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Die Würde des Dorfes

Dörfer geraten ins Hintertreffen. Während die Politik sie seit Jahrzehnten unter einem Arm  verhungern lässt, wachsen die großen Städte – bis zum Kollaps. Zwar unterscheiden sich  Stadt und Land schon immer. Das liegt in der Natur der Sache. Städte sind nun mal dynamischer. Salopp gesagt: Dort ist einfach mehr los. Das wird und muss sich auch nicht ändern.

Doch zwischen Stadt und Land klafft eine zu große Lücke. Da läuft etwas schief. In einem  kommunalen Fach-Newsletter heißt es sogar, das Dorf brauche seine Würde zurück – was umgekehrt heißt, dass es die Würde verloren hat.

Die Gründe liegen zum Teil am demografischen Wandel, der das Gleichgewicht zwischen Alt und Jung ins Wanken bringt. Und daran, dass Bundes- und Landesregierungen den Blick auf die großen Städte fixieren und die Provinz veröden lassen. Unübersehbar ist, dass die Regierungen die Kommunen finanziell und sachlich-fachlich kurz halten. Sie ordnen vieles von oben an, was an der Basis besser erledigt werden könnte. Vorschriften lassen kaum Spielräume. 

Der Trend zur Zentralisierung setzt sich auch in der ländlichen Raumordnungspolitik durch. Zwar ist es grundsätzlich richtig, zentrale Dörfer zu stärken. Im Rheiderland sind das Weener, Bunde und Jemgum, und von einer starken Kreisstadt wie Leer profitiert das Umland. Aber Politik darf den Dörfern nicht die Luft zum Atmen nehmen.

Die Bundesregierung erkennt das mittlerweile und verspricht Abhilfe mit dem neuen  Gesetz „Gutes Leben und Arbeiten auf dem Land“. Wohlwollend betrachtet sind es zumindest erst einmal gute Absichten.

Gut ist: Im jüngsten Landeswettbewerb der zukunftsfähigen Dörfer steigt Backemoor in diesem Jahr sogar in den Bundeswettbewerb auf. Eine Jury würdigt den kleinen Ort in der Gemeinde Rhauderfehn unter anderem wegen seiner „behutsamen Eigenentwicklung und Einpassung der neuen Wohngebiete in die dörfliche Umgebung“ und für „die lebendige Musikkultur“.

Wunderbar. Aber eher die Ausnahme. In der Gemeinde Rhauderfehn gibt es auch Orte wie Burlage und Klostermoor. 60 Bürger sprachen dort neulich in einer Diskussionsveranstaltung zur Bürgermeisterwahl einige Probleme an, die sie als Hemmnisse in der Dorfentwicklung empfinden. So haben Gemeinde und Landesschulbehörde ihnen die Grundschule genommen. Die Kinder sitzen jetzt bis zu 45 Minuten im Schulbus zum Nachbarort Langholt und müssen sogar einmal umsteigen.

Zusätzlich verärgern amtliche Bauverhinderungen die Leute. So verbieten Vorschriften, dass junge Familien, die ihre alten Eltern gern betreuen möchten, neben oder hinter dem Elternhaus bauen dürfen –  obwohl die Infrastruktur wie Straße, Kanal, Strom, Gas, Telefon oder Internet da ist. Das Bauverbot zwingt die jungen Leute, das Dorf zu verlassen. Akzeptable Busverbindungen gibt es nicht, so dass die Eltern auf ambulante Pflege angewiesen sind oder in ein Heim ziehen müssen, was teuer sein kann.

Das Dorf verödet, weil seine Entwicklung gebremst wird. Keine Familien, keine Schule, irgendwann kein Verein mehr, keine Feuerwehr. Ein Teufelskreis. Und Burlage ist keine Ausnahme. Erfreulich dort: Die Burlager verlieren nicht den Mut. Sie kämpfen um Baugenehmigungen – und wollen nicht eher Ruhe geben, bis ihre Schule wieder im Dorf ist. Das machen sie dem Bürgermeister sehr deutlich.  

 

Der Beitrag wurde am Montag, den 29. April 2019 um 09:04 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Buntes Leben, Politik, Wirtschaft abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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