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Sündenböcke

Die Sündenböcke waren schnell gefunden – die Wirtschaftsförderer in Kreis- und Stadtverwaltungen. Sie hätten die digitale Zukunft verschlafen, dem digitalen Wandel tatenlos zugesehen und keine innovativen Unternehmen nach Ostfriesland gelockt. So  klangen die Vorwürfe auf einer Regionalkonferenz in Emden, die sich mit den Folgen des Umbruchs von Verbrennungs- auf Elektro-Motoren im dortigen VW-Werk beschäftigte.

An die Spitze der Kritiker schwang sich ausgerechnet die Lobby-Gruppierung Automotive Nordwest. IHK-Präsident Dr. Bernhard Brons stimmte zu. Zu Recht? Nein, jedenfalls nicht pauschal. Hier bestätigt sich lediglich, dass drei Finger auf einen selbst zeigen, wenn man mit einem auf eine andere Person zielt.

Die meisten Konferenzbesucher kamen aus der Wirtschaft. Sie zählen zu den Leuten, die in der Regel sagen: Wirtschaft passiert in der Wirtschaft – und der Staat soll sich möglichst heraushalten. Deshalb ist es billig, beim digitalen Wandel die Verantwortung auf die Wirtschaftsförderer abzuwälzen.

Sicher, das Management des digitalen Wandels in Ministerien und anderen Behörden ist kein Ruhmesblatt. Vor nicht allzu langer Zeit sprach Kanzlerin Merkel noch vom Internet als Neuland – während US-Unternehmen zu den teuersten der Welt wuchsen. Ihre Namen: Alphabet (Google, YouTube, Android, Chrome, Gmail), Facebook mit Instagram, WhatsApp und Oculus, ferner Microsoft mit Windows, Office, Xbox, schließlich Apple mit iPhone, der Versandriese Amazon mit dem eigenem Streamingdienst Prime Video,  die Online-Auktionsfirma Ebay, der Filmanbieter Netflix oder das bekannte Twitter. Ganz zu schweigen vom chinesischen Internet-Giganten Alibaba.

Fast jeder deutsche Haushalt nutzt Dienste dieser ausländischen Firmen.  Deshalb passt es ins Bild, als jüngst Bildungs- und Forschungsministerin Karliczek sich mit der Aussage blamierte, nicht jede Milchkanne brauche einen digitalen Zugang. Aber die Politik spiegelt auch hier nur die  Gesellschaft wider.

Viele deutsche Firmen haben immer noch nicht den Schuss gehört. Das Handwerk hat im Augenblick so viel zu tun, dass kaum ein Meister sich intensiv mit der Digitalisierung beschäftigt. 3-D-Druck ist den meisten immer noch ein Fremdwort, während Chinesen mit dieser Technik längst Häuser bauen. 60 bis 70 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen haben laut Umfrage keine digitale Strategie.

Es fehlt an „Digitalen Köpfen“, und so erklärt es sich, dass mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen den Mangel an qualifizierten digitalkundigen Mitarbeitern als Problem  nennen. Qualifiziert sein heißt mehr, als die Homepage oder den Mail-Account zu verwalten. Es heißt, digital zu denken.

Große Firmen sind ein paar Schritte weiter, sie bilden auch digital aus und weiter. Eine Alternative dazu hat der Mittelstand nicht. Wenn er nicht lernt, wie man im und mit dem Internet Geld verdient, frisst ihn der Markt.

Nehmen wir den Handel. Er lamentiert über die Online-Konkurrenz und ruft nach mehr verkaufsoffenen Sonntagen – statt sich systematisch mit E-Business auseinanderzusetzen und alle (!) Mitarbeiter zu schulen. Spezialisten einzustellen klappt selten, weil es nur wenige gibt, die außerdem teuer sind. Weiterbildung gilt als Schlüssel für einen erfolgreichen digitalen Wandel. Sündenböcke braucht keiner.

 

Der Beitrag wurde am Sonntag, den 27. Januar 2019 um 13:10 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Politik, Wirtschaft abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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