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Jugend ist wieder da

Ein paar Wochen hat`s gedauert, aber gestern war es soweit: Auch in Ostfriesland gingen Schüler für den Klimaschutz auf die Straße. „Fridays for future“, „Freitags für die Zukunft“, schwappt wie eine Welle von Schweden aus um die Welt. Sorge ums Klima treibt junge Menschen auf die Straße. In Leer waren es um 1.000 Mädchen und Jungen.  

Sie widerlegen die gängige Meinung, dass die Jugend sich nur noch um sich selbst dreht, nur Spaß und persönlichen Erfolg im Kopf hat – und sich keinen Deut um gesellschaftliche Themen oder gar um  Politik schert.  

Ein Hauch dieser neuen Jugendbewegung frischte am vorigen Sonntag auch einen europapolitischen Frühschoppen der SPD im Kulturspeicher in Leer auf. Den Sozialdemokraten ging das Herz auf über so viel Jugend. Der Saal war  plötzlich zu klein. Dutzende Schüler hörten dem Europaabgeordneten Tiemo Wölken zu und diskutierten mit ihm über die Reform des EU-Urheberrechts und dessen Paragrafen 13.

Dieser Paragraf ist für die meisten Menschen ein böhmisches Dorf, aber Jugendliche treibt er an einem Sonntagvormittag in eine politische Versammlung. Kurz: Upload-Filter sind eine automatisierte Technik im Internet. Sie soll Schriftsteller, Journalisten und Verlage vor Urheberrechtsverletzungen schützen. Dagegen wendet sich keiner, aber Upload-Filter machen technisch eine Zensur möglich.

Außerdem: Plattformanbieter wie Facebook müssen dafür sorgen, dass nur gesetzeskonforme Beiträge zu sehen sind. Das soll ein Filter erledigen. Aber selbst Super-Algorithmen können kaum Gut und Böse unterscheiden. Facebook & Co. werden deshalb im Zweifel für die Inhaber von Urheberrechten und gegen Nutzer entscheiden. Die Meinungsfreiheit erlitte Schiffbruch. Das EU-Parlament entscheidet Ende März.

Zurück zum Schülerstreik: Vielen Menschen geht es gegen den Strich, dass Schüler den Unterricht schwänzen. Sie haben schließlich eine Schulpflicht. Deshalb eiern einige Politiker herum – sie loben Schüler, die sich für Klimaschutz engagieren, und tadeln sie, weil sie schwänzen. Doch die Schüler wissen den Bundespräsidenten und die Kanzlerin hinter sich. Viele Erwachsene hätten noch nicht gemerkt, „dass es fünf vor zwölf ist“, sagt Steinmeier.

Es ist lange her, dass in Leer junge Leute aus politischen Gründen auf die Straße gingen. 1968 protestierten Hunderte gegen Ostblock-Armeen, als diese den „Prager Frühling“ mit Panzern niederwalzten. Viele Jugendliche waren damals leicht rebellisch. Sie konfrontierten Ältere mit der Nazizeit, hörten Beatles und Rolling Stones, die Pille revolutionierte ihr Paarungsverhalten. Willy Brandt rief auf zu mehr Demokratie und der Vietnam-Krieg erregte die Gemüter.

Die letzte politische Jugenddemo in Leer fand 1970 stand – gegen Busfahrpreiserhöhungen. Rund  1000 Jugendliche setzten sich auf die Kreuzung Mühlen-/Friesenstraße. 300 von ihnen zogen  weiter zum nahen Gebäude der Busfirma „Auto-Fischer“. Der Staatsschutz der Polizei zog drei Personen aus der Menge, angeblich die Rädelsführer, hielt sie sechs Stunden im Keller von Fischer fest. Einer von ihnen bekam Jahre später Probleme mit der Schulbehörde beim Start in den Schuldienst. Ein anderer der in Gewahrsam Genommenen war damals 16. Er wurde Polizist.

Die Zeiten haben sich geändert. Gestern sicherte die Polizei wohlwollend die Demo.

 

Der Beitrag wurde am Samstag, den 16. März 2019 um 12:43 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Buntes Leben, Politik abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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