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Nüchtern betrachtet

Nüchtern betrachtet sind Weihnachtsmärkte eine hochprozentige Angelegenheit. Sogar aus zwei Gründen, beide hängen direkt mit dem Glühwein zusammen: Ein wirtschaftlicher und ein mathematischer, bei dem sich allerdings Prozente und Promille nicht mehr so genau abgrenzen lassen, je nach Sichtweise.

Weihnachtsmärkte gibt es mittlerweile wie Sand am Meer, von Stapelmoorerheide über Weener und Leer nach Bremen, Dresden, Nürnberg oder Aachen. Man schätzt die Zahl auf mehr als 3000, die uns jedoch eher als zu niedrig gegriffen erscheint.

Eines vorweg: Hier folgt keine Kulturschelte. Unsereins will es sich ja nicht mit allzu vielen Lesern und vor allem Leserinnen verderben, denn relativ viele der 159 Millionen Besucher von Weihnachtsmärkten in Deutschland kommen schließlich aus dem Landkreis Leer. Die Märkte wirken wie Magnete. Einzelhändler und Tourismusexperten können sich die Adventszeit ohne kaum noch vorstellen.

Alle Weihnachtsmärkte lassen sich nicht über einen Kamm scheren. Manche, aber nur eine Minderheit, stellen tatsächlich den Weihnachtscharakter in den Vordergrund, mit Kunsthandwerk und sonstigen schönen Dingen, die Weihnachten ausmachen.

Wir schauen uns hier einmal genauer auf dem größten Weihnachtsmarkt im Landkreis Leer um, der mitten in der Kreisstadt in der Fußgängerzone über die Bühne  geht. Es ist ein Gallimarkt in Grün. Dort ist echt was los. Vor allem an Wochenenden fühlt man sich schon im Bahnhof an den Ballermann auf Malle versetzt – von grölenden Männer – und kreischenden Frauengruppen, die mit dem Zug anreisen.

Treibstoff der Weihnachtsmärkte ist der Glühwein, neben Fressbuden. Nüchtern betrachtet ist Glühwein ein fürchterliches Gesöff, was zugegebenermaßen Geschmackssache ist.  Nach dem Weingesetz ist – logisch – das aromatisierte Getränk gar kein Wein. Die allermeisten Winzer halten sich deshalb raus aus dem Glühweingeschäft, um sich den Ruf nicht zu verderben. Die Masse an Billigstwein kommt aus Italien.

Die EU-Verordnung 251/2014 legt fest, was Glühwein sein darf: Ausschließlich aus Rot- oder Weißwein, Alkoholgehalt zwischen sieben und 14,5 Prozent, zugesetzt werden dürfen Zimt, Vanille oder Gewürznelken. Wasser, Farbstoffe, Trauben- oder Obstsaft, auch Alkohol außer Wein, sind verboten.

Jetzt kommt das große Aber: Nicht vorgeschrieben sind echte Gewürze. Ein Einfallstor für legale Panscher. Sie mischen vorzugsweise künstliche Aromen ins Getränk. Süß muss der Glühwein natürlich auch sein – durch Zucker, Most oder Sirup in rauen Mengen. Der Zuckergehalt ist höher als in Cola. Heiß und viel Zucker garantieren den Brummschädel.  Ein 0,2-Becher, zehn Prozent Alkohol, sorgt für 0,25 Promille.

Der Wein ist sehr billig, der Gewinn wird deshalb nur noch von Popcorn im Kino übertroffen. Ein Liter kostet im Einkauf von großen Mengen 1,30 bis 1,35 Euro, maximal 1,70 Euro. Der Normalpreis für einen 0,2-Liter-Becher auf dem Markt liegt bei 2,50 Uhr. Auf diese höchstprozentige Umsatzrendite schauen selbst Drogenhändler neidisch.

Der Präsident des Deutschen Schaustellerbundes, Ritter, empfiehlt übrigens, der „Verballermannisierung der Weihnachtsmärkte“ entgegen zu wirken und nur „20 Prozent Buden mit Verzehr- und Trinkmöglichkeiten“ zuzulassen. Das muss man zumindest in Leer falsch verstanden haben. Darauf einen Glühwein.

 

Der Beitrag wurde am Samstag, den 29. Dezember 2018 um 15:05 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Buntes Leben, Wirtschaft abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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