Archive for Oktober, 2018

Die Welt ist ein Dorf

Samstag, Oktober 27th, 2018

Die Welt ist ein Dorf. Das ist in der Auto-Industrie gut zu beobachten. VW liefert den Beweis.

Seit längerer Zeit hangelt sich das VW-Werk Emden von einer Kurzarbeit zur nächsten. So stehen überraschend auch jetzt wieder für drei Tage die Bänder still – weil der „Passat“ zu wenig Käufer findet. Gutes Auto, aber aus der Zeit gefallen. In Emden bleibt Kurzarbeit auf der Tagesordnung, und wenn auch ein geplantes zusätzliches Modell für Emden nicht läuft, kommen Arbeitsplätze unter die Räder.

Als die Emder Werksleitung jetzt erneut Kurzarbeit verkündete, meldete zeitgleich der Elektroauto-Pionier Tesla in Kalifornien, dass er erstmals seit langem wieder schwarze Zahlen schreibt. Die Tesla-Aktie sprang in die Höhe.

Was haben die Meldungen aus Emden und Kalifornien gemeinsam? Direkt nichts, aber grundsätzlich viel. Denn Tesla scheint mit seinem bezahlbaren „Model 3“ auf dem richtigen Weg zu sein. Im Vergleich zu VW sind die Produktionszahlen sehr bescheiden – aber sie machen eine Tendenz deutlich.

Die deutschen Autobauer bekommen die Kurve nicht. Sie sitzen immer noch auf einem hohen Ross – kein Wunder, wenn sie sich gegenseitig seit Jahrzehnten selbst einreden,  die besten der Welt zu sein. Fachbeobachter wie der frühere „Handelsblatt“-Chef Gabor Steingart sagen: „Wer die deutsche Autoindustrie retten will, muss sie transformieren, nicht konservieren.“

Ob das gelingt? Die „Financial Times“ aus London, eine der renommiertesten Wirtschaftszeitungen, sieht schwarz. Sie fragt, ob Deutschland den Schritt zum iPhone-Augenblick für Autos („iPhone-moment for cars“) bewältigt. Dazu heißt es erklärend: „Die Bedeutsamkeit des iPhones, als es 2007 erstmals verkauft wurde, bestand nicht darin, dass es ein besseres Telefon mit einem überlegenen MP3-Player und einer Spitzenkamera war. Entscheidend waren auch nicht der Touchscreen, das große Display oder die vielen Apps. Entscheidend war, das all diese Dinge in einem einzigen Gerät zusammenkamen.“

Weiter: „Das künftige Auto ist ein elektrisches, sich selbst steuerndes Wohnzimmer auf Rädern, sicher verbunden mit dem World Wide Web. Nutzer teilen es sich deutlich häufiger  als dass sie es kaufen. Es ist noch unklar, wer dieses Auto bauen wird, aber die Investoren an der Börse sind sich in einem einig: Es werden nicht die Deutschen sein.“

Irgendwie muss VW doch einen Schuss gehört haben – und wollte bei Tesla einsteigen. Motto: Wer den Feind nicht besiegen kann, muss ihn umarmen. Doch daraus wurde nichts. Tesla-Chef Elon Musk fürchtete, der Einfluss von VW könnte zu groß werden.

Immerhin: Laut „Manager Magazin“ will VW gemeinsam mit dem koreanischen Konzern SK Innovation in die Batteriezellenproduktion in Europa einsteigen. Und bis 2025 rund drei Millionen E-Autos pro Jahr verkaufen – vor allem SUVs.

Sicher ist es gut, dass VW in Europa Batteriezellen bauen will, um sich nicht so abhängig von den Chinesen zu machen. Und die Batterietechnik muss auch noch stark verbessert werden. Darin liegen Chancen. Aber die Batterie kann den Verlust an Arbeitsplätzen nicht ausgleichen. Denn E-Autos brauchen keine Kolben, keine Getriebe, keine Abgasanlagen, keine Tanks. Und ihre Software kommt aus den USA.

Diese internationalen Verflechtungen wirken sich auf Emden und Ostfriesland aus. Denn die Welt ist ein Dorf.

Gut gemeint

Montag, Oktober 22nd, 2018

Bei allem Ärger und Gespött über den kleinen Kahn namens „Friesenfähre“ – eines verkennen wir nicht: Ursache der verklemmten Lage an der Ems ist die Unfähigkeit oder Unwilligkeit der Deutschen Bahn, die zerstörte Friesenbrücke zwischen Weener und Hilkenborg in angemessener Zeit in Schuss zu bringen oder neu zu bauen.

Erst 2024 sollen dort wieder Züge rollen sowie Fußgänger und Radfahrer das andere Ufer  erreichen können. Zwar nimmt kaum ein Mensch diesen Termin ernst, vermutlich nicht einmal die Manager der Bahn, obwohl sie immer von 2024 reden. Das stellt viele Rheiderländer und Westoverledinger auf eine harte Geduldsprobe.

Die Meyer-Werft drängt aus nachvollziehbaren Gründen darauf, eine neue Brücke zu bauen statt die alte zu reparieren, was aber den Bau hinausschiebt. Sie klebte deshalb der Bevölkerung ein Trostpflaster auf die Wunde. Gemeinsam mit der Reederei Schulte & Bruns ließ sie eigens ein Schiff bauen, die „Friesenfähre“, die seit kurzem Passagiere über die Ems  zwischen Weener und Mitling-Mark schippert – allerdings nur bei Hochwasser und zwischen April und Oktober. Werft und Reederei ließen sich Boot und Anleger einiges kosten. Sie sprechen von anderthalb Millionen Euro.

Eigentlich hätte die Fähre schon lange verkehren sollen, aber der Zeitplan lief aus dem Ruder. Wir wollen hier jedoch nicht nachkarten. Es ist wie es ist.

Doch wie beurteilen die Leute die „Friesenfähre“? Dazu eine Momentaufnahme: Vorigen Sonntag, früher Nachmittag, die Sonne scheint, im Garten des Gasthofs „Fährhaus“ in Mitling-Mark sind alle Plätze besetzt. Gesprächsstoff liefert die „Friesenfähre“. Fast alle Gäste haben zuvor einen Blick vom Deich auf den Anleger geworfen. Dort warten an die 30 Radfahrer auf die Fähre. Acht können einsteigen, die übrigen sich leicht ausrechnen, wann sie an der Reihe sind.

Mehrere nutzen die Zeit für Tee und Kuchen im Gasthaus, andere machen sich kopfschüttend auf den Umweg über Papenburg oder Leer ins Rheiderland. Sie lästern über  die „Nussschale“, andere nehmen die Unfähigkeit von Bahn und Politik aufs Korn, die nicht mal einen Brückenbau auf die Reihe bekommen. Eine Frauengruppe amüsiert sich, während  der Überfahrt bei relativ hohem Wellengang nassgespritzt worden zu sein.

Einige scherzen, ob man denn auch Paddel dabei habe – für den Fall, dass  der Dieseltank an Bord wieder leer ist. Darübermachten sich Zeitungen, Funk und Fernsehen in ganz Deutschland lustig. Heute lässt sich darüber lachen, aber wenn an dem Tag nicht die Ems gestaut worden wäre, somit kaum Strömung herrschte und kein Binnenschiff unterwegs war, hätte es böse enden können. Denn die „Friesenfähre“ trieb minutenlang mit 13 Passagieren manövrierunfähig stromabwärts. Zwei Passagiere versuchten mit Notpaddeln, die Fähre zum Anleger zu steuern. Der Kapitän warf schließlich eine Leine zu Wartenden auf dem Anleger, die das Boot festmachten. Nach Aussage von Passagieren fehlten Schwimmwesten.

Alles in allem: Die Fähre ist nur halber Kram, fährt zu selten, ist nicht wettertauglich, hilft keinem Berufspendler und sorgt mehr für Verdruss und Spott als für Freude und  Zufriedenheit oder gar Dankbarkeit. Zweifellos ist sie gut gemeint. Aber das ist bekanntlich das Gegenteil von gut.

Evergreen im Sonnenschein

Montag, Oktober 15th, 2018

Früher war alles anders. Na ja, wir wollen es nicht allzu wörtlich nehmen. Aber in einem Fall stimmt es hundertprozentig: So viel Sonne war nie zum Gallimarkt in Leer. Messtechnisch beweisen lässt es sich kaum, aber gefühlt besteht kein Zweifel. Gallimarkt – das war einst die Zeit, in der Winterjacken und -mäntel ihre Sommerpause beenden mussten. Heute reichen Hemd oder T-Shirt.

Noch einen Rekord brach Ostfrieslands größtes Volksfest in diesen Tagen:  So viele Besucher wie diesmal strömten noch nie zur traditionellen Eröffnungszeremonie zum Rathaus. Eine genaue Zahl versagen wir uns, denn gezählt hat keiner. Geschätzt mögen es an die 2000 gewesen sein.

Ansonsten sind die Stadt Leer und die Schausteller mit Besucherzahlen nicht zimperlich. Jahr für Jahr sagen sie, dass rund 500.000 Menschen den Gallimarkt besuchen. Eine steile Behauptung. Demnach müssten rechnerisch alle 460.000 Ostfriesen – vom Säugling bis zum Hundertjährigen – den Markt besuchen, plus alle Einwohner einer Stadt wie zum Beispiel Laatzen mit 40.000. Oder anders: Die Stadt Duisburg zählt eine halbe Million. Zweimal Braunschweig passt auch. Fußballfans können sich unter dieser Zahl etwas vorstellen: Zwölf mal ein ausverkauftes Weserstadion in Bremen mit 42.000 Zuschauern.

Das alles an viereinhalb Tagen Gallimarkt. Respekt. Aber auch hier gilt: Eine feste Behauptung ist meistens besser als ein schwacher Beweis. Ob eine halbe Million oder weniger: Der Spaß am Gallimarkt bleibt davon unberührt.

Der Gallimarkt ist ein Evergreen. Er bleibt die fünfte Jahreszeit in Leer. Selbst beim 508. Mal wirkt die Mischung aus Tradition und Moderne wie ein Magnet. Auch wenn unsereins die Boxbude mit den legendären Kampf-Brüdern Schlüter I bis IV vermisst, ebenso den „Eisbären“, mit dem Kinder sich liebend gern fotografieren ließen. Zum Glück nähert sich Nina Meyer in ihrer Losbude der Unsterblichkeit. Schon fast zur Tradition gereift ist auch Ausrufer Trevor Heeks aus der englischen Partnerstadt Trowbridge. Wenn er wie seit 1988 sein „God save the Queen“ von der Rathaustreppe schmettert, jubelt das Volk.

Es gibt sie noch, die kleinen Kinderkarussells. Auch das Riesenrad dreht wie eh und je seine Runden, nur zwei Etagen höher als früher, aber selbst Ältere steigen ein. Ein Vorrecht der Jugend sind die gigantischen Fahrgeschäfte, die gern auch mal eine Million Euro kosten und ausgestattet sind mit modernster Technik. Mit ihnen durch die abendliche Luft zu schleudern bei wummernden Bässen und grellem Blinklicht oder scheinbar ins Bodenlose zu stürzen aus 80 Meter Höhe, mit dem Kopf voraus – das überfordert Kreislauf und Mägen der älteren Generation. Da kommt Wehmut auf nach früheren Zeiten, als „wir kein Karussell scheuten“. Allerdings war damals eine Achterbahn das höchste der Gefühle.

Die ältere Generation kann auf dem Gallimarkt schön ihre Vorurteile ausleben, so wie es wohl immer schon war – über schrille Kleidung, lärmiges Verhalten oder exzessiv wirkende Trinkgewohnheiten der jungen Leute. Wir erinnern hier deshalb an den längst toten spanischen Maler Salvador Dali. Auf dem Gallimarkt war er zwar nie, aber das Verhältnis von Alt und Jung hat er klug beobachtet: „Das größte Übel der heutigen Jugend besteht darin, dass man selbst nicht mehr dazugehört.“

Umsatz kontra Schutzpflicht

Montag, Oktober 8th, 2018

Viele Kaufleute und Gastwirte in Leer dürften am Abend des Tags der Deutschen Einheit  zufrieden die Einnahmen gezählt haben. In der Innenstadt und bei Multi-Süd kauften tausende Menschen ein. Es war Feiertags-Shopping angesagt. „Die Leute haben mit den Füßen abgestimmt“, stellte Johannes Poppen, Vorsitzender der Werbegemeinschaft Leer, fest.

 Einheits-Feiertag war einer von maximal vier Sonn- oder Feiertagen im Jahr, an dem  Ladentüren geöffnet werden dürfen. Anlass war diesmal die Ostfriesland-Schau. Ohne einen zugkräftigen Anlass erlauben Gerichte keine verkaufsoffenen Sonntage.

Der Handel hätte gerne mehr, doch scheitert er oft an Gerichten. Er sieht sich der wachsenden Konkurrenz im Internet ausgesetzt und will deshalb öfter sonntags die Läden öffnen. Darüber streitet er seit Jahren mit Kirchen und Gewerkschaften, für die der Sonntag heilig ist oder der Erholung der Menschen dienen soll.

Gesetzlich zuständig für die Ladenöffnung sind die Bundesländer. Das niedersächsische Ladenöffnungsgesetz (LÖG) ist nach Ansicht des Handels zu streng. Die Landesregierung legte deshalb neulich einen neuen Gesetzentwurf vor, der nach Ansicht der Industrie- und Handelskammer  Niedersachsen „in die richtige Richtung“ weist. Der Entwurf sieht mehr Anlässe für einen verkaufsoffenen Sonntag vor – wie Sicherung der Attraktivität der Innenstädte oder Verbesserung als attraktiver und lebenswerter Standort.

Als lobenswertes Beispiel erwähnt der Handel das neue LÖG in Nordrhein-Westfalen, das acht Sonn- und Feiertage freigibt. Als Anlass dient sogar die Stärkung und Entwicklung des örtlichen Einzelhandelsangebots. Genehmigungsbehörde sind die jeweiligen Rathäuser. Sie sind damit oft überfordert, wie die ersten Verbots-Urteile von Verwaltungsgerichten in NRW bestätigen. Rechtssicherheit ist nicht eingetreten.

Es muss keinen erstaunen, dass sich die niedersächsische Landesregierung mit einem neuen Gesetz schwer tut. Denn das Bundesverfassungsgericht hat bereits 2009 in einem Urteil zum Sonn- und Feiertagsschutz enge Grenzen gesetzt. Es bezieht sich insbesondere auf die Zulässigkeit von Ladenöffnungen an Sonn- und Feiertagen.

Demnach hat der Staat eine „Schutzpflicht“. Das Grundgesetz verpflichtet ihn zwar nicht, den Sonntag unter den Schutz einer generellen Arbeitsruhe zu stellen – sonst dürften ja auch keine Restaurants oder Tankstellen öffnen. Aber: Typische „werktägliche Geschäftigkeit“ ruht an Sonntagen, der verfassungsrechtliche Schutz ist nur begrenzt einschränkbar. Art und Ausmaß des Schutzes legt der Landtag fest.

Dessen Hände sind aber weitgehend gebunden. Denn die Ausnahme braucht einen Sachgrund, der dem Sonntagsschutz mindestens gleich steht. Ein bloß wirtschaftliches Umsatzinteresse des Handels und ein alltägliches Erwerbsinteresse der Kunden („Shopping-Interesse“) reicht nicht.

Hinzu kommt: In Niedersachsen dürfen Läden werktags rund um die Uhr geöffnet sein. Deshalb gewinnt die Arbeitsruhe für Arbeitnehmer an Sonntagen noch mehr an Gewicht.

Alles in allem: Der Handel sollte sich vom neuen LÖG nicht allzu viel versprechen. Eine Abstimmung mit den Füßen setzt das Grundgesetz nicht außer Kraft. Für endgültige Klarheit wird vermutlich das Bundesverfassungsgericht sorgen. Das dauert.