Archive for August, 2018

Niederländer ticken anders

Dienstag, August 28th, 2018

Auf den ersten Blick könnten Niederländer als Deutsch durchgehen. Schließlich singen sie gleich zu Beginn ihrer Nationalhymne, dass sie von „deutschem Blut“ sind („Wilhelmus van Nassouwe ben ik, van Duitsen bloed“). Aber würde eine Einheit mit Deutschland funktionieren? Nein.

Völker und große Gemeinschaften entfalten bestimmte Eigenarten und Mentalitäten. Gelehrte streiten seit Jahrhunderten darüber, ob man es pauschal so sagen kann. In der Praxis jedoch ist die Sache klar, was sich häufig in der deutsch-niederländischen Zusammenarbeit zeigt. Man spielt das gleiche Spiel, aber mit unterschiedlichen Regeln.

Wie bei der  „Wunderline“. So heißt das Vorhaben, mit dem die Bahnlinie zwischen Groningen und Bremen schneller und bequemer gemacht werden soll. In Ostfriesland und im Groningerland sind sich Landkreis, Gemeinden, Städte und Industrie- und Handelskammer einig und machen mit.

Die Provinzregierung Groningen, niederländische Regierung,  Landesregierungen Niedersachsen und Bremen, Bundesverkehrsministerium und Deutsche Bahn sind mit im Boot. Doch von ihnen rudert nur einer: Die Provinzregierung Groningen. Die Niederländer reden nicht nur, sondern greifen auch tief in die Tasche, stellen schon mal 102 Millionen Euro bereit, und die EU bewilligte bereits 8,3 Millionen. Groningen will sogar einige Millionen für eine zweite Schiene zwischen Leer und Augustfehn beisteuern. Doch die deutschen Partner zögern.

Woran liegt das? Ein Artikel über den Stand der Dinge in Sachen „Wunderline“ neulich in der Rheiderland-Zeitung macht es deutlich: Die Deutschen wollen bei Großprojekten erst  Nutzen und Mehrwert eines Projekts genau ausrechnen, ehe sie sich über eine Finanzierung Gedanken machen. So rechnet die oft zitierte schwäbische Hausfrau.

Aber Niederländer handeln auch politisch wie Unternehmer, die Chancen und Risiken abwägen. Ob sie das Geld tatsächlich ausgeben, hängt erst am Ende von einer Machbarkeitsstudie ab. Jedenfalls stellen sie auch Projekte auf die Beine, die nicht haarklein einer theoretischen Kosten-Nutzen-Analyse standhalten. Das gilt besonders für Vorhaben mit internationalem Charakter.

Auch dafür ein Beispiel: In den 70er Jahren bauten die Niederländer in der Ödnis den Eemshaven. „Hafenbau ist Generationensache“, sagen sie.  Auf unserer Seite der Emsmündung spotteten nicht wenige ostfriesische Unternehmer und Politiker, wie man nur so viele Millionen Gulden versenken könnte. Heute spotten sie nicht mehr.

Der Eemshaven boomt als Güter- und Passagierhafen. Und konventionelle Kraftwerke und ein riesiges Windkraftfeld machen ihn zum Stromriesen. Eine Folge davon: In einem für 600 Millionen Euro gebauten Rechenzentrum stationiert Google gut 100.000 Server. Es macht die Runde, dass bald auch Apple kommt und sein Rechenzentrum ausschließlich mit erneuerbarer Energie in Gang halten will.

Eemshaven sorgt für Energie und ist ideal für Rechenzentren. Irgendwo müssen die Server ja stehen, die unsere E-Mails,  Suchanfragen, Profile, Urlaubsfotos und die vielen Videos speichern.

Um das Thema abzurunden: Man darf wetten, dass die Niederländer eine kaputte Brücke wie die Friesenbrücke längst erneuert hätten. Und mit einer so lächerlichen Fährlinie wie die zwischen Weener und Mitling-Mark hätten sie sich nie blamiert.

Enercon nur technisch in der Champions-Liga

Montag, August 13th, 2018

Reinhard Mohn, Vorstands-Chef des Bertelsmann-Verlags, eine Unternehmerlegende, 2009 gestorben, wies einst seinen Managern wütend die Bürotür. Sie hatten ihm nahegelegt,  Leute zu entlassen. Es fehle an Aufträgen. Mohns Antwort: Dann geht gefälligst raus und holt Aufträge rein.

Zugegeben, ohne Aufträge hätte auf Dauer auch Mohn einem Teil seiner Mitarbeiter die Papiere in die Hand drücken müssen. Aber ein wenig erinnert diese Geschichte an die aktuelle Lage beim Windmühlen-Hersteller Enercon, der in Emden, Westerstede und Haren 835 Mitarbeiter auf die Straße setzen will. Knall auf Fall, ohne Vorwarnung, ohne mögliche  Überbrückungen auszuloten.

Nun hat nicht jeder Boss das Format von Reinhard Mohn. Bei Enercon an der Spitze steht Dieter Kettwig, ein sehr fähiger Manager, aber kein Unternehmer. Soziale Kompetenz steckt ohnehin nicht in den Genen von Enercon. Das Unternehmen wuchs schnell aus Anfängen in einer Garage zum führenden Windmühlenbauer in Deutschland, gehört in Europa zu den Marktführern. Technisch und betriebswirtschaftlich spielt Enercon in der Champions-Liga, sozial in der Kreisliga.

Enercon-Gründer Aloys Wobben, der sich wegen einer Krankheit aus der Firmenleitung zurückziehen musste, gilt als technisches Genie, das die Zeichen der Zeit in den 80er Jahren erkannte, hochwertige Windmühlen entwickelte und daraus ein Firmen-Imperium bastelte, das maßgeblich zum wirtschaftlichen Aufschwung Ostfrieslands beiträgt.

Doch die gesetzlich fixierte betriebliche Mitbestimmung war Wobben und ist auch Kettwig ein Dorn im Auge. Dafür sprechen viele Scharmützel und Arbeitsgerichtsprozesse mit Betriebsräten oder der IG Metall. So sollte die Gründung von Betriebsräten in Zweigbetrieben verhindert werden. Von einer auffallend niedrigen Bezahlung reden wir hier gar nicht. Das mag dem einen oder anderen gefallen, aber über den Tag hinaus gedacht und unternehmerisch klug ist es nicht.

Das merkwürdige Sozialverhalten Enercons muss allerdings vom ökonomischen Hintergrund getrennt werden.  Das Unternehmen ist ein mittlerweile erwachsenes Kind der Energiewende, zurzeit auch in einer kleinen Opferrolle, der sie leider nicht gerecht wird. Denn Grund zum Ärger hat Enercon schon.

Die Energiewende ist ein Politikum wie aus dem Lehrbuch. 2001 von der Regierung Schröder/Fischer beschlossen, sollte sie 2022 vollendet sein. Doch die damalige Oppositionsführerin Andrea Merkel sagte den Energiekonzernen gleich, dass sie die Hände im Schoß lassen könnten, weil bei einem Regierungswechsel die Energiewende kein Thema mehr sei. So kam es dann auch –  bis 2011 ein Tsunami über das Atomkraftwerk Fukushima im fernen Japan hinwegrollte.

Über Nacht verkündete Kanzlerin Merkel in Deutschland das Aus der Atomkraft – ohne dafür mit Macht die Infrastruktur für die erneuerbare Energie zu legen. Windmühlen schossen aus dem Boden, aber ihr Strom kann bis heute nicht richtig weitergeleitet werden. Letztlich wurde der Strom immer teurer, viel zu teuer für Wirtschaft und Verbraucher. Die Regierung zog 2017 die Notbremse. Sie begrenzte den Zuwachs an erneuerbarer Energie.  Das Gesetz wirkt, denn der Strompreis ist zwar hoch, aber stabil. Der Nachteil: Der Bau von Windmühlen rutscht in den Keller.

Die Pille und freie Jobs

Montag, August 6th, 2018

Was hat „die Pille“ mit einer Werbeaktion des Vereins „Ems-Achse“ zu tun, mit der sie an der ostfriesischen Küste bei Urlaubern um Fachkräfte wirbt? Die Antwort: Sehr viel. Um es zu erklären, müssen wir jedoch einen weiten Bogen spannen.

Mitte 1961 kam die Antibabypille auf den deutschen Markt. Sie wurde schnell populär als „die Pille“ und ist das sicherste Verhütungsmittel gegen Schwangerschaften. Ein  entscheidender Beitrag zur Emanzipation der Frau, sagen die meisten, andere halten sie  nach wie vor für einen nicht zu akzeptierenden Eingriff in die Schöpfung. So fremdelt die katholische Kirche heute noch mit der „Pille“.

Wie auch immer: Die „Pille“ sorgt in allen Industriestaaten für sinkende Geburtenraten, für den „Pillenknick“. Wo sie zugänglich ist, kommen weniger Kinder zur Welt – und gleichzeitig werden die Menschen im Schnitt immer älter. Fachleute, die sich mit Bevölkerungsentwicklung beschäftigen, weisen schon seit Jahrzehnten auf die drohende Schieflage hin. Jetzt ist sie da.

Allmählich kam der inzwischen geläufige Begriff des demografischen Wandels auf. Die Wirkungen spüren alle. Die erste Problemwelle ist der Fachkräftemangel in Betrieben, die zweite die Altenpflege, deren Mängel nicht nur, aber auch mit fehlenden Fachkräften zu tun haben. Als dritte Problemwelle nähert sich die Rente, Vorboten deuten längst darauf hin.

Vielen Betrieben und den Pflegeeinrichtungen auch in Ostfriesland brennt der demografische Wandel längst auf den Nägeln. Handwerk und Industrie klagen, dass sie  Lehrstellen und Arbeitsplätze nicht besetzen können. Das hat die genannten übergeordneten Gründe, aber andere sind auch hausgemacht. Unternehmen, die den Nachwuchs nicht wertschätzen oder Mitarbeiter nicht ordentlich bezahlen, fallen auf Sicht durch den Rost. Sie werden ohne gut geschulte und gut bezahlte Leute auch den Sprung ins digitale Zeitalter nicht schaffen. Beides hängt zusammen.

Der Landkreis Leer, die Städte und Gemeinden, die Agentur für Arbeit und das Zentrum für Arbeit in Leer haben den Fachkräftemangel schon lange im Visier – aber entscheidend ist die Wirtschaft. Beim Verein „Wachstumsregion Ems-Achse“, dem 530 Betriebe, außerdem Landkreise, Kommunen, Kammern, Hochschulen, Berufsbildende Schulen, Bildungseinrichtungen und Verbände zwischen Bentheim und Nordsee angehören, steht die Werbung von Fachkräften oben auf dem Arbeitszettel.

Zu nennen sind die Job-Achse, ein Stellen- und Bewerberportal; die Fachkräfteanwerbetour mit „Ems-Achse mobil“, die bis zu 25 Messen im Jahr aufsucht; Fachkräftemanager bei den Landkreisen, die sogar bei der Wohnungssuche helfen; Job-Busse, mit denen Berufswiedereinsteiger zu Firmen gefahren werden, damit sie sich dort informieren;  Stipendien des Landkreises Leer für Medizinstudenten, die hier später arbeiten wollen.

Oder die Werbeaktion der „Ems-Achse“ jüngst in Norddeich, wo sie Flyer an 10.000 Urlauber verteilte und das Gespräch suchte. Geschäftsführer Dr. Dirk Lüerßen sieht Touristen auch als mögliche künftige Arbeitnehmer – und im Urlaub denken viele in Ruhe über einen Jobwechsel nach, den er ihnen schmackhaft machen will.

Ob eine solche Aktion hilft? Wer weiß. Die Hälfte der Werbung ist überflüssig. Man weiß nur nicht welche. Versuch macht klug, sagten schon die Alten.