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Evergreen im Sonnenschein

Früher war alles anders. Na ja, wir wollen es nicht allzu wörtlich nehmen. Aber in einem Fall stimmt es hundertprozentig: So viel Sonne war nie zum Gallimarkt in Leer. Messtechnisch beweisen lässt es sich kaum, aber gefühlt besteht kein Zweifel. Gallimarkt – das war einst die Zeit, in der Winterjacken und -mäntel ihre Sommerpause beenden mussten. Heute reichen Hemd oder T-Shirt.

Noch einen Rekord brach Ostfrieslands größtes Volksfest in diesen Tagen:  So viele Besucher wie diesmal strömten noch nie zur traditionellen Eröffnungszeremonie zum Rathaus. Eine genaue Zahl versagen wir uns, denn gezählt hat keiner. Geschätzt mögen es an die 2000 gewesen sein.

Ansonsten sind die Stadt Leer und die Schausteller mit Besucherzahlen nicht zimperlich. Jahr für Jahr sagen sie, dass rund 500.000 Menschen den Gallimarkt besuchen. Eine steile Behauptung. Demnach müssten rechnerisch alle 460.000 Ostfriesen – vom Säugling bis zum Hundertjährigen – den Markt besuchen, plus alle Einwohner einer Stadt wie zum Beispiel Laatzen mit 40.000. Oder anders: Die Stadt Duisburg zählt eine halbe Million. Zweimal Braunschweig passt auch. Fußballfans können sich unter dieser Zahl etwas vorstellen: Zwölf mal ein ausverkauftes Weserstadion in Bremen mit 42.000 Zuschauern.

Das alles an viereinhalb Tagen Gallimarkt. Respekt. Aber auch hier gilt: Eine feste Behauptung ist meistens besser als ein schwacher Beweis. Ob eine halbe Million oder weniger: Der Spaß am Gallimarkt bleibt davon unberührt.

Der Gallimarkt ist ein Evergreen. Er bleibt die fünfte Jahreszeit in Leer. Selbst beim 508. Mal wirkt die Mischung aus Tradition und Moderne wie ein Magnet. Auch wenn unsereins die Boxbude mit den legendären Kampf-Brüdern Schlüter I bis IV vermisst, ebenso den „Eisbären“, mit dem Kinder sich liebend gern fotografieren ließen. Zum Glück nähert sich Nina Meyer in ihrer Losbude der Unsterblichkeit. Schon fast zur Tradition gereift ist auch Ausrufer Trevor Heeks aus der englischen Partnerstadt Trowbridge. Wenn er wie seit 1988 sein „God save the Queen“ von der Rathaustreppe schmettert, jubelt das Volk.

Es gibt sie noch, die kleinen Kinderkarussells. Auch das Riesenrad dreht wie eh und je seine Runden, nur zwei Etagen höher als früher, aber selbst Ältere steigen ein. Ein Vorrecht der Jugend sind die gigantischen Fahrgeschäfte, die gern auch mal eine Million Euro kosten und ausgestattet sind mit modernster Technik. Mit ihnen durch die abendliche Luft zu schleudern bei wummernden Bässen und grellem Blinklicht oder scheinbar ins Bodenlose zu stürzen aus 80 Meter Höhe, mit dem Kopf voraus – das überfordert Kreislauf und Mägen der älteren Generation. Da kommt Wehmut auf nach früheren Zeiten, als „wir kein Karussell scheuten“. Allerdings war damals eine Achterbahn das höchste der Gefühle.

Die ältere Generation kann auf dem Gallimarkt schön ihre Vorurteile ausleben, so wie es wohl immer schon war – über schrille Kleidung, lärmiges Verhalten oder exzessiv wirkende Trinkgewohnheiten der jungen Leute. Wir erinnern hier deshalb an den längst toten spanischen Maler Salvador Dali. Auf dem Gallimarkt war er zwar nie, aber das Verhältnis von Alt und Jung hat er klug beobachtet: „Das größte Übel der heutigen Jugend besteht darin, dass man selbst nicht mehr dazugehört.“

 

Der Beitrag wurde am Montag, den 15. Oktober 2018 um 12:23 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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