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Hotel statt Handel

Mit einer Innenstadt ist es wie mit einem Haus. Man muss immer Hand daran halten, sonst verfällt es schleichend. Und jede Generation muss gründlich renovieren. An diesem Punkt steht die Stadt Leer mit ihrer Fußgängerzone.

Das Gute: Leer ist attraktiv – für die Einwohner, die Umgebung und immer mehr für Touristen. Die Mischung in der Innenstadt stimmt. Handel, Gastronomie, Kultur und Dienstleistung ergänzen sich. Die Fußgängerzone ist das ganze Jahr über belebt, mehr als in anderen Städten – trotz einiger Schwächen wie Leerstände, zu viele Billigfrisöre und Nagelstudios. Beliebte Ziele sind die Hafenpromenade und etwas außerhalb die Evenburg mit ihrem Park. Touristen begeistern sich auch für die Altstadt und – von manchen Einheimischen unbemerkt – für das Leeraner Miniaturland.  

Doch die Fußgängerzone kommt in die Jahre. Verschleiß ist sichtbar. Kein Wunder, denn sie feierte den 40. Geburtstag. Ältere erinnern sich noch an die Geburtswehen. Geschäftsleute fürchteten den Tod ihrer Läden, weil Autos aus der Mühlenstraße verbannt wurden.

Diese Vorgeschichte spielt sich ähnlich beim nächsten Sprung in die Zukunft ab. Die Stadtverwaltung hat ein so genanntes Radfahrkonzept ausarbeiten lassen. Der Name deutet darauf hin, dass Radfahrer in der Innenstadt gefahrloser unterwegs sein können und im Zweifel die Vorfahrt vor Autos genießen. Nichts Genaues weiß man, nur wenige kennen Einzelheiten. An die Öffentlichkeit traut sich die Verwaltung noch nicht. Erst einmal will sie jetzt mit der Werbegemeinschaft vertraulich reden, die beim Wort Radfahrerkonzept ihre Felle davonschwimmen sieht. Erfahrungsgemäß ist Vertraulichkeit eine Garantie dafür, bald mehr zu erfahren. Also kann demnächst die öffentliche Diskussion über das Projekt starten.

Unabhängig davon beginnt die Stadt damit, die Fußgängerzone zwischen Wörde und Ledastraße aufzumöbeln. Im Jahr darauf soll es zwischen Ledastraße und Denkmalplatz weitergehen. Doch das dürfte sich verzögern, denn der Umbau des dort liegenden früheren Gröttrup-Mitte-Komplexes könnte auf sich warten lassen. Eigentlich wollte der Investor aus Duisburg schon bei der Arbeit sein, aber jetzt kam er mit einem neuen Plan um die Ecke.  

Vorgesehen hatte er, für 25 Millionen Euro auf 8.000 Quadratmeter ein Geschäftshaus zu bauen. Die Hälfte wollte er auf zwei Etagen dem Einzelhandel einräumen, auf der übrigen Fläche vornehmlich Büros ansiedeln, so für die dort bereits ansässige OLB. Doch jetzt will er die Einzelhandelsfläche stark verkleinern und dafür ein 100-Zimmer-Hotel einrichten. Die Investitionssumme erhöht sich damit auf 32 Millionen Euro.

Bürgermeisterin und Ratsfraktionen äußern sich überrascht. Sie bedauern den teilweisen Rückzug aus dem Einzelhandel. Wenn schon kein Handel, dann doch wenigstens Wohnungen, sagen sie. Und ihre heilige Kuh, ein Lebensmittelladen, dürfe auch nicht geschlachtet werden.  

Der Investor zieht jedoch ein Hotel vor – weil Leer touristisch brummt. Doch Skeptiker fragen, ob Leer ein weiteres Hotel braucht. Ein Blick auf die Preislisten zeigt allerdings, dass Betten eher knapp sind: Die Preise liegen vergleichsweise hoch. Kuno Fischer, Betreiber von zwei Hotels und Planer eines dritten, sieht die Sache deshalb auch gelassen: „Wir ziehen unser Ding weiter durch.“ 

 

Der Beitrag wurde am Montag, den 1. April 2019 um 15:25 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Politik, Wirtschaft abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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