Archive for Mai, 2019

Rote Teppiche

Montag, Mai 27th, 2019

Wie halten Firmen ihre Mitarbeiter bei der Stange? Wie locken oder binden sie fähige Leute oder Auszubildende, die sich heutzutage die Stellen eher aussuchen können als dankbar zu sein, überhaupt eine zu finden? Diese Fragen bewegen Firmen, seit Fachkräfte knapp sind.

Der Fachkräftemangel ist die erste Problemwelle des demografischen Wandels, die zweite  ist die Altenpflege und hängt damit zusammen. Beide Wellen schwappen auch über  Ostfriesland. Firmen rollen deshalb den roten Teppich für Mitarbeiter aus. Vorbei die Zeit, als Arbeitssuchende auf Bewerbungen nicht einmal eine Absage erhielten.

Das erlaubt sich kaum noch eine Firma. Sie kämpfen um die besten Köpfe und Hände. Es geht längst nicht mehr nur ums Gehalt. Besonders junge Leute fragen nach Benefits, wie die Nebenleistungen zum Gehalt heißen: Fortbildungsangebote, flexible Arbeitszeiten, Betriebsklima oder Möglichkeiten, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen.

In diesem Zusammenhang fiel jüngst ein Nebenprodukt der Berichte über das 20. Jubiläum der Software-Firma Orgadata in Leer auf. Sie wartet in ihrem Neubau nicht nur mit modernsten Büros auf, sondern serviert den Mitarbeitern in einer angenehm eingerichteten Kantine sogar kostenlos Frühstück und Mittagessen – keinen Fast-Food-Fraß, sondern frisch zubereitet.

Unternehmens-Chef Bernd Hillbrands hat sicherlich ein soziales Herz, aber natürlich in erster Linie das Wohl seines Unternehmens im Auge, das  als Software-Entwickler für Fenster-, Türen- und Fassadenbau weltweit unterwegs ist und gut 16.000 Lizenzen im Einsatz hat. Mit der Software lassen sich Maschinen in den Werkstätten der Kunden ansteuern.

Orgadata ist sehr erfolgreich. Das bezeugt schon die neue Firmenzentrale auf der Nesse in Leer. Die Nase vorn zu behalten in einem globalen Geschäft verlangt motivierte Mitarbeiter, die sich möglichst auch mit der Firma identifizieren. Kurz gesagt: Die gern dort arbeiten. Wie gelingt das? Das zu erklären, hilft ein Blick auf die Homepage.

Dort heißt es: „Zufriedene Mitarbeiter schaffen starke Produkte. Starke Produkte machen erfolgreiche Kunden. Von dieser Wirkungskette sind wir überzeugt…Was gut ist für unsere Mitarbeiter, ist gut für unsere Kunden.“ Diese Denkweise bedeutet im Orgadata-Alltag:   arbeitsfreundliche Büros, kostenloses Essen, betriebliche Kita und Unterstützung beim Sport nach Feierabend. Das kann sich eine Firma leisten, der es gut geht. Umgekehrt geht es ihr unter anderem deshalb gut. Innere Kündigungen dürften selten sein.

Es ist aber nicht so, dass Orgadata allein steht mit Benefits. Auch die Reederei Hartmann, das  Klinikum und die Kreisverwaltung betreiben eine Kita. Andere Firmen zahlen ihren Mitarbeitern Bus-Monatskarten. Handwerker finanzieren Lehrlingen den Führerschein oder halten Kaffee, Snacks und Obst kostenlos vor, zahlen Zuschüsse fürs Fitness-Studio. Gefragt sind auch bewegliche Arbeitszeiten oder Angebote fürs Arbeiten zu Hause (Homeoffice). Mitarbeiter wissen auch Konzert- und Theaterkarten oder Bundesliga-VIP-Tickets zu schätzen.

Noch einmal zu Orgadata: Die Mitarbeiter dort genießen Vertrauensarbeitszeit. Das heißt: Keiner kontrolliert, wer wann arbeitet. Das klappt – ist aber nicht neu. Zeitungs-Redaktionen haben nie anders gearbeitet.

Mannomann

Montag, Mai 20th, 2019

Das wär’s doch: Greta Thunberg wird Präsidentin der EU-Kommission. Sie ist jung, eine Frau und vor allem kein alter weißer Mann. Schon lösen sich die Probleme.  Das ist natürlich erkennbarer Unsinn, andererseits nicht mehr als ein grober Keil auf einem groben Klotz.

Als ob es keine anderen Sorgen gibt, bricht die Grünen-Kommunalpolitikerin Christine  Schmidt aus Emden in Ostfriesland eine Feminismus-Debatte vom Zaun – am Beispiel der Ostfriesischen Landschaft, deren Versammlung (Parlament) sie angehört. Richtig ist, dass dem achtköpfigen „Kollegium“ der Landschaft, dem Führungsgremium, nur Männer (Landschaftsräte) angehören. Nominiert von den freigewählten  ostfriesischen Kreistagen und dem Stadtrat Emden.

Das passt Frau Schmidt nicht, die nach eigenem Bekunden selbst gern Landschaftsrätin werden möchte. Sie vermisst die Gleichberechtigung, spricht von einer „Demaskierung der Männer“ und greift Landschaftspräsident Rico Mecklenburg persönlich an.  

Man kann die alt-ehrwürdige Landschaft sicher punktuell kritisieren, aber ihr bewusste Frauenfeindlichkeit vorzuwerfen, ist weit überzogen. Denn dieses historische Vorbild an politischer Mitbestimmung und Selbstverwaltung hat sich von einer Ständeversammlung zu einem demokratisch-parlamentarisch verfassten Kommunalverband für Kultur, Wissenschaft und Bildung entwickelt. Vier ihrer sieben Abteilungen werden hauptamtlich von Frauen geleitet. Den zahlreichen Arbeitskreisen stehen fast ausschließlich Frauen vor.

Der Landkreis Leer zum Beispiel besetzt vier seiner sechs Sitze im Kulturausschuss mit Frauen, im Bildungsausschuss die Hälfte. Ohnehin ist in der Politik die Gleichberechtigungs-Diskussion langsam überholt. So nehmen im Landkreis Leer mit Gitta Connemann, CDU, und Hanne Modder, SPD, unangefochten zwei Frauen führende Positionen ein. Quote? Lächerlich.

Frau Schmidt zäumt die Mann-Frau-Debatte am falschen Pferd auf. Tatsächlich ist es ein tiefes gesellschaftliches Problem. Gelöst werden kann es nur im Alltag und am Arbeitsplatz.

Es geht schlicht darum, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Dafür müssen jahrhundertealte Rollenbilder verschoben werden. Das stellt auch die Unternehmensberatung BCG fest. Sie ruft, wie es gestern in der Süddeutschen Zeitung stand, Firmen auf, sich in die häusliche Aufgabenverteilung einzumischen. Denn zu oft belastet diese Arbeit nur die Mütter.

Wenn die Wirtschaft ernsthaft mehr Frauen in Führungspositionen bringen will, muss sie sich um die Last der häuslichen Verantwortung kümmern“, heißt es – auch wenn Firmen argumentieren, es gehe sie nichts an, was privat bei den Mitarbeitern geschieht.  Frauen schrecken oft vor anspruchsvolleren Positionen zurück, weil sie die Doppelbelastung aus Beruf und Haus überfordert.

Haus-Aufgaben sind ungleich verteilt.  Arbeitnehmerinnen sind meistens verantwortlich für die Wäsche, fürs Kochen, Saubermachen, Spülen und Einkaufen, selbst für Rechnungen, Finanzen und den Garten. 

Untersuchungen zeigen, dass Frauen weder durch Heirat oder Schwangerschaft beruflich an Ehrgeiz verlieren. Kurzum: Es ist die Doppelbelastung, die sie entmutigt – und eine auf männliche Karrieren fixierte Firmenkultur. Bis sich das ändert, ist auch Greta Thunberg reif für ein Präsidentenamt.

Nicht nur Europa wählt

Freitag, Mai 10th, 2019

Allein ein Blick in die Türkei müsste reichen, damit bei uns in zwei Wochen viele Menschen zur Wahl gehen. Es geht um Europa, in einigen Gemeinden Ostfriesland auch um Bürgermeister, im Kreis Aurich um den Landrat. Jedenfalls können die Wahlsieger sicher sein, dass sie ihr Amt auch ausüben dürfen. Und nicht Neuwahlen angeordnet werden, weil es einem despotischen Staatschef nicht gefällt, wie das Volk abgestimmt hat.

Der Europa-Wahlkampf plätschert dahin, in Ostfriesland und anderswo – obwohl es am 26. Mai tatsächlich um die Richtung geht. Überall regen sich nationalistische Parteien. Auf einem anderen Blatt stehen Kommunalwahlen in Teilen Ostfrieslands, wo es sich mehr um Personen dreht, weniger als früher um die Parteifarbe. 

Werfen wir erst einen Blick in den Nachbarkreis Emsland, der einen Landrat neu wählt. Und die Gemeinde Rhede erhält einen neuen Bürgermeister. Der parteilose Gerhard Conens, 14 Jahre im Amt, tritt nicht wieder an. Einziger Kandidat ist ein örtlicher CDU-Mann, für den die Wahl ein Selbstläufer werden dürfte.

Im Landkreis Leer wählt die Gemeinde Rhauderfehn einen neuen Verwaltungs-Chef. Amtsinhaber Geert Müller, einst SPD, jetzt parteilos, sitzt fest im Sattel, sein einziger Gegner Ingo Heynen von der Gruppe „MOIN“ ist krasser Außenseiter.

Lebhaft ist der Wahlkampf im Landkreis Aurich. Dort trifft Landrat Harm-Uwe Weber, SPD, Sohn des früheren Leeraner Landrats und Landtagsabgeordneten Harm Weber, auf einen  starken Gegner: Olaf Meinen, parteilos. Er arbeitet erfolgreich als Bürgermeister in Großefehn, ist populär, aber kein Populist. Er führt einen modernen Wahlkampf, setzt auf digitale Medien, geht aber auch unter die Leute. CDU und FDP unterstützen ihn. Sozialdemokrat Weber ist Fachmann, jedoch ein eher spröder Typ. Öffentliche Auftritte sind nicht seine Stärke. Schaden könnte ihm die schmutzige Affäre um den SPD-Abgeordneten Beekhuis. Kenner der Szene jedenfalls wagen kaum eine Wette um den Ausgang der Wahl.

Die Stadt Aurich bekommt auf jeden Fall einen neuen Mann an die Rathaus-Spitze. Bürgermeister Heinz-Werner Windhorst, parteilos, geht in Rente. Fünf Bewerber wollen ihm folgen. Favorit ist der Erste Stadtrat Hardwig Kuiper, der keiner Partei angehört, aber auf der Startseite seiner Homepage groß mit Umweltminister Olaf Lies, SPD, posiert. Der 61-Jährige ist Rheiderländer. Er kam in Wymeer als Sohn eines Maurers zur Welt, besuchte die Realschule Weener, machte am TGG in Leer das Abitur und studierte Finanz- und Betriebswirtschaft. SPD, CDU und eine Wählergemeinschaft stützen ihn.

Auch auf Norderney steht eine Bürgermeisterwahl an. Der amtierende Verwaltungs-Chef Frank Ulrichs geht als Parteiloser ins Rennen, lässt sein SPD-Parteibuch sozusagen in der Tasche. Er hat gute Chancen. Gegenkandidaten sind eine Ratsfrau der Grünen und ein Einzelbewerber.

Eine Polit-Posse am Rande: In Leer steht erst 2021 eine Bürgermeisterwahl an. Überraschend kündigte Bürgermeisterin Beatrix Kuhl, CDU, ihre erneute Kandidatur bereits jetzt an. Sie eröffnete damit praktisch den Wahlkampf, der die Politik in Leer die nächsten zwei Jahre belasten wird. Ein Rivale hat sich mit Stadtwerke-Chef Claus-Peter Horst auch schon gemeldet. Ob von einer Tarantel gestochen oder schlicht aus Naivität – das Verhalten der Bürgermeisterin wirft Rätsel auf.

Nur aus besonderem Anlass

Samstag, Mai 4th, 2019

Das Ladenöffnungsgesetz ist vielen Kaufleuten ein Dorn im Auge. Sie würden gern öfter an Sonntagen öffnen. In Rhauderfehn luden am 14. April neun Geschäfte sogar zum Einkaufen ein, obwohl es verboten war. Der Vorsitzende des Gewerbevereins, Friedrich Hafer, griff zur Begründung ganz oben ins Regal und nannte es „eine Art des zivilen Ungehorsams“.

Ziviler Ungehorsam – damit verbindet man Namen wie Ghandi, Martin Luther King oder Kardinal Gahlen, der von der Kanzel gegen die Euthanasie der Nazis wetterte. Der Leeraner Werbegemeinschafts-Vorsitzende Johannes Poppen lobte die Aktion der Fehntjer als „Zeichen gegen Willkür“ und kündigte die Unterstützung durch seine  Werbegemeinschaft an.

Er kritisiert die Landesregierung für den Entwurf eines neuen Ladenöffnungsgesetzes. Im Kern stößt ihm sauer auf, dass auch künftig an Sonn- und Feiertagen nur zu besonderen Anlässen geöffnet werden darf. Der Anlassbezug müsse verschwinden, sagen viele Händler und deren Organisationen.

Sie verkennen, dass die Politik um den Anlassbezug nicht herum kommt. Sie ist durch das Grundgesetz gebunden, das klar sagt: „Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt.“ Darauf fußen einschlägige Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts und des Bundesverwaltungsgerichts. Darauf berufen sich Verwaltungs- und Oberverwaltungsgerichte in ihren Urteilen.

Grundsätzlich sagen sie: Die Anlässe zur Ladenöffnung müssen über das „bloße Umsatzinteresse“ der Läden und auch über das „alltägliche Erwerbsinteresse potenzieller Käufer an einer Ladenöffnung“ hinausgehen. So urteilte im vorigen November das Oberverwaltungsgericht (OVG) Münster. Nach damaligem Stand – ein neues freizügiges Gesetz in NRW war nicht einmal ein Jahr alt – hatte die Gewerkschaft Verdi in NRW 143-mal gegen verkaufsoffene Sonntage geklagt. Mit 137 Klagen hatte sie Erfolg.

Vor diesem Hintergrund machen die niedersächsische Landesregierung und die sie tragenden Fraktionen von SPD und CDU gar nicht erst den Versuch, im neuen Ladenöffnungsgesetz auf die besonderen Anlässe zu verzichten. Keiner rennt gern in ein offenes Messer, schon gar nicht sehenden Auges.

Der aktuelle Gesetzentwurf erlaubt vier verkaufsoffene Sonntage, wenn „ein besonderer Anlass“ vorliegt. Die anderen genannten Anlässe wie „Öffentliches Interesse an der Belebung der Gemeinde oder eines Ortsbereichs “ und „Ein sonstiger rechtfertigender Sachgrund“ haben vor Gericht kaum Bestand.

Der „Besondere Anlass“ muss mehr Menschen anlocken als die Ladenöffnung. In Leer sind das beispielsweise der Gallimarkt und die Ostfrieslandschau. Deshalb war auch klar, dass im vorigen Jahr der Öffnungs-Anlass „ 40 Jahre Fußgängerzone“ vor Gericht durchfiel. Das bewies dann auch die spärlich besuchte Feierstunde bei geschlossenen Läden.

In Rhauderfehn muss sich jetzt Bürgermeister Geert Müller mit den illegalen Öffnungen beschäftigen. Als nebenamtlicher Geschäftsführer der Werbegemeinschaft überlässt er wegen eines möglichen Interessenkonflikts seinem Vertreter das Bußgeldverfahren. Gespannt ist man, wie die zugesagte Unterstützung aus Leer gemeint ist. Poppens damaliger Satz „Das kann richtig teuer werden“ lässt eigentlich keine zwei Interpretationen zu.