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Der Nazi und das Schöne

Nolde kam einst nur bis Oldenburg. Erst Henri Nannen holte ihn nach Ostfriesland. Der  Gründer des „stern“ baute in den 1980er Jahren in Emden die Kunsthalle und stiftete ihr seine 650 Bilder-Sammlung, zu der auch ein Dutzend von Noldes Schätzen gehören.

Emil Nolde (1867 – 1956) zählt zu den Großen seiner Kunst. Er malte expressionistisch, was sich durch vereinfachte Formen, starke Pinselstriche und kräftige Farben ausdrückt. Sie sprechen Gefühle an.

Lange war es nur ein Gerücht, jetzt ist es bewiesen: Nolde war Nazi, sogar Parteimitglied, außerdem Antisemit und Rassist. Trotzdem verachteten die Nazis seine Bilder und kennzeichneten sie als „entartete Kunst“, die nirgendwo ausgestellt werden durfte.

Ein bekennender Nazi, der sich sogar bei Hitler und Goebbels einschmeicheln wollte und seinen Kollegen Max Pechstein als Juden denunzierte: Kann ein solcher Typ ein „entarteter Künstler“ gewesen sein? Kann ein Nazi moderne Kunst malen? Muss ein Künstler moralisch sauber sein? Kann man Kunst und Künstler trennen? Schwierige Fragen, auf die seit wenigen Tagen in Berlin die Ausstellung „Emil Nolde – Eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus“ nach Antworten sucht.

Die Sache hat auch eine hochpolitische Seite, denn Kanzlerin Merkel ließ zwei Nolde-Bilder ohne Begründung in ihrem Amtszimmer abhängen und in die Ausstellung bringen – auf Nimmerwiedersehen. Das wirft nebenbei die Frage auf, ob sie richtig handelt oder sich lediglich auf billige Weise einer Diskussion verweigert. Wir sagen: Sie hat richtig gehandelt. Kunst eines Nazis hat im Kanzleramt nichts zu suchen, schließlich kommen dort  auch Staatsgäste zu Besuch. Antisemitismus und Ächtung jeglichen Nazitums jedoch gehören zur Staatsräson, zu den Genen der Bundesrepublik.

Für Museen gilt das nicht. Hier ist Auseinandersetzung mit der Geschichte angesagt. Museen können die Debatten befeuern. Diese Chance nutzen einige. Auch die Emder Kunsthalle denkt nicht im Traum daran, die Noldes im Keller und damit vor der Geschichte zu verstecken.   

Es ist verständlich, wenn Menschen gelegentlich vor den Turbulenzen der Welt fliehen und in Museen das Reine, Wahre und Schöne suchen. Dort finden sie es – möglicherweise auch dann, wenn sie wissen, dass der Künstler nach aktuellen moralischen Maßstäben ein Ekel oder Drecksack war. Verlieren Noldes Gartenbilder ihre Unschuld, wenn im Hinterkopf der Nazi und Judenhasser rumort? Könnte sein, schlimm wäre es nicht.

Das Problem trifft nicht nur die Malerei. Antisemitismus ist ein uraltes Übel. Richard Wagner war davon beseelt. Selbst in Johann Sebastian Bachs großartiger Johannespassion lassen sich im Chor antisemitische Tendenzen erkennen. Oder sollen die protestantischen Kirchen die Luther-Bibeln entsorgen, weil Luther dazu aufgerufen hat, die „Gottesmörder“ zu vernichten?  Auch Fans von Michael Jackson könnte das Gewissen beißen, weil ihr Held kinderschänderisch gehandelt hat.

Sagen wir es so: Kunst stellt sich dem Leben und der Geschichte. Wer über Ostern noch nichts vorhat, könnte sich Bild und Gedanken in der Emder Kunsthalle machen. Und prüfen, ob Goethe Recht hat:  „Man weicht der Welt nicht sicherer aus als durch die Kunst, und man verknüpft sich mit ihr nicht sicherer als durch die Kunst.“   

 

Der Beitrag wurde am Samstag, den 20. April 2019 um 13:48 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Kultur, Politik abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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