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Wir haben die Dinge

Zwei große Industriefirmen von Weltruf arbeiten in Ostfriesland: VW in Emden und Enercon in Aurich. Zählen wir die Meyer-Werft an der Regionsgrenze in Papenburg hinzu, sind es drei. Unter dem Strich: Alles Glückfälle, die wesentlich zum Wohlstand beitragen, Arbeitsplätze schaffen und Wettbewerbsfähigkeit sichern.

Sie sind das Gerüst moderner Industriepolitik, denn sie verknüpfen Forschung und Entwicklung mit der Produktion, in ihrem Gefolge zahlreiche Dienstleister und Zulieferer – von der Reinigungsfirma über den Bäcker bis zum Handwerker und Ingenieurbüro. Im Ort,  in der Region und darüber hinaus.

Bei Antworten für die Zukunft ist die Industrie ein Teil der Lösung und nicht des Problems.  Sie schafft in Deutschland immer noch gut ein Viertel der Werte – mehr als in den meisten anderen Ländern. Das hat sich schon bei der Wirtschafts- und Finanzkrise vor zehn Jahren als Vorteil erwiesen, die in Deutschland am besten bewältigt wurde.

Auch die digitalisierte Welt der Daten und Algorithmen braucht die Industrie, die Dinge. Das „Internet der Dinge“ bedeutet ja nichts anderes, als dass Dinge, sprich Maschinen, aufeinander abgestimmt werden, im übertragenen Sinne miteinander reden – eben das Internet der Dinge.

Als ein kluger deutscher Unternehmer vor einiger Zeit von einer USA-Reise zurückkam,  stellte er fest: „Die Amerikaner haben das Internet, aber wir haben die Dinge.“ Digitale Startups und bewährte Unternehmen in einem Boot:  So wird aus dem digitalen Wandel ein Schuh. Bei VW, Enercon und Meyer, die stärksten Lokomotiven der regionalen Industrie,  müssen wir zum Glück nicht befürchten, dass sie die Vergangenheit vor der Zukunft schützen wollen.

Sie bewähren sich schon lange im rauen Wind der internationalen Wirtschaft und wissen, was weltweite Konkurrenz bedeutet. Im Augenblick weht dieser Wind besonders heftig:  Digitalisierung, Globalisierung, eine neue Wirtschafts- und Außenpolitik der USA, der Brexit und andere nationalistische Tendenzen. Ostfriesland bleibt davon nicht unberührt.

VW, Enercon und Meyer müssen sich auf neue Verhältnisse einstellen. Wie andere auch. VW verabschiedet sich in Emden vom Benzin- und Dieselmotor und stellt um auf E-Autos; Enercon sucht neue Wege und Strategien (und lässt dabei leider gute Manieren im Umgang mit Mitarbeitern und Politikern vermissen).

Meyer macht – paradox – seine blendende Auftragslage zu schaffen und kämpft mit Bauverzögerungen. Die Mitarbeiter sollen mehr arbeiten, um verlorene Zeit aufzuholen. Wenn es damit getan ist, ist das Problem schnell vergessen. Der Betriebsrat verlangt Neueinstellungen. Gut, aber schwierig. Meyer braucht keine Leute, die den Hof fegen, sondern Fachkräfte. Möglich ist auch, dass der schnelle Bau von hochkomplexen Schiffen an Grenzen stößt. Und drei Werftstandorte in Papenburg, Finnland und Rostock zu koordinieren, heißt, drei Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten.

Bei VW wird es besonders deutlich, dass sich Strukturen ändern. Der Sprung zum E-Auto ist mehr als ein Strukturwandel, er ist ein harter Strukturbruch. Er lässt sich meistern, wenn  Verantwortliche und Belegschaft den Kopf nicht in den Sand stecken. Der bekannte Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer von der Uni Duisburg-Essen sagt sogar, die VW-Werker „sollten die Sektkorken knallen lassen“.

 

Der Beitrag wurde am Montag, den 19. November 2018 um 12:49 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Politik, Wirtschaft abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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