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Glanz und Elend

Innerhalb von sechs Jahren die vierte Pleite – für die ehrwürdige Werft Nordseewerke in Emden könnte endgültig die letzte Stunde schlagen. Ein Fünkchen Optimismus lässt sich nur noch aus einer Volksweisheit schlagen: Totgesagte leben länger.

Dabei keimte im vorigen Herbst nach der dritten Pleite wieder Hoffnung. Die norwegische Fosen Yards, eine renommierte Werft, übernahm die Mehrheit der Gesellschaftsanteile. Sie versteht etwas vom klassischen Geschäft der Nordseewerke – dem Schiff- und Stahlbau. Auf ihrer Homepage sagt sie, dass sie auf das Können der Emder in diesen beiden Bereichen setzt.

Doch es ist Wortgeklingel. Als Mehrheitsgesellschafter müssten die Norweger den strategischen Kurs der Firma abstecken. Das gelingt ihnen nicht. Sie kommen mit ihren Mitgesellschaftern, der Deutsche Industrieanlagen GmbH aus Essen und dem Geschäftsmann Patrick Hennings-Huep aus Hamburg,  nicht auf einen Nenner. Die Essener sind unterwegs im Anlagengeschäft und im Maschinenbau, der Hamburger im Beteiligungsgeschäft.  Huep  fiel bisher lediglich dadurch auf, dass er die Zukunft rosig malt.

Im Gegensatz zu den schönen Worten tendiert das Geschäftsgebaren der Fosen Nordseewerke GmbH, wie sie jetzt heißt, gegen Null. Die 85 Mitarbeiter haben bisher nicht einmal ihren Lohn für Dezember erhalten. Jetzt ruht die Arbeit, der Geschäftsführer der Werft hat Insolvenz wegen Zahlungsunfähigkeit beim Amtsgericht Aurich angemeldet. Jetzt übernimmt ein Insolvenzverwalter das alleinige Kommando.

Dann zeigt sich auch schnell die Ohnmacht der Landespolitik in solchen Fällen. Wirtschaftsminister Bernd Althusmann, CDU, ist zwar „auch heute noch überzeugt“ von Zukunftsperspektiven in Emden. Aber er kann nur an die Gesellschafter appellieren, bei Investoren klingeln, vielleicht eine Bürgschaft oder einen Kredit zusagen. Druckmittel hat er nicht in der Hand. Meistens läuft es auf eine so genannte Transfergesellschaft hinaus, in der Mitarbeiter sich fortbilden für spätere Aufgaben.

Es wäre das Aus der Nordseewerke. Ein heftiger Schlag für die Mitarbeiter. Und ein Grund zur Wehmut, denn die Nordseewerke sind ein wichtiger Teil ostfriesischer Industriegeschichte. 1903 gegründet, erlebte die Werft mehrere Höhen und Tiefen. In einem Geschichtsbuch über Emden heißt es, dass sie das „Barometer für das Arbeits- und Wirtschaftsleben“ war. Und: „Es schwankte oft und stark.“

Ihre Besitzer wechselten, zwei Weltkriege zwangen sie in die Knie, nationale und internationale Politik und Wirtschaftskonjunktur hievten sie in große Höhen und drückten sie in tiefe Täler, in den 50er und 60er Jahren lag die Belegschaftszahl über 5.000, in den 70ern hingen 25.000 Jobs in Ostfriesland direkt von der Werft ab. Sie ließ viele Handelsschiffe vom Stapel, kompensierte Krisen des Handelssschiffbaus halbwegs mit U-Boot-Bau, versuchte sich vergeblich an einer Meerwasser-Entsalzungsanlage und baute den größten Saugbagger  der Welt. In den letzten Jahren ging die Werft den Bach herunter, ließ 2009 das letzte Schiff vom Stapel. Neue Besitzer versagten.

Ob der Schiffbau in Emden jemals wieder auf die Beine kommt? Noch prägt der 80 Meter hohe Bockkran mit dem markanten Schriftzug Nordseewerke die Silhouette der Stadt. Der Stahlriese könnte bald als Schrott bei Evert Heeren landen.

 

Der Beitrag wurde am Samstag, den 19. Januar 2019 um 14:33 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Politik, Wirtschaft abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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