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Landflucht stoppen

Dörfer bluten aus, große Städte platzen aus den Nähten. Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle gibt das platte Land verloren und rät, nur noch Städte zu fördern. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin hingegen stimmt nicht ein  in diese Untergangs-Rufe. Sein Rezept: Der Staat muss ländliche Gebiete endlich stärker fördern.

Die Große Koalition in Berlin will nach diesem Rezept kochen und die Provinz damit aufpäppeln. Dafür legte sie jetzt einen Gesetzentwurf vor mit dem schönen Namen „Gutes Leben und Arbeiten auf dem Land“ – vor Augen das Grundgesetz, das  „gleichwertige Lebensverhältnisse“ verlangt.   

Stadt und Land unterscheiden sich schon immer. Aber die Lücke wächst. Hochschulen in ländlichen Gebieten wie Ostfriesland zu gründen, empfehlen die Wissenschaftler. Sie liegen traditionell in den größeren Städten. Zu ihnen gesellen sich automatisch Forschungs- und Entwicklung-Institute und moderne Betriebe. Viel mehr junge Leute als früher studieren, ziehen zwangsläufig in die großen Städte. Dabei entsteht ein „Klebeeffekt“ – sie bleiben, weil sie bessere Jobchancen und Kulturangebote haben und Partnerin oder Partner kennenlernen.

Gleichzeitig spielt die Landwirtschaft auf dem Arbeitsmarkt nur noch eine Nebenrolle. Kleine Bauernhöfe schließen, große kommen mit wenigen Leuten aus. Generell dreht sich eine  Abwärtsspirale. Junge Leute wandern ab: Keine Jobs, zu wenig Landärzte, kaum noch Läden, weniger Kitas, schlechte Busverbindungen und so fort.

Der Landkreis Leer hat diese Gefahren, die der demografische Wandel noch verschärft, früh erkannt. Aber Kommunen allein können sie nicht bannen. Deshalb kommt das Gesetz des Bundes gerade recht. Eines der Hebel ist der Ausbau des Breitbandnetzes, den der Landkreis bereits in eigener Initiative vorantreibt. Ohne gutes Breitband geraten Betriebe und Privatpersonen auf dem Land ins Hintertreffen, denn nur mit schnellem Internet können sie die Nachteile der Randlage ausgleichen.

Beispiel Hausarztmangel. Er trifft besonders Dörfer. Dort leben überproportional alte Menschen, die mehr medizinische Versorgung brauchen. Aber sie sind oft nicht mobil, deshalb brauchen sie gute Busverbindungen, was natürlich ebenso für Schüler gilt. Schon sind wir beim öffentlichen Personennahverkehr. Auch Telemedizin könnte helfen, wobei wir wieder beim Breitband anlangen.

Zum Problem Einzelhandel: Ein Supermarkt im Dorf lohnt sich nur noch selten. Es mangelt an Kaufkraft. Als Vorbild dienen können genossenschaftliche oder sogar mobile Supermärkte, die anderswo bereits fahren. Das Fraunhofer-Institut arbeitet an einem Modell für einen mobilen Dorfladen, der mit einer App funktioniert.

Breitband, Bus-System, medizinische Versorgung, Kitas und Schulen – damit kann das flache Land punkten. Dörfer bringen noch den Faktor  „Bezahlbare Wohnungen“ auf die Waage, der schwer wiegt. Ein weiterer Pluspunkt: Der Landkreis stützt das Ehrenamt und damit gleichzeitig das Vereinsleben. Das sieht auch das Gesetz vor, mit dem außerdem Agrarstruktur und Küstenschutz, kleine Unternehmen und kommunale Zusammenarbeit gefördert werden sollen.

Die Mühe lohnt sich, denn immerhin möchten 44 Prozent der Deutschen im Dorf, 39 in der Kleinstadt und nur 16 in der Großstadt leben – wenn die Bedingungen stimmen.    

 

Der Beitrag wurde am Montag, den 8. April 2019 um 09:19 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Politik, Wirtschaft abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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