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Auf ein gutes Neues

Heute mal kurz aus dem Nähkästchen eines Journalisten geplaudert, ehe wir es ganz schnell wieder schließen. Themen für einen Kommentar liegen auf der Straße. Kein Problem für den Schreiber. Aber was erwarten die geneigten Leserinnen und Leser von einem Kommentar zwischen den Jahren? Ernstes, Heiteres, Besinnliches, eine Prise Folklore, einen Hauch Wehmut, etwas Beschauliches?

Oder dass früher Speckendicken und Rullerkes aus Omas Eisen viel besser schmeckten als vorgefertigte Waffeln vom Supermarkt, dass böllern mit Karbid mehr Spaß machte als die XXL-Palm-Effekt-Knister-Batterie „Power up“ von Lidl in die Luft zu jagen oder dass früher die Leute reihum durch die Nachbarschaft zogen und Kruiden tranken, während sie heute meistens in den eigenen vier Wänden hocken – alles schöne Themen. Sie berühren Gefühle, erinnern an Kindheit und Jugend, stimmen sentimental. In ihnen ruht der Zauber des Vergangenen.

Junge Journalisten – die RZ-Kollegen natürlich ausgenommen – schreiben mit wachsender Begeisterung über Dinge, die sie persönlich bewegen und deshalb für den Nabel der Welt halten. Daher könnte der Begriff Nabelschau stammen.

Doch die alte Journalisten-Schule lehrt genau das Gegenteil: Hände weg von Ich-Geschichten. „Sagen, was ist“ – dieses Leitmotiv machte das berühmte Magazin  „Spiegel“ einst bärenstark und steht in großen Buchstaben an der Wand des Verlags-Foyers. Was daraus wird, wenn sich Journalisten ihre eigene Welt zusammenreimen, erlebt dieser Tage der „Spiegel“, und mit ihm alle Medien – und es berührt das Rheiderland direkt.

Aber zurück zum Jahresend-Kommentar. Die Frage lautet: Was war 2018 die wahrscheinlich wichtigste Nachricht für Ostfriesland? Darüber lässt sich streiten, je nach Sichtweise. Die Antwort: VW stellt sein Werk in Emden auf Elektro-Autos um. Das geht alle an, ohne es gleich am 2. Januar zu spüren.

Warum steht diese trockene Nachricht hier auf Platz eins? Weil der digitale Wandel Ostfriesland schneller erreicht und radikaler wirken wird, als es sonst der Fall gewesen wäre. VW investiert Milliarden in den Umbau, es geht um Algorithmen, Roboter und – vor allem –  künstliche Intelligenz. Diese technologische Revolution wird nicht auf dem VW-Gelände eingemauert, sondern rollt die gesamte Wirtschaft auf, zunächst Zuliefer-Betriebe wie die Kautex Textron GmbH in Leer, die Tanks herstellt, die man bei einem E-Auto nicht mehr braucht.

Digitalisierung stellt den Arbeitsalltag auf den Kopf. Wie das aussieht, hat die Musikindustrie schon erlebt. CDs, Tonbänder oder andere Tonträger, die man anfassen kann, sind Vergangenheit, Kunden streamen Musik digital. Auch die Zeitungsbranche ist ein Beispiel für den digitalen Wandel. Bald stehen Banken und Versicherungen vor Umbrüchen, die auch Jobs kosten.

Andererseits: Es entstehen auch neue. Aber sie fallen keinem in den Schoß. Fatal wäre zu glauben, dass mit der Digitalisierung alles so weiter geht wie gewohnt – nur mit Internetanschluss.

Sehen wir es optimistisch: Die Milliarden-Investition von VW in Emden ist im Idealfall der Anstoß, dass alle Entscheider aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung, Wissenschaft und Kultur sich zusammenraufen und ein strategisches Konzept „Ostfriesland digital“ auf die Beine stellen und umsetzen. In diesem Sinne: Auf ein gutes Neues.

 

Der Beitrag wurde am Samstag, den 29. Dezember 2018 um 15:08 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Kultur, Politik, Wirtschaft abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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