Archive for September, 2018

Irgendwas mit Computern

Sonntag, September 30th, 2018

„Irgendwas mit Computern machen die da.“ So betrachtete – von Ohrenzeugen verbürgt – eine Rathaus-Führungskraft die 1.Digitale Woche des Landkreises Leer, die  überwiegend in der Sparkasse, außerdem bei Orgadata, im Cityhaus und im Maritimen Kompetenzzentrum über die Bühne ging.

Wir wollen den Spruch nicht überbewerten, aber sie zeigt, dass die digitale Revolution immer noch selbst von Leuten unterschätzt wird, die es besser wissen müssten.

Sparkassenchef Heinz Feldmann als Gastgeber der meisten Vortragsveranstaltungen beschrieb in einem Satz, wie die Digitalisierung die Geldbranche umkrempelt: „Das Smartphone ist die kleinste Geschäftsstelle der Welt.“ Dass es im neuen Sparkassenhaus keine Aktenschränke mehr gibt, Online-Banking auf dem Vormarsch ist und Bargeld bald der Vergangenheit angehört, kam auch noch zur Sprache.

Die Pflege alter Menschen ist ein gesellschaftliches Problem. Mehr Pflegebedarf, höhere Kosten, weniger Pfleger – da muss digitale Technik einspringen, sei es mit Mess- und Hilfsgeräten zu Hause („Smart home“) oder Pflegerobotern. Auch Telemedizin ist nötig. Der Landkreis probiert sie gerade in der Augenheilkunde auf Borkum aus. Die Insulaner lassen sich dort im Krankenhaus in die Augen schauen, in Leer stellt ein Augenarzt anhand der ihm zugemailten Bilder die Diagnose.

Digitale Spitze in Deutschland ist die Kfz-Zulassungsstelle des Landkreises. Heute muss sich keiner mehr Urlaub nehmen, wenn er ein Auto zulassen will. Wartezeiten gibt es kaum noch, die Behörde arbeitet elektronisch.

Ohnehin sind Verwaltungen auf dem Weg ins digitale Zeitalter. Stichwort: E-Government. Der Bundestag schreibt es allen Behörden gesetzlich für die kommenden Jahre vor. Erste Ansätze lassen sich auf der Homepage des Landkreises beobachten. Ein kleines Beispiel: Bürger können nachsehen, ob sie in einem Breitband-Ausbaugebiet liegen.

Die Digitalisierung ist längst ein ernster wirtschaftlicher Faktor. So berichtet Landrat Matthias Groote, auf dessen Idee die Digitale Woche in Leer zurückgeht, dass allein in den zwölf Mitgliedsfirmen des Software-Netzwerks Leer 1100 Menschen in ordentlich bezahlten Jobs arbeiten.

Dabei gehört nicht mal jede Software-Firma dem Netzwerk an –  wie die HiSystems GmbH in Veenhusen, die beim „Erlebnistag“ der Digitalen Woche zu den Ausstellern gehörte. Nur wenige dürften die Firma kennen, aber sie ist weltweit unterwegs mit ihren MikroKoptern. So nennt sie ihre Drohnen für Luftbilder und- videos. Ingenieure nutzen sie für die Überprüfung auf Schäden an Brücken, Türmen, Windmühlen oder Fotovoltaikplatten; Landwirte und Jäger beobachten vor der Ernte, ob sich Jungtiere auf dem Feld verstecken; Archäologen schauen sich ihre Grabungsfelder genauer an; Filmamateure und -Profis wissen Bilder aus der Vogelperspektive zu schätzen.

Daten sind das neue Gold. In Leer bestätigt sich dies sogar im Stadtbild. Es ist kein Zufall, dass die Orgadata AG ein spektakuläres Domizil auf der Nesse bauen ließ. Sie programmiert Software für Türen, Fenster und Fassaden – in aller Welt.

Oder nehmen wir die Hiltes-Software GmbH. Sie arbeitet in einem Neubau an der Konrad-Zuse-Straße am Emsdeich und ist Marktführer für Warenwirtschafts- und Kassensysteme in der Textilbranche. So nebenbei stellte Hiltes-Chef Wolfgang Teske das „Leeraner Miniaturland“ auf die Beine, das jährlich 80.000 Besucher lockt.

VW Emden vor dem Sturm

Sonntag, September 23rd, 2018

Man darf sich Sorgen machen um VW und die Arbeitsplätze. So stand es wörtlich im Januar 2017 an dieser Stelle. Daran hat sich nichts geändert – im Gegenteil. Die 7.500 Beschäftigten des VW-Werks in Emden und 3.000 Menschen bei Zulieferfirmen stehen vor stürmischen Zeiten.

Immer häufiger stehen die Bänder still. Der Grund: Der „Passat“ läuft nicht mehr, jedenfalls längst nicht so, wie es nötig wäre. Einst erfolgreich, trifft er nicht mehr den Geschmack und  Bedarf der Kundschaft.

Das ist aber nicht alles. Aktuell ist der Export in die Türkei eingebrochen. Eine horrende Inflation frisst den Türken das Geld aus der Hand. Autokauf ist für sie ein Traum geworden.  Für VW in Emden heißt das 20.000 Autos weniger im Jahr.

Das hat Folgen. Aller Voraussicht nach können die Mitarbeiter in Emden den ganzen nächsten Januar Däumchen drehen, um Ostern noch mal zwei Wochen. Bis April nächsten Jahres hat der Konzern vorsichtshalber bei der Agentur für Arbeit mögliche Kurzarbeit angemeldet. Er kalkuliert fürs nächste Jahr 27.000 Autos weniger als bisher angenommen.

Vorstand und Betriebsrat haben vor einiger Zeit einen so genannten Zukunftspakt geschlossen. Demnach soll es bis 2025 keine betriebsbedingten Kündigungen für die Stammbelegschaft geben. VW will den bevorstehenden digitalen Umbau über die normale Fluktuation – also frei werdende Stellen werden nicht ersetzt – und über eine Altersteilzeit-Regelung meistern.  Gut und schön, aber wenn der Absatz in den Keller rutscht, hilft der beste Zukunftspakt nicht mehr viel.

Der Pakt ist nicht zuletzt auf Hoffnung gebaut. Für 2019 haben Vorstand und Betriebsrat den Bau von 260.000 Autos in Emden vereinbart, für das Jahr darauf geht man sogar von voller Auslastung aus, ab 290.000 aufwärts. Vorläufig sind es nur vermutete Zahlen auf dem Papier.

Die Zeiten sind turbulent, nicht nur für VW, sondern für die gesamte Industrie. Bliebe es für VW bei der Türkei-Misere, wäre es eher harmlos. Aber der von den USA angetriebene Handelskrieg bleibt eher nicht auf China beschränkt. Exportweltmeister Deutschland ist verwundbar durch Zölle und andere Handelshemmnisse.

Der Emder VW-Betriebsrat fordert schon lange ein viertes Modell neben dem „Passat“ als Variant und Limousine und dem Sportcoupé „Arteon“. Im nächsten Jahr soll zusätzlich der „Arteon“ als Steilheck-Kombi an den Start gehen. Aber auch das reicht nicht. Man spricht deshalb vom „Skoda-Superb“ für Emden. Aber bisher ist es nur ein Gerücht.

Das Emder Werk hat schon mehrere Turbulenzen erlebt. „Emden geht nach USA“ hieß eine TV-Filmreihe um die Krise der Automobil-Industrie im Sommer 1975. Emden stand auf der Kippe, weil  VW ein Zweigwerk in den USA errichten wollte.

Auch in den 90er Jahren war es eng. VW-Personalvorstand Peter Hartz rettete damals Jobs mit Projekten wie die Vier-Tage-Woche oder 5000 × 5000. Letzteres bedeutete, dass VW  5000 neue Arbeitnehmer einstellte, die nicht nach dem Haustarifvertrag bezahlt wurden, sondern brutto jeweils 5000 DM pro Monat verdienten.

Unvergessen eine Gesprächsrunde in den 90er Jahren bei Ministerpräsident Gerhard Schröder, an der auch Hartz teilnimmt. Ein ostfriesischer Journalist fragt Hartz, ob er für VW Emden garantieren könne. Hartz zögert, Schröder springt ein: „Emden bleibt“. So einfach ist es heute nicht mehr.

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Alternativlos? Nein

Dienstag, September 18th, 2018

Kann die Art des Ausbaus einer Straße alternativlos sein? Nein. Aber die Bürgermeisterin von Leer, Beatrix Kuhl, behauptet das über Pläne zum Ausbau des Logaer  Wegs in Leer, die seit Jahren umstritten sind. Unumstritten ist lediglich, dass der Zustand der Straße kurz beschrieben werden kann: kaputt.

Anlieger wehren sich hartnäckig gegen den Ausbau. Ihre Argumente lassen sich nachvollziehen. Wer möchte schon gern an einer Straße wohnen, die nach dem Ausbau noch mehr Autos lockt als vorher? Und dafür dann noch einige tausend Euro als Ausbaubeitrag zahlen.

Die Anlieger ziehen gegen die Pläne zu Felde, streiten sich jahrelang mit der Stadtverwaltung und dem Stadtrat, gehen auch juristisch vor. Alle Seiten geben sich Mühe, viel Porzellan zu zertrümmern. Es wieder zu kitten erscheint fast unmöglich, denn längst überlagern Emotionen die Sache.

Das zeigte sich jüngst bei einer großen Demonstration auf dem Logaer Weg, zu der sich rund 1200 Personen versammelten. Dabei ging es nicht darum, wie breit die Straße sein, ob ein Radfahrstreifen  direkt zur Straße gehören oder ob ein eigner Radweg gebaut werden soll. Es ging auch nicht um Anliegerbeiträge, sondern darum, ob eine Wallhecke und mehrere Bäume gefällt werden sollen, die zum benachbarten Julianenpark gehören.

Die Demo war sorgfältig vorbereitet worden. Eine kontinuierliche Leserbrief-Kampagne machte vorher Stimmung, Initiatoren malten viele Plakate. Sie verstehen sich als „mündige Bürger, die nicht alles abnicken“ – scheuen sich aber nicht, Kinder mit Plakaten vorzuschicken. Wallhecke und Bäume jedenfalls dienen indirekt plötzlich als Helfer der Anlieger, denen daraus natürlich kein Vorwurf zu machen ist. Sie sind dankbar für jede Unterstützung.

Das Rathaus spielt in der ganzen Angelegenheit eine sehr unglückliche Rolle. Es hat kein Konzept für eine Lösung, die sich nicht stur auf gesetzliche Straßenbauvorschriften beruft. Besondere Lagen lassen auch Ausnahmen zu, um hier Straße, Wallhecke und uralte Eichen nebeneinander stehen zu lassen.

Doch Bürgermeisterin Beatrix Kuhl, CDU, greift zu einem Totschlagargument. Sie nennt die Ausbaupläne alternativlos. Vorbild könnte ihre Parteivorsitzende sein. Kanzlerin Angela Merkel hatte seinerzeit in der Finanzkrise die Griechenlandhilfe als „alternativlos“ bezeichnet. 2010 nahm die Gesellschaft für deutsche Sprache diesen rhetorischen Missgriff auf und erhob „alternativlos“ zum Unwort des Jahres. Die Begründung: Das Wort erwecke den Eindruck, „dass es bei einem Entscheidungsprozess von vornherein keine Alternativen und damit auch keine Notwendigkeit der Diskussion und Argumentation gibt. Behauptungen dieser Art …. drohen, die Politikverdrossenheit in der Bevölkerung zu verstärken.“

Tatsächlich stellt Frau Kuhl – wohl eher unbewusst – Politik hin, als ob es das ohnmächtige Vollzugsorgan einer höheren Macht sei. Es muss denkende Bürger ärgern, wenn Politiker ein Vorhaben als alternativlos durchsetzen wollen.

Denn es gibt immer andere Möglichkeiten. Es fehlt nicht an einer Alternative, sondern am Willen, die Vor- und Nachteile einer Lösung klar und  ehrlich zu benennen. Wohl wissend, es nicht allen recht zu machen. Am Logaer Weg heißt das: Zur Kasse werden die Anlieger so oder so gebeten.

Tattoo, Tattoo

Mittwoch, September 5th, 2018

Früher ließen sich nur Matrosen und Knastbrüder tätowieren. Heutzutage lässt sich ungefähr jeder Vierte in Deutschland ein Motiv, meistens sogar mehrere, in die Haut stechen. Der Ausdruck Tätowierung jedoch hat ausgedient, das englische Tattoo hat ihn abgelöst. Klingt irgendwie eleganter. Doch eines bleibt wie es ist:  Der Fülle und Geschmacklosigkeiten an Motiven sind beim modernen Körperkult keine Grenzen gesetzt. Viele nutzen die Haut wie eine Wohnzimmertapete. und Laune.

Das Steißbeintattoo zwischen Rücken und Po, umgangssprachlich „Arschgeweih“, war in den späten 90er und frühen Nullerjahren schwer angesagt. Heute ist es aus der Mode und sorgt im Freibad oder in der Sauna höchstens noch für Gelächter. Andere Motive wie Schwerter, Rosen, Totenköpfe oder Liebesschwüre ersetzen das Geweih, die Phantasie hat freien Auslauf. Die Nadelschwinger in den Tattoostudios sind flexibel.

Bislang lässt man sie gewähren. Und wer sich Tattoos stechen lässt, ist für sein Aussehen selbst verantwortlich. Jeder nach seinem Geschmack. Das sieht die Bundestagsabgeordnete Gitta Connemann jedoch anders. Sie fordert eine Pflichtberatung vor dem Tattoostechen, ähnlich wie vor einem Schwangerschaftsabbruch. Sie hält die Tätowierung für gesundheitlich riskant. Und den  Tattoostudios, für die eine Gewerbeanmeldung reicht, will sie Fesseln anlegen.

Der Vorstoß der CDU-Politikerin aus Hesel fand neulich ein bundesweites Echo in Medien. Mehrere Kommentatoren werteten es als typisches Sommerlochthema, das genauso schnell wieder verschwinde wie einst die sommerliche Schnapsidee eines Politikers, Mallorca als 17. Bundesland aufzunehmen. Die Sommerloch-Vermutung drängt sich auf. Eine Nagelprobe für Connemann ist deshalb, was aus dem Tattookongress wird, den sie für November angekündigt hat –  mit Wissenschaftlern, Verbänden, Farbenherstellern und anderen Fachleuten.

Es gibt einige Hautärzte, die Connemanns Absicht unterstützen. Die Politikerin beruft sich auch auf nicht näher genannte Forschungsinstitute, Krankenkassen und Ärzte, „die Alarm schlagen“.

Klinikpraktiker halten die Aufregung für übertrieben. So wie ein Dermatologe von der Uniklinik Bochum, die sich seit Jahren mit Tattoos beschäftigt: „Tätowierte Menschen sind nicht häufiger krank als Menschen ohne Tattoos.“ Auch das Krebsrisiko sei in der Praxis nicht relevant.

Das Gesundheitsamt im Berliner Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain, bekannt als sehr tätowierfreudig, kontrolliert regelmäßig alle 43 dort bekannten Studios. Es gebe nur vereinzelt Grund zu Beanstandungen. Wer an schmutzige Nadeln oder Blutbäder denke, liege falsch. In Einzelfällen hätten Hautdesinfektionsmittel, Hygienepläne oder Erste-Hilfe-Kästen gefehlt.

Das Bundeswirtschaftsministerium plant zurzeit keine schärfere Gewerberegelung. Und das Bundesernährungsministerium, das für schärfere Vorschriften für Tattoofarben zuständig wäre, schiebt es auf die lange Bank. Es denke an eine europaweite Regelung zur Sicherheit von Tätowierungsmitteln, wie die Süddeutsche Zeitung meldet. Auf Deutsch: Das Ministerium drückt diplomatisch aus, dass man die Sache nicht ernsthaft verfolgt.

Sagen wir es so: Wir sind gespannt, ob die Pflichtberatung für Tattoos den Sprung vom  Sommerlochthema zu einem ernsthaften politischen Vorgang schafft.