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Mobil ist Trumpf

VW krempelt sein Werk in Emden total um. Statt „Passats“ mit Diesel- und Benzinmotoren  rollen dort in wenigen Jahren Elektro-Autos vom Band. Der Umbruch kommt plötzlich, jedenfalls schneller als ursprünglich erwartet und geplant. Der Grund: Der VW-Passat findet nicht mehr genügend Käufer.

500 Leiharbeiter, die bis vor einigen Monaten noch auf einen festen Job hoffen konnten, stehen deshalb seit Anfang des Jahres ohne Arbeitsvertrag da oder ihr Vertrag läuft bald aus. Das heißt: 100 von ihnen arbeiten bereits seit dem 2. Januar im VW-Werk Baunatal bei Kassel, unbefristet.

Eine ähnliche Aussicht bietet der Konzern auch den übrigen 400; er stellt Arbeitsplätze bei Porsche in Stuttgart in Aussicht – versüßt mit einem Zuschuss von 20.000 Euro, den auch VW-Werker erhalten, wenn sie selbst kündigen.

Der Sportwagenbauer Porsche, ein Tochterunternehmen von VW, sucht händeringend Mitarbeiter. In Baden-Württemberg ist der Arbeitsmarkt wie leergefegt. Deshalb wirbt Porsche in Emden. 140 Leute machten sich jüngst auf den Weg in den Süden, um sich den Betrieb anzuschauen, sogar VW-Personalvorstand Kilian quetschte sich in einen der Busse.  Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück hatte zuvor in Emden versucht, der Belegschaft den Wechsel schmackhaft zu machen.  

Bei VW geht man davon aus, dass knapp die Hälfte der 500 Leiharbeiter die Angebote in anderen Werken des Konzerns annimmt. Einige haben sich bereits selbst um Arbeit in der Heimat gekümmert, im Gespräch ist außerdem eine Vermittlung zu Airbus nach Bremen.

Der Emder VW-Personalchef Klaus Fröhling sagt mit Blick auf die 500 Leiharbeiter: „Im Grunde muss niemand arbeitslos werden.“ Das stimmt rechnerisch, ist natürlich leichter gesagt als getan. Die wenigsten leben allein, sondern haben Partnerin oder Partner, die hier Jobs haben und sich neue in der Ferne suchen müssten, was allerdings in Stuttgart nicht allzu schwer fallen dürfte. Oder Kinder sprechen gegen einen Umzug, der auch durch das gerade gebaute neue Häuschen oder die frisch erworbene Eigentumswohnung nicht leichter fällt.

Grundvoraussetzung ist eine Mobilität im Kopf. Ostfriesen wird nachgesagt, dass sie stark an der Heimat hängen. Das stimmt oft. Aber das hindert sie schon seit ewigen Zeiten nicht daran, mobil zu sein, wenn sie hier keine oder keine passende Arbeit finden. Viele sind sogar ausgewandert, viele an Rhein und Ruhr gezogen oder wie zuletzt vor einigen Jahrzehnten nach Süddeutschland.

Nord-Süd ist keine Einbahnstraße mehr wie früher. Heute locken ostfriesische Firmen Fachkräfte von weit her an Ems und Nordsee. Vor allem aus dem Ruhrgebiet, das nach dem Ende des Kohleabbaus die Kurve zu neuen Strukturen noch nicht ganz gekriegt hat.

Die 500 Leiharbeiter in Emden können, bei allem Verdruss, von Glück sagen, dass ihnen VW  zwar die Arbeitsstelle streicht, aber sie trotzdem nicht im Stich lässt. Mitarbeiter der benachbarten Nordseewerke dürften neidisch über den Zaun schauen. Sie warten – Stand 14. Januar – auf ihren Lohn vom Dezember. Die feinen Eigentümer – die norwegische Werft Fosen Yards, die Deutsche Industrieanlagen GmbH und der Unternehmer Patrick Hennings-Huep – sind sich über die strategische Ausrichtung der Werft nicht einig. Sie wissen also nicht, was sie wollen. Dafür lassen sie die 85 Mitarbeiter bluten.    

 

Der Beitrag wurde am Montag, den 14. Januar 2019 um 12:53 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Politik, Wirtschaft abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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