«     »

Gut gemeint

Bei allem Ärger und Gespött über den kleinen Kahn namens „Friesenfähre“ – eines verkennen wir nicht: Ursache der verklemmten Lage an der Ems ist die Unfähigkeit oder Unwilligkeit der Deutschen Bahn, die zerstörte Friesenbrücke zwischen Weener und Hilkenborg in angemessener Zeit in Schuss zu bringen oder neu zu bauen.

Erst 2024 sollen dort wieder Züge rollen sowie Fußgänger und Radfahrer das andere Ufer  erreichen können. Zwar nimmt kaum ein Mensch diesen Termin ernst, vermutlich nicht einmal die Manager der Bahn, obwohl sie immer von 2024 reden. Das stellt viele Rheiderländer und Westoverledinger auf eine harte Geduldsprobe.

Die Meyer-Werft drängt aus nachvollziehbaren Gründen darauf, eine neue Brücke zu bauen statt die alte zu reparieren, was aber den Bau hinausschiebt. Sie klebte deshalb der Bevölkerung ein Trostpflaster auf die Wunde. Gemeinsam mit der Reederei Schulte & Bruns ließ sie eigens ein Schiff bauen, die „Friesenfähre“, die seit kurzem Passagiere über die Ems  zwischen Weener und Mitling-Mark schippert – allerdings nur bei Hochwasser und zwischen April und Oktober. Werft und Reederei ließen sich Boot und Anleger einiges kosten. Sie sprechen von anderthalb Millionen Euro.

Eigentlich hätte die Fähre schon lange verkehren sollen, aber der Zeitplan lief aus dem Ruder. Wir wollen hier jedoch nicht nachkarten. Es ist wie es ist.

Doch wie beurteilen die Leute die „Friesenfähre“? Dazu eine Momentaufnahme: Vorigen Sonntag, früher Nachmittag, die Sonne scheint, im Garten des Gasthofs „Fährhaus“ in Mitling-Mark sind alle Plätze besetzt. Gesprächsstoff liefert die „Friesenfähre“. Fast alle Gäste haben zuvor einen Blick vom Deich auf den Anleger geworfen. Dort warten an die 30 Radfahrer auf die Fähre. Acht können einsteigen, die übrigen sich leicht ausrechnen, wann sie an der Reihe sind.

Mehrere nutzen die Zeit für Tee und Kuchen im Gasthaus, andere machen sich kopfschüttend auf den Umweg über Papenburg oder Leer ins Rheiderland. Sie lästern über  die „Nussschale“, andere nehmen die Unfähigkeit von Bahn und Politik aufs Korn, die nicht mal einen Brückenbau auf die Reihe bekommen. Eine Frauengruppe amüsiert sich, während  der Überfahrt bei relativ hohem Wellengang nassgespritzt worden zu sein.

Einige scherzen, ob man denn auch Paddel dabei habe – für den Fall, dass  der Dieseltank an Bord wieder leer ist. Darübermachten sich Zeitungen, Funk und Fernsehen in ganz Deutschland lustig. Heute lässt sich darüber lachen, aber wenn an dem Tag nicht die Ems gestaut worden wäre, somit kaum Strömung herrschte und kein Binnenschiff unterwegs war, hätte es böse enden können. Denn die „Friesenfähre“ trieb minutenlang mit 13 Passagieren manövrierunfähig stromabwärts. Zwei Passagiere versuchten mit Notpaddeln, die Fähre zum Anleger zu steuern. Der Kapitän warf schließlich eine Leine zu Wartenden auf dem Anleger, die das Boot festmachten. Nach Aussage von Passagieren fehlten Schwimmwesten.

Alles in allem: Die Fähre ist nur halber Kram, fährt zu selten, ist nicht wettertauglich, hilft keinem Berufspendler und sorgt mehr für Verdruss und Spott als für Freude und  Zufriedenheit oder gar Dankbarkeit. Zweifellos ist sie gut gemeint. Aber das ist bekanntlich das Gegenteil von gut.

 

Der Beitrag wurde am Montag, den 22. Oktober 2018 um 13:23 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Buntes Leben, Politik, Wirtschaft abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

Kommentarfunktion ist deaktiviert

Leer_Zeichen is powered by WordPress | WP.de Beiträge (RSS) und Kommentare (RSS)