubarer Dschungel. Digitale Start-ups haben es bei einer Gründung zwar etwas leichter. Stichworte sind Risiko- oder Wagniskapital, mit dem Investoren die Gründer unterstützen, sich in der Regel in die Firmen einkaufen und die Anteile später bei Erfolg mit Gewinn wieder abstoßen.

Aber grundsätzlich haben alle Gründer es schwer, weil es ihnen fast immer an Eigenkapital mangelt.  Ein Beispiel dafür ist die Firma P & B Maschinenbau in Großefehn. Sie stellt seit drei Jahren Schweiß-, Dreh- und Frästeile her, überwiegend für Windkraftanlagenbauer. Der Start war mühsam, wie die beiden Inhaber, der Maschinentechniker Sascha Blank und der Metallbaumeister und Schweißfachmann Christoph Peters, berichten. Erst fanden sie nur schwer eine  Produktionshalle, dann erlaubte die Gewerbeaufsicht die Produktion nur befristet.

Für eine Halle und ein neues Grundstück brauchten sie Geld. Aber drei Banken und Sparkassen verweigerten ihnen einen Kredit – weil die Quartalszahlen noch nicht stimmten.  Volle Auftragsbücher zählten für die Banken nicht, nicht mal das Angebot eines Inhabers, mit dem Privathaus zu bürgen. Über Schwierigkeiten mit Erbsenzählern in Kreditinstituten, denen unternehmerisches Denken fremd ist, berichten nahezu alle Gründer.

Blank und Peters jedoch hatten Glück – mit einem privaten Investor. Mehr zufällig, denn ein  Windparkbetreiber, der ihnen Geld vorstreckt, ist ein Freund des Vaters von Peters. Es kommt öfter vor, dass nur mit Hilfe von Bekannten ein Gründer in Gang kommt.

Großefehns Bürgermeister Olaf Meinen, der bei der Grundstückssuche half, heißt  Existenzgründer jederzeit willkommen im Rathaus: „Wir brauchen neue Firmen, sie schaffen Arbeitsplätze.“ So wie P & B, die von heute drei auf zehn bis 15 wachsen wollen. Olaf Meinen weiß: Neue Gründer braucht das Land.

 

 

 

 

 

 

 

Ruhmesblatt und Armutszeugnis

Samstag, Juli 21st, 2018

Stille Post auf Tour in Weener. Diese schöne Überschrift lasen wir auf der Titelseite der Rheiderland-Zeitung. Sie berichtete über die neuen Lieferwagen der Deutschen Post.  Mit bald 14 vollelektrischen Autos liefert sie in Weener und Bunde Briefe und Pakete ins Haus. Der offizielle Name der Autos: StreetScooter. Dahinter verbirgt sich, abgesehen von der Neuheit im Rheiderland, eine besondere Geschichte. Genauer: Ein Stück Industriegeschichte – ein Ruhmesblatt, mit einem Armutszeugnis auf der Rückseite.

Schlaue Köpfe an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) in Aachen machten sich anno 2006 Gedanken über preisgünstige, bezahlbare E-Autos. Die Forschungsfrage lautete: Ist es mit heutiger Technologie schon möglich, ein Elektrofahrzeug so günstig zu produzieren, dass die Gesamtkosten eines vergleichbaren Verbrennungsfahrzeugs nicht über- oder sogar unterboten werden? Die Antwort ist die Geburt des Streetscooters.

2008 und 2009 wurde die Idee vorbereitet, mit einem Anfangs-Etat von (lächerlichen) 50.000 Euro und der Maßgabe, einen serientauglichen Prototypen zu bauen. Das gelang ruck, zuck, die konkrete Umsetzung scheiterte aber zunächst am Geld.

Deshalb gründeten die Professoren Achim Kampker und Günther Schuh 2010 die StreetScooter GmbH, eine Forschungsinitiative der RWTH, die zusammen mit 80 mittelständischen Unternehmen und anderen Forschungsinstituten das erste E-Fahrzeug für den Kurzstreckenverkehr entwickelte. Aus der Initiative entstand eine eigenständige Firma.

Sie stellte 2011 auf der Automobilausstellung in Frankfurt einen Prototypen vor. Ihm folgte die Nutzfahrzeugversion „Work“, die heute in zwei Varianten im Rheiderland fährt. An der RWTH wurde mit einem 3-D-Drucker (!), der verschiedene Werkstoffe verarbeitet, in zwölf Monaten ein funktionsfähiger Prototyp des Streetscooter C16 gebaut, der 2014 präsentiert wurde.

2014 fertigten 100 Mitarbeiter in einer Waggonfabrik 200 Fahrzeuge. Dann kaufte die Deutsche Post AG die Firma und baut selbst Autos – nachdem ein Autokonzern es abgelehnt hatte, ein E-Fahrzeug für den Zustellbetrieb zu entwickeln. In einem zweiten Werk in Düren laufen jährlich bereits mehr als 20.000 Fahrzeuge vom Band.

Der Streetscooter ist – um die Ecke gedacht – ein rollendes Armutszeugnis der Autoindustrie. Sie verkannte eine große Chance, als sie 2011 das Potenzial des E-Nutzfahrzeugs nicht erkannte und es in die Schublade „Jugend forscht“ steckte. Bemerkenswert auch, wie Professor Kampker es VW, Daimler & Co. zeigt, dass Entwicklung nicht teuer sein muss: Er halbierte die Entwicklungszeit auf 18 Monate, reduzierte die Kosten um 90 Prozent und bietet eine modulare Fahrzeugarchitektur an, so dass die Postautos leicht auch für andere Branchen zu nutzen sind.

Ein Streetscooter kostet ab 40.000 Euro einschließlich Mehrwertsteuer (minus 4000 Euro Förderprämie), hat eine Reichweite von 80 bis 100 Kilometer. Dieselfahrverbote und strenge Abgasregeln können ihm nichts anhaben. Ein Auto auch für Handwerker.

Der frühere NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin fühlt sich bei Professor Kampker, mit dem er viel zu tun hatte, an die Geschichte vom Hasen und Igel erinnert: „Ik bün all dar.  Wo die Konzerne noch Projektskizzen malen, fährt Kampker schon erfolgreich davon.“

 

Geisterradler und andere

Sonntag, Juli 15th, 2018

Gemütlich mit dem Fahrrad fahren – zum Einkaufen, in die Kneipe, Bekannte besuchen oder am Sonntag ein bisschen für die Gesundheit tun. Das war einmal. Auf Straßen, Radfahrwegen und Bürgersteigen kämpft jeder gegen jeden. Das hat Gründe. Immer mehr Autos, immer mehr Fahrräder, es wird eng. Jahrzehntelang genoss das Auto klare  Vorfahrt in der Verkehrspolitik. Allmählich ändert sich das. Wunsch und Wirklichkeit sind häufig zwei Paar Schuhe.

Aus dem Alltags- und Nutzfahrzeug Fahrrad wurde ein Freizeit- oder Sportgerät, das erst langsam auch wieder mehr für den Weg zur Arbeit genutzt wird. Das Aufkommen der E-Bikes verschärft die Lage auf den Straßen. Oma und Opa, die dem Radfahren schon ade gesagt hatten, brettern jetzt mit Tempo 25 oder mehr durch die Gegend, gefährden sich und andere. Krass ist es auf den Inseln und an der Küste, wo Krankenhäuser und Arztpraxen alle Hände voll zu tun haben, gestürzte Urlauber zu behandeln. Sobald sie die Insel betreten, mieten sie ein Fahrrad und vergessen sämtliche Regeln der Straßenverkehrsordnung, sagte jüngst ein Arzt auf Borkum.

In Großstädten ist der Kampf Radfahrer gegen alle voll entbrannt. Aber auch in Leer in der Altstadt geht es zur Sache. Beispiel Brunnenstraße, ausgewiesen als „Fahrradstraße“, Autos sind geduldet. In der Praxis sieht das so aus: Auf der schmalen  Fahrbahn müssten Autos ab Mittelklasse bei Rad-Gegenverkehr eigentlich halten. Das geschieht aber selten. Dem Radfahrer bleibt die Wahl, wagemutig zwischen Auto und Bordstein weiter zu fahren oder auf den Bürgersteig auszuweichen, wo Fußgänger unterwegs sind. Die Folge: Autofahrer ärgern sich über die blöden Radfahrer, diese wiederum über die noch blöderen Autofahrer, und die Fußgänger fluchen.

Erschwerend: Nicht wenige, vor allem Touristen, halten die Brunnenstraße für eine Fußgängerzone und bewegen sich entsprechend, kreuz und quer auf der Fahrbahn. Klingelnde Radfahrer wissen jetzt, dass nicht alle Touristen freundliche Leute sind. In der benachbarten Rathausstraße sieht es ähnlich aus, nur umgekehrt. Sie ist eine Fußgängerzone, was vielen dort geduldeten Radfahrern nicht bewusst zu sein scheint, jedenfalls nach ihrem Verhalten zu urteilen.

Während bei Autofahrern das Blinken beim Abbiegen aus der Mode kommt, setzt sich bei Radfahrern die Mode des Fahrens auf der falschen Seite durch, also auf dem Radweg links der Straße.  Der Automobilclub ACE hat jetzt in Leer gezählt. Demnach fuhr jeder dritte Radfahrer links. Die Polizei in Leer hat deshalb einige große Schilder aufgestellt: „Geisterradler.“ Sie sollen Radfahrer vor sich selbst schützen. Ob’s hilft?

Bemerkenswert auch die Vorliebe, mit dem Rad einen Zebrastreifen zu überqueren, natürlich ohne Handzeichen – die Hand wird ja fürs Handy gebraucht.  Radler vergessen, dass sie auf dem Zebrastreifen ihr Vorfahrtsrecht verlieren  und beim Unfall eine Mitschuld tragen. Und wenn es gut geht und der Autofahrer rechtzeitig bremsen kann, zahlen sie ein Bußgeld. Natürlich nur, wenn die Polizei sie erwischt. Aber das ist eine Rarität.

Bleiben die Kampfradler. Sie brettern mit Speed über Straßen und Radwege, Rücken krumm, Kopf nach unten, Körper eingezwängt in einem absurd bunten Trikot wie die Wurst in der Pelle. Vermutlich von der Tour de France träumend, die Straßenverkehrsordnung vergessend. Aber das ist ein anderes Kapitel.

 

 

Viel Zirkus

Montag, Juli 9th, 2018

Der Zirkus kommt! Dieser Ausruf elektrisiert nicht mehr wie früher, aber auch heute erregt er Aufsehen – bei Erwachsenen, vor allem jedoch bei Kindern. Doch von ungeteilter Freude  kann längst keine Rede mehr sein. Wohin der Zirkus auch kommt, seine Gegner sind schon da. Allen voran Tierschutzorganisationen wie Peta, das Kürzel für „People for the Ethical Treatment of Animals“, übersetzt „Menschen für den ethischen Umgang mit Tieren“.  Sie verlangen, dass Wildtiere im Zirkus nicht mehr auftreten dürfen.

Wir werden die Proteste auch diesmal wie bei früheren Zirkusgastspielen erleben, wenn demnächst Europas größer Zirkus, der Circus Krone, in Ostfriesland auftritt, zunächst in Emden, dann in Leer und Aurich. Mit gut 100 Tieren, unter ihnen Elefanten, Tiger, Löwen und sogar ein Nashorn. Gegner dieser Zirkusauftritte laufen sich bereits warm.

Das Thema „Wildtierverbot im Zirkus“ beschäftigt seit einigen Jahrzehnten die Politik und die Justiz auf allen Ebenen und in nahezu allen europäischen Ländern. Doch Beschlüsse sind eher selten, sind nicht deutlich oder fallen gar nicht. Dafür gibt es einen guten Grund: Völlig unterschiedliche fachliche Standpunkte. Der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages führt alle Argumente in einer seitenlangen Stellungnahme ins Feld, ähnliches ist von der Generaldirektion Wissenschaft des Europäischen Parlaments zu lesen. Unterm Strich: Die Wissenschaft vertritt unterschiedliche Auffassungen.

Auch eine Doktorarbeit zu „Haltungsbedingungen von Zirkustieren in 25 Zirkussen“ in Deutschland stellt fest, dass eine klare Grenze zwischen Haustier und Wildtier nicht gezogen werden kann. Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags hat auch trotz umfassender Recherche keine unabhängigen Studien gefunden, die belegen, dass die Haltung von „Wildtieren“ im Zirkus grundsätzlich Tierquälerei oder das Wohlbefinden der Tiere beeinträchtigt sei. Auf Verstöße gegen strenge Tierhaltungsvorschriften achten vor jedem Gastspiel in jedem Ort die zuständigen Veterinärämter. Die Kontrollen sind eng und sorgfältig.

Das hinderte den Stadtrat in Emden vor einiger Zeit jedoch nicht daran, ein Wildtierverbot für Zirkusse auszusprechen. Das Oberverwaltungsgericht Lüneburg schlug den Emdern ihren Beschluss jedoch um die Ohren – in dem Sinne, dass eine Kommune nicht einfach gesetzliche Auflagen verschärfen darf, weil sie einer  Mehrheit im Rat nicht gefallen.

Die Grünen im Stadtrat lassen sich von einem Gerichtsurteil nicht beeindrucken. Sie  spornen die Stadtverwaltung an,  mit ordnungsrechtlichen Auflagen Zirkusse mit Wildtieren zu vergraulen, „aus Gründen der Gefahrenabwehr und zwecks Sicherstellung des Tierschutzes“. Mit anderen Worten: Das Rathaus soll den Knüppel des Ordnungsrechts schwingen und so ein Wildtierverbot durch die Hintertür erzwingen.

Die Verwaltung lässt sich auf solche Mätzchen jedoch nicht ein und macht klar, dass sie lediglich prüfen dürfe, ob gegen Auflagen des Bundes verstoßen werde. Logisch, denn zuständig für Tierschutz- und Tierhaltungsgesetze ist allein die Bundesregierung. In Leer und Aurich sieht man es ähnlich. Unbeeindruckt davon werden die Besucher sich über Tiere, Clowns und Artisten freuen, und die Gegner sich über ihr gutes Gewissen. Alles in allem: Viel  Zirkus um den Zirkus.

 

 

 

 

Schwarmdumm

Montag, Juli 2nd, 2018

Wer löst eine schwierige Aufgabe besser: Viele Menschen oder einige wenige? Zweifellos ein weites Feld, das wir hier auf die Politik begrenzen und an einem aktuellen Beispiel aus Ostfriesland zeigen.

Der Fall: In Emden, Aurich und Norden gibt es drei Krankenhäuser, die jedes Jahr mehr als zehn Millionen Euro Miese machen. Der Landkreis Aurich und die Stadt Emden müssen die Verluste ausgleichen. Ihnen gehören die Kliniken.

Der Kreistag Aurich und der Stadtrat Emden einigten sich nach langen Debatten und Fachanhörungen darauf, die drei Häuser zu schließen und eine Zentralklinik in Georgsheil zu bauen. Ärzte, Pflegepersonal, Politik, Verwaltungen und das Gesundheitsministerium halten dies für die einzig tragbare Lösung.

Doch ein Bürgerentscheid, den das Niedersächsische Kommunalverfassungsgesetz zulässt, durchkreuzte im vorigen Sommer den Plan. Im Landkreis Aurich stimmte die Mehrheit zwar für die Zentralklinik, in der kreisfreien Stadt Emden jedoch dagegen. Damit liegt der Plan bei den Akten. Das Nein gilt allerdings nur zwei Jahre. Danach sind Kreistag und Stadtrat nicht mehr daran  gebunden.

Die Auricher und Emder Politik hält aufgrund der Fakten an der Zentralklinik fest und stellte jetzt die Weichen, den Plan ab Sommer nächsten Jahres umzusetzen. Die Mehrheiten dafür  sind deutlich. Nur kleine Gruppen bleiben beim Nein.

Bürger-Aktivisten gegen die Zentralklinik schlagen Alarm. Sie scheuen sich auch nicht, wie in Aurich, einem Politiker auf dem Weg zu einem Versammlungsort zu folgen. Über Facebook, Twitter und andere Medien werfen sie der Politik vor, den Bürgerwillen zu missachten. Dafür gibt es auch Beifall. Es ist populär, allerdings auch falsch. Denn laut Kommunalverfassung bindet der Bürgerentscheid die Politik zwei Jahre. Nicht länger. Und dasselbe Gesetz verpflichtet die Abgeordneten, „ihre Aufgaben nach bestem Wissen und Gewissen unparteiisch wahrzunehmen und die Gesetze zu beachten“.

Unser politisches System sieht bis auf Ausnahmen wie Bürgerentscheide keine direkten Volksbeschlüsse vor. Es ist eine parlamentarische, also repräsentative Demokratie. Sie hat sich bewährt, trotz einiger Nachteile. Die Klinik-Geschichte ist dafür ein gutes Beispiel – nahezu alle Gesundheits-Experten sind aus fachlichen Gründen für die Zentralklinik.  Und Landrat, Oberbürgermeister und Kreistagsabgeordnete wollen es nicht länger verantworten, über Jahre ein Zehn-Millionen-Loch zu stopfen. Außerdem maßen sie sich nicht an, es besser zu wissen als die medizinischen Praktiker.

Es ist ein Trugschluss, dass ein Beschluss automatisch besser ist, wenn eine Masse dahinter steht. Anhänger dieser Meinung schieben gern die so genannte Schwarmintelligenz vor, die sich vor allem anlehnt an Vorbilder aus der Natur wie den Ameisenstaat. Darauf basieren auch Bestrebungen im Internet, Wissen der Menschen und Daten zusammenzufügen, um Märkte und Gesellschaften zu beeinflussen.

Bürgerentscheide sind nicht automatisch klug oder schwarmintelligent. Sie vermitteln eher ein falsches Wir-Gefühl. Davon lassen sich Kreistag und Stadtrat in Aurich und Emden  nicht leiten. Sie schwimmen gegen den Schwarm, auch wenn es anstrengt. Der Autor Günter Dueck hält ihnen in seinem lesenswerten Buch die Stange:  „Schwarmdumm. So blöd sind wir nur gemeinsam“.