Archive for Januar, 2019

Sündenböcke

Sonntag, Januar 27th, 2019

Die Sündenböcke waren schnell gefunden – die Wirtschaftsförderer in Kreis- und Stadtverwaltungen. Sie hätten die digitale Zukunft verschlafen, dem digitalen Wandel tatenlos zugesehen und keine innovativen Unternehmen nach Ostfriesland gelockt. So  klangen die Vorwürfe auf einer Regionalkonferenz in Emden, die sich mit den Folgen des Umbruchs von Verbrennungs- auf Elektro-Motoren im dortigen VW-Werk beschäftigte.

An die Spitze der Kritiker schwang sich ausgerechnet die Lobby-Gruppierung Automotive Nordwest. IHK-Präsident Dr. Bernhard Brons stimmte zu. Zu Recht? Nein, jedenfalls nicht pauschal. Hier bestätigt sich lediglich, dass drei Finger auf einen selbst zeigen, wenn man mit einem auf eine andere Person zielt.

Die meisten Konferenzbesucher kamen aus der Wirtschaft. Sie zählen zu den Leuten, die in der Regel sagen: Wirtschaft passiert in der Wirtschaft – und der Staat soll sich möglichst heraushalten. Deshalb ist es billig, beim digitalen Wandel die Verantwortung auf die Wirtschaftsförderer abzuwälzen.

Sicher, das Management des digitalen Wandels in Ministerien und anderen Behörden ist kein Ruhmesblatt. Vor nicht allzu langer Zeit sprach Kanzlerin Merkel noch vom Internet als Neuland – während US-Unternehmen zu den teuersten der Welt wuchsen. Ihre Namen: Alphabet (Google, YouTube, Android, Chrome, Gmail), Facebook mit Instagram, WhatsApp und Oculus, ferner Microsoft mit Windows, Office, Xbox, schließlich Apple mit iPhone, der Versandriese Amazon mit dem eigenem Streamingdienst Prime Video,  die Online-Auktionsfirma Ebay, der Filmanbieter Netflix oder das bekannte Twitter. Ganz zu schweigen vom chinesischen Internet-Giganten Alibaba.

Fast jeder deutsche Haushalt nutzt Dienste dieser ausländischen Firmen.  Deshalb passt es ins Bild, als jüngst Bildungs- und Forschungsministerin Karliczek sich mit der Aussage blamierte, nicht jede Milchkanne brauche einen digitalen Zugang. Aber die Politik spiegelt auch hier nur die  Gesellschaft wider.

Viele deutsche Firmen haben immer noch nicht den Schuss gehört. Das Handwerk hat im Augenblick so viel zu tun, dass kaum ein Meister sich intensiv mit der Digitalisierung beschäftigt. 3-D-Druck ist den meisten immer noch ein Fremdwort, während Chinesen mit dieser Technik längst Häuser bauen. 60 bis 70 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen haben laut Umfrage keine digitale Strategie.

Es fehlt an „Digitalen Köpfen“, und so erklärt es sich, dass mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen den Mangel an qualifizierten digitalkundigen Mitarbeitern als Problem  nennen. Qualifiziert sein heißt mehr, als die Homepage oder den Mail-Account zu verwalten. Es heißt, digital zu denken.

Große Firmen sind ein paar Schritte weiter, sie bilden auch digital aus und weiter. Eine Alternative dazu hat der Mittelstand nicht. Wenn er nicht lernt, wie man im und mit dem Internet Geld verdient, frisst ihn der Markt.

Nehmen wir den Handel. Er lamentiert über die Online-Konkurrenz und ruft nach mehr verkaufsoffenen Sonntagen – statt sich systematisch mit E-Business auseinanderzusetzen und alle (!) Mitarbeiter zu schulen. Spezialisten einzustellen klappt selten, weil es nur wenige gibt, die außerdem teuer sind. Weiterbildung gilt als Schlüssel für einen erfolgreichen digitalen Wandel. Sündenböcke braucht keiner.

Glanz und Elend

Samstag, Januar 19th, 2019

Innerhalb von sechs Jahren die vierte Pleite – für die ehrwürdige Werft Nordseewerke in Emden könnte endgültig die letzte Stunde schlagen. Ein Fünkchen Optimismus lässt sich nur noch aus einer Volksweisheit schlagen: Totgesagte leben länger.

Dabei keimte im vorigen Herbst nach der dritten Pleite wieder Hoffnung. Die norwegische Fosen Yards, eine renommierte Werft, übernahm die Mehrheit der Gesellschaftsanteile. Sie versteht etwas vom klassischen Geschäft der Nordseewerke – dem Schiff- und Stahlbau. Auf ihrer Homepage sagt sie, dass sie auf das Können der Emder in diesen beiden Bereichen setzt.

Doch es ist Wortgeklingel. Als Mehrheitsgesellschafter müssten die Norweger den strategischen Kurs der Firma abstecken. Das gelingt ihnen nicht. Sie kommen mit ihren Mitgesellschaftern, der Deutsche Industrieanlagen GmbH aus Essen und dem Geschäftsmann Patrick Hennings-Huep aus Hamburg,  nicht auf einen Nenner. Die Essener sind unterwegs im Anlagengeschäft und im Maschinenbau, der Hamburger im Beteiligungsgeschäft.  Huep  fiel bisher lediglich dadurch auf, dass er die Zukunft rosig malt.

Im Gegensatz zu den schönen Worten tendiert das Geschäftsgebaren der Fosen Nordseewerke GmbH, wie sie jetzt heißt, gegen Null. Die 85 Mitarbeiter haben bisher nicht einmal ihren Lohn für Dezember erhalten. Jetzt ruht die Arbeit, der Geschäftsführer der Werft hat Insolvenz wegen Zahlungsunfähigkeit beim Amtsgericht Aurich angemeldet. Jetzt übernimmt ein Insolvenzverwalter das alleinige Kommando.

Dann zeigt sich auch schnell die Ohnmacht der Landespolitik in solchen Fällen. Wirtschaftsminister Bernd Althusmann, CDU, ist zwar „auch heute noch überzeugt“ von Zukunftsperspektiven in Emden. Aber er kann nur an die Gesellschafter appellieren, bei Investoren klingeln, vielleicht eine Bürgschaft oder einen Kredit zusagen. Druckmittel hat er nicht in der Hand. Meistens läuft es auf eine so genannte Transfergesellschaft hinaus, in der Mitarbeiter sich fortbilden für spätere Aufgaben.

Es wäre das Aus der Nordseewerke. Ein heftiger Schlag für die Mitarbeiter. Und ein Grund zur Wehmut, denn die Nordseewerke sind ein wichtiger Teil ostfriesischer Industriegeschichte. 1903 gegründet, erlebte die Werft mehrere Höhen und Tiefen. In einem Geschichtsbuch über Emden heißt es, dass sie das „Barometer für das Arbeits- und Wirtschaftsleben“ war. Und: „Es schwankte oft und stark.“

Ihre Besitzer wechselten, zwei Weltkriege zwangen sie in die Knie, nationale und internationale Politik und Wirtschaftskonjunktur hievten sie in große Höhen und drückten sie in tiefe Täler, in den 50er und 60er Jahren lag die Belegschaftszahl über 5.000, in den 70ern hingen 25.000 Jobs in Ostfriesland direkt von der Werft ab. Sie ließ viele Handelsschiffe vom Stapel, kompensierte Krisen des Handelssschiffbaus halbwegs mit U-Boot-Bau, versuchte sich vergeblich an einer Meerwasser-Entsalzungsanlage und baute den größten Saugbagger  der Welt. In den letzten Jahren ging die Werft den Bach herunter, ließ 2009 das letzte Schiff vom Stapel. Neue Besitzer versagten.

Ob der Schiffbau in Emden jemals wieder auf die Beine kommt? Noch prägt der 80 Meter hohe Bockkran mit dem markanten Schriftzug Nordseewerke die Silhouette der Stadt. Der Stahlriese könnte bald als Schrott bei Evert Heeren landen.

Mobil ist Trumpf

Montag, Januar 14th, 2019

VW krempelt sein Werk in Emden total um. Statt „Passats“ mit Diesel- und Benzinmotoren  rollen dort in wenigen Jahren Elektro-Autos vom Band. Der Umbruch kommt plötzlich, jedenfalls schneller als ursprünglich erwartet und geplant. Der Grund: Der VW-Passat findet nicht mehr genügend Käufer.

500 Leiharbeiter, die bis vor einigen Monaten noch auf einen festen Job hoffen konnten, stehen deshalb seit Anfang des Jahres ohne Arbeitsvertrag da oder ihr Vertrag läuft bald aus. Das heißt: 100 von ihnen arbeiten bereits seit dem 2. Januar im VW-Werk Baunatal bei Kassel, unbefristet.

Eine ähnliche Aussicht bietet der Konzern auch den übrigen 400; er stellt Arbeitsplätze bei Porsche in Stuttgart in Aussicht – versüßt mit einem Zuschuss von 20.000 Euro, den auch VW-Werker erhalten, wenn sie selbst kündigen.

Der Sportwagenbauer Porsche, ein Tochterunternehmen von VW, sucht händeringend Mitarbeiter. In Baden-Württemberg ist der Arbeitsmarkt wie leergefegt. Deshalb wirbt Porsche in Emden. 140 Leute machten sich jüngst auf den Weg in den Süden, um sich den Betrieb anzuschauen, sogar VW-Personalvorstand Kilian quetschte sich in einen der Busse.  Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück hatte zuvor in Emden versucht, der Belegschaft den Wechsel schmackhaft zu machen.  

Bei VW geht man davon aus, dass knapp die Hälfte der 500 Leiharbeiter die Angebote in anderen Werken des Konzerns annimmt. Einige haben sich bereits selbst um Arbeit in der Heimat gekümmert, im Gespräch ist außerdem eine Vermittlung zu Airbus nach Bremen.

Der Emder VW-Personalchef Klaus Fröhling sagt mit Blick auf die 500 Leiharbeiter: „Im Grunde muss niemand arbeitslos werden.“ Das stimmt rechnerisch, ist natürlich leichter gesagt als getan. Die wenigsten leben allein, sondern haben Partnerin oder Partner, die hier Jobs haben und sich neue in der Ferne suchen müssten, was allerdings in Stuttgart nicht allzu schwer fallen dürfte. Oder Kinder sprechen gegen einen Umzug, der auch durch das gerade gebaute neue Häuschen oder die frisch erworbene Eigentumswohnung nicht leichter fällt.

Grundvoraussetzung ist eine Mobilität im Kopf. Ostfriesen wird nachgesagt, dass sie stark an der Heimat hängen. Das stimmt oft. Aber das hindert sie schon seit ewigen Zeiten nicht daran, mobil zu sein, wenn sie hier keine oder keine passende Arbeit finden. Viele sind sogar ausgewandert, viele an Rhein und Ruhr gezogen oder wie zuletzt vor einigen Jahrzehnten nach Süddeutschland.

Nord-Süd ist keine Einbahnstraße mehr wie früher. Heute locken ostfriesische Firmen Fachkräfte von weit her an Ems und Nordsee. Vor allem aus dem Ruhrgebiet, das nach dem Ende des Kohleabbaus die Kurve zu neuen Strukturen noch nicht ganz gekriegt hat.

Die 500 Leiharbeiter in Emden können, bei allem Verdruss, von Glück sagen, dass ihnen VW  zwar die Arbeitsstelle streicht, aber sie trotzdem nicht im Stich lässt. Mitarbeiter der benachbarten Nordseewerke dürften neidisch über den Zaun schauen. Sie warten – Stand 14. Januar – auf ihren Lohn vom Dezember. Die feinen Eigentümer – die norwegische Werft Fosen Yards, die Deutsche Industrieanlagen GmbH und der Unternehmer Patrick Hennings-Huep – sind sich über die strategische Ausrichtung der Werft nicht einig. Sie wissen also nicht, was sie wollen. Dafür lassen sie die 85 Mitarbeiter bluten.    

Jenseits von Maß und Mitte

Montag, Januar 7th, 2019

Wie geht man mit politischen Reizfiguren um? Mit Politikern, die Tabus brechen, sich gern  am Rande oder gar jenseits der Legalität bewegen? Darauf wissen CDU, SPD, FDP oder Grüne bislang keine Antwort, wie ihr Verhalten zur AfD zeigt. Patentrezepte gibt es nicht.

In der Kommunalpolitik in Leer kennt man dieses Phänomen schon seit 1991, als der Rechtsanwalt Gerd Koch seine Allgemeine Wähler-Gemeinschaft (AWG) gründete und die Leeraner Politik in Unruhe, zeitweise in Aufruhr versetzte.

Kochs politische Ursprünge liegen in der CDU-Jugendorganisation Junge Union. Aus dieser Zeit stammt auch die abgrundtiefe Abneigung zwischen ihm und dem heutigen CDU-Kreistags-Chef Dieter Baumann. Zu seinen ersten Mitstreitern in der AWG gehörte  der langjährige Kinderschutzbund-Vorsitzende Klaus Hinzpeter, der sich später von ihm abwendete. 2006 spaltete sich die CDU-Ratsfraktion wegen der Haltung zu Koch und Kellner, dem damaligen parteilosen Bürgermeister; vier  Mitglieder, darunter die heutige Bürgermeisterin Beatrix Kuhl, sonderten sich mit der „Fraktion  für Leer“ ab.

Zweifellos hat Koch die Stadt politisch gespalten, das Verhalten zu ihm umfasst alle Schattierungen zwischen Verehrung und Hass. Seine Anhänger wählen ihn mit starkem Stimmenanteil beständig in den Rat. Zurzeit zählt die AWG vier Ratsmitglieder. Spektakulär die Bürgermeister-Stichwahl 2006, als fast jeder dritte Wähler sein Kreuz hinter Koch setzte. Seine Stärke spiegelt die Schwäche der anderen.

Koch, ein umgänglicher Typ, in Stadt und Landkreis gut verdrahtet, hat die AWG zu einem Einflussfaktor in Leer gemacht. Seine Fans schätzen an ihm, dass er mit Gegnern aus Politik und Wirtschaft nicht zimperlich umgeht. Sie sehen ihm nach, dass er immer mal wieder das Maß verliert, was jedoch selten mit Rathauspolitik zu tun hat. Er schmäht Türken, Flüchtlinge, Schwarze, Sinti (die er Zigeuner nennt) oder Schwule. Mehrfach steht er  vor Gericht, wird verurteilt wegen Volksverhetzung und Beleidigung.

Demnächst ist es wieder soweit. Das Amtsgericht Leer verhandelt gegen ihn wegen Volksverhetzung und Beleidigung. Engeline Kramer, ehemalige Ausländerbeauftragte des Landkreises, hat den Prozess angestrengt, der Staatsanwalt meint, Koch habe Flüchtlingen pauschal die Menschenwürde aberkannt. Hinzu kommt eine persönliche Beleidigung gegen Frau Kramer. Koch Äußerungen in diesem Fall klingen krass, so dass er schlechte Karten beim Richter haben dürfte.  Das könnte ein Grund für seinen Rückzug aus dem Stadtrat sein, den er am Neujahrstag überraschend angekündigt hat.

Politisch hat Koch Erfolg. Aber vor Gericht kommt seine dunkle Seite zur Sprache. Damit hat sich auch die langjährige Grünen-Kommunalpolitikerin Mechthild Tammena, Leiterin der Grundschule Möhlenwarf, in einem Leserbrief auseinandergesetzt – und darin einen herben Vorwurf fixiert: „Genauso schlimm wie das Agieren von Koch sind seine ihm zuarbeitenden Denunzianten in Justiz, Polizei, Politik und Verwaltung.“ 

Beleidigungstatbestände sind strafrechtlich schwer zu fassen. Aber wenn diese nicht belegte pauschale Behauptung unwidersprochen bleibt, kann jeder öffentlich sagen: Richter, Staatsanwälte, Verwaltungsbeamte und Politiker unterstützen aktiv die Politik von Koch. Nichts anderes erzählt Frau Tammena. So oder so: Ein Skandal.