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Große Klötze

Ein Reizwort geht um. Es hat mit Bauen und Wohnen vor allem in der Stadt zu tun: „Große Klötze“. In Leer zum Beispiel haben sich die Klötze sogar zu einem politischen Kampfbegriff entwickelt. Gegner einer so genannten verdichteten Bauweise führen ihn bevorzugt ins Feld. „Große Klötze“ sind fast ein Totschlag-Argument, das eine vernunftgesteuerte Erörterung schwer macht.

Verdichtung bedeutet, Baulücken zu schließen. Das hört sich einfach an: Die Baulücke wird voll genutzt. Das ist in einer normalen ostfriesischen Siedlung  allerdings vielen ein Stich ins Auge. Das klassische Einfamilienhaus ist von einem Garten umgeben und anderthalb Geschosse hoch – ideal für eine vier- oder fünfköpfige Familie. Doch was man den Grundstücken nicht ansieht: Der Bebauungsplan lässt viel größere Gebäude zu. Auch ein Sechsfamilienhaus mit zwei Vollgeschossen findet seinen Platz. Auf einen Garten verzichten heutzutage viele Leute gern. Macht nur Arbeit.

Ein Investor baut lieber sechs Wohnungen statt ein Einfamilienhaus, weil sich seine Ausgaben nur so, auf jeden Fall aber besser rechnen. Denn Bauland in Leer ist teuer, teilweise auch in den Zentren von Weener oder Bunde. Und die Baukosten sind hoch – getrieben von der Superkonjunktur und schärfer gewordenen Bau- und Energievorschriften.

Tatsache ist: Eigenheimbesitzer blicken plötzlich auf eine Mauer – abgesehen davon, dass ihnen ein neuer Nachbar in die Teetasse oder auf die Terrasse schauen kann. Das ist ungewohnt, in der Stadt aber nicht ungewöhnlich. Jedenfalls ärgern sie sich über „große Klötze“. So weit, so gut, oder auch schlecht, je nach Sichtweise.

In Rathäusern ist das Problem bekannt. Lösen ließe es sich zwar nicht nachträglich, aber vorbeugend, wenn praktisch alle Bebauungspläne entsprechend geändert würden. Das aber beißt sich mit einem anderen, viel größeren Problem: Es fehlen in Städten, namentlich in Leer, bezahlbare Wohnungen. Mieten, Kauf- und Baupreise steigen.

Die Kommunalpolitik ist gezwungen, Bauland für preisgünstigen und geförderten Wohnungsbau oder für die Eigentumsbildung von Haushalten mit mittleren und kleineren Einkommen zu beschaffen. Denn Baulandpolitik wird in den Kommunen gemacht, flankiert von Bund und Ländern.

Der Aufschrei von Einfamilienhaus-Besitzern in Leer ist symptomatisch. Er wird auch laut im neuen Sanierungsgebiet Weststadt Leer. Der für solche Gebiete vorgeschriebene Runde Tisch, um den sich betroffene Bürger versammeln und Vorschläge machen können, lehnt eine Verdichtung zwar nicht rundum ab, weist jedoch die meisten Bauvorschläge der Planer zurück. Mieter lassen sich am Runden Tisch übrigens kaum blicken.

Der große Teil des Runden Tisches ist für Nachverdichtung, aber nicht in Nähe der eigenen Haustür. Das ist zwar menschlich, aber nicht im Sinne der Allgemeinheit. Manche Bürger verwechseln Eigentumsplanung mit Stadtplanung.

Der Stadtrat steht vor einer Bewährungsprobe. Denn mit guter Stadtplanung kann er spürbar dem Übel des überteuerten Wohnens zu Leibe rücken. Gefragt sind ein klares Konzept, dem zumindest auch einsichtige Einfamilienhaus-Besitzer etwas abgewinnen können – und Rückgrat.

 

Der Beitrag wurde am Sonntag, den 16. Dezember 2018 um 12:24 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Politik, Wirtschaft abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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