Archive for Juni, 2019

Volkssport – radio aktiv

Montag, Juni 24th, 2019

Es geht einst hoch her im Äther. Ein Regierungsoberamtsrat von der Funkfrequenz-Messstelle Itzehoe der Bundespost spricht zur Deutschen Presse-Agentur gar vom „Volkssport Nummer zwei der Ostfriesen nach Boßeln“. Als die Nummer eins macht er das Schwarzsenden aus.

Die Messstelle, heute der Bundesnetzagentur zugeordnet, spürt Schwarzsender auf. Zuletzt bleibt es lange ruhig im Äther – bis in diesen Tagen eine illegale Sendeanlage an der A31 bei Bunde beschlagnahmt wurde. Betreiber unbekannt.

In den 70er bis 90er Jahren ist kaum ein Ort ohne Lokalsender, und Ostfriesland, speziell das Rheiderland, eine Hochburg. Die Post schätzt die Zahl damals auf 100. Legal ist Schwarzsenden nicht. Es verstößt unter anderem gegen das Fernmeldeanlagengesetz.

Polizei und Fernmeldebehörde gehen besonders Mitte der 80er Jahre gegen die Piraten vor, denn sie nutzen UKW-Frequenzen, die nach dem damals neuen Landesrundfunkgesetz dem Privatsender ffn vorbehalten sind. Er startet  Silvester 1986.

Ursprünge der Piratensender liegen in den Niederlanden. Sie senden von Schiffen auf der Nordsee außerhalb der Zwölf-Meilen-Zone Beat- und Rockmusik, die zu der Zeit bei öffentlich-rechtlichen Sendern verpönt ist, aber Jugendliche begeistert.

Bald schwappt die Funkpiraterie aufs Festland über. Beiderseits der Grenze schießen Mini- Sender wie Pilze aus dem Boden. Sie erfüllen Musikwünsche der Hörer und richten Grüße aus. Manche übertreiben es auch. So heben 1980 im grenznahen Finsterwolde allein in einer Straße 17 Polizisten in einem Großeinsatz zehn Schwarzsender aus. Diese stören den normalen Radio- und TV-Empfang, was Nachbarn zu Anzeigen veranlasst.

Auch viele Rheiderländer bedauern es, als im Oktober 1983 die Polizei dem Sender „St. Pauli“ in Nieuweschans den Stecker zieht. Er hat seine Sendungen aufs Rheiderland ausgerichtet. Aber auch im Rheiderland selbst sind Piraten sehr aktiv. Zwischen 1983 und 1985 verstummt am Koppelweg in Weener der Sender „Tamara und Lady“, in Bunde schlagnahmt die Polizei die „Nordsee“, in Weener muss „Bünting“ und in Oedenfeld „Buur Harms“ den Betrieb einstellen – während man in Ditzumerhammrich und Stapelmoorerheide die Betreiber von „Bel Ami“ und „Roma“ nicht aufspüren kann. Piraten in Wymeer, Möhlenwarf und Bunde jedoch müssen die Segel streichen.

Als im August 1983 „La Paloma“ am Dwarstief in Tichelwarf ausgehoben wird, schreibt ein Holthuser Bürger „im Namen vieler Hörer“ einen Leserbrief in der RZ. Überschrift: „La Paloma – sende wieder“.  „Falsche Freunde“ hätten den Sender lahmgelegt, der „vielen alten und kranken Leuten mit seiner schönen Musik Freude bereitet hat“.

Auch dem Roten Kreuz in Weener machen Piraten aus dem Ammerland und dem Rheiderland mit einer Spende eine Freude. Ihr Kontaktmann Richard Haats aus Wymeer überreicht nach einem Fußball-Freundschaftsspiel dem DRK-Bereitschaftsführer Meint Peters den Erlös von 280,94 Deutsche Mark. Die RZ dokumentiert am 10. Juni 1989 auf einem Foto diese Radioaktivität der besonderen Art.

Gesundes Krankenhaus

Montag, Juni 17th, 2019

Das Klinikum in Leer ist eines der wenigen Krankenhäuser im Nordwesten, das finanziell klar kommt. Es schreibt schwarze Zahlen und investiert kräftig. Erst gestern kam offiziell die neue Klinik für Psychosomatik hinzu, die mehr als elfeinhalb Millionen Euro gekostet hat. Behandelt werden dort Menschen, deren Seele so belastet ist, dass davon auch der Körper krank wird. 

Der Landkreis Leer als Träger des Klinikums, einst bekannt als Kreiskrankenhaus, betreibt es als gemeinnützige GmbH. Zum Unternehmensverbund gehören neben dem Klinikum noch das Krankenhaus Rheiderland in Weener und Deutschlands kleinste Klinik, das Inselkrankenhaus Borkum. Beide standen vor der Pleite, ehe das Klinikum sie zu rettenden Ufern führte.

Das Klinikum ragt aus der Krankenhaus-Landschaft heraus. Denn jedem sechsten Krankenhaus in Deutschland droht das Aus, jedes dritte bilanziert rote Zahlen, fast die Hälfte kann nicht genügend investieren. Tatsache ist: Die meisten Krankenhäuser investieren zu wenig – und vielen Trägern fehlt der Mut, unrentable Häuser zu schließen.

Auf Leer trifft das nicht zu. Vor knapp zwei Jahrzehnten sah es allerdings anders aus. Millionenverluste belasteten den Kreishaushalt. Doch der Kreistag handelte: Er entschuldete die Klinik, zog neue Korsettstangen ein und verpflichtete einen Manager, der das Geschäft versteht.  

Seit 2004 investierte das Klinikum satte 150 Millionen Euro – den Löwenanteil in Leer, aber millionenschwere Summen flossen auch nach Weener und Borkum.

Um sich ein Bild vom Ausmaß des Klinikums in Leer machen zu können: Es steht auf einer Fläche in der Größe von drei Fußballplätzen. Das medizinische Spektrum des laufend erneuerten und erweiterten Klinikums ist umfangreich.

Es hält in Leer, Weener und Borkum rund 400 Betten vor und beschäftigt 1000 Mitarbeiter, die jährlich 20.000 Patienten stationär und 55.000 ambulant betreuen. Ein weiteres relativ großes Krankenhaus in Leer ist das Borromäus-Hospital, ebenfalls eine gemeinnützige GmbH. Träger ist die katholische Kirche. Das „Borro“ hat 660 Mitarbeiter und um 260  Betten. Gelegentlich ist von einer geplanten engeren Zusammenarbeit zwischen den Häusern oder gar mehr die Rede, aber nach wie vor zeichnet sich auch das „Borro“ durch umfangreiche Investitionen aus.

Alles andere als auf Rosen gebettet sind die Krankenhäuser in Aurich, Norden und Emden, die alle unter hohen Millionenverlusten leiden. Der Landkreis Aurich als Träger der Kliniken Aurich und Norden und die Stadt Emden als Trägerin der dortigen Klinik wollen die drei Häuser schließen und eine Zentralklinik in Georgsheil bauen.

Vor zwei Jahren noch blockierte ein Bürgerentscheid in Emden diesen Plan. Neulich stimmte in einem zweiten Bürgerentscheid jedoch die Mehrheit für die Zentralklinik, so dass sie jetzt Wirklichkeit werden kann.

An den Krankenhäusern in Ostfriesland lässt sich erkennen, welche langfristigen Folgen politisches Tun und Lassen haben können. Der Kreistag in Leer blickte klug voraus, warf Ballast ab und investierte. Der Kreistag Aurich und die Stadt Emden ritten jahrelang tote Pferde. Als sie endlich abstiegen, zeigten Emder Bürger, dass sie nicht über den eigenen Tellerrand blicken konnten. Nach zwei Jahren korrigierten sie den Fehler. Immerhin.

Konfliktherde

Samstag, Juni 8th, 2019

Die Vergangenheit vor der Zukunft retten – das misslingt meistens, und ist auch gut so. Doch schade ist es dann, wenn etwas aus dem Ruder läuft und man es nicht herumreißen kann. Wie bei markanten Häusern, die einst Dörfern ein Gesicht gaben, das Leben der Menschen mitprägten und plötzlich nutzlos schienen.  

Jan Brandt aus Ihrhove, erfolgreicher Schriftsteller in Berlin, schrieb darüber ein Buch. Er schildert minutiös, wie er scheitert, das Haus seines Urgroßvaters in Ihrhove vor dem Abriss zu retten. Der neue Eigentümer, ein Bauunternehmer, hat kein Interesse, den früheren Gulfhof zu erhalten – und Brandt nicht genug Geld, es zu kaufen. Mit einem Neubau lässt sich eben mehr Rendite machen. Das Ende vom Lied: Wo einst der ortsprägende Gulfhof stand, steht jetzt eines dieser hässlichen Schuhkartons, die sich Wohnhäuser nennen.

Brandt fühlt es als „Verlust der Heimat“. Das Haus, mit dem er seine Jugend verbindet, war für ihn „ein  Anker, etwas Unverrückbares“. Auf den ersten Blick könnte man es als nostalgische Zuckung eines Schriftstellers werten, den es nach Berlin gezogen hat – wo er wie tausende anderer Zuwanderer riesige Schwierigkeiten hat, überhaupt eine Wohnung zu finden. Dies beschreibt er im zweiten Teil des Buches.

Was der Schriftsteller in seiner Heimat Ihrhove erlebt, ist kein Einzelfall. Es lässt sich auf viele Dörfer übertragen. Ein ähnlicher Klassiker über den Wandel eines Dorfes spielt sich zurzeit direkt auf der alten Gemeindegrenze von Möhlenwarf und Beschotenweg ab – mit der früheren Bäckerei und dem Kolonialwarenhandel Lokers und dem Wirtshaus „Zum alten Bahnhof“ im Mittelpunkt. Kneipe, Vereinslokal der Sportfreunde Möhlenwarf, Viehwaage, Bäckerei und Laden – ein vergangenes kleines Zentrum dörflichen Lebens.

Die beiden Häuser stehen seit Jahren leer, die Umgebung sieht alles andere als schön aus. Verkommen eben. Doch jetzt droht die moderne Zeit. Verlockend sieht sie nicht aus. Das Haus Lokers soll angeblich saniert, das Wirtshaus abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden. Zweck der Investition: Wohnungen für 44 Monteure der Meyer-Werft. Der Kreisverwaltung liegt eine Bauanfrage vor, auch das Rathaus beschäftigt sich damit. Die Kommunalpolitik ist alarmiert.

Der Fall ähnelt dem von Brandt in Ihrhove, nur sind die Folgen einschneidender. Dr. Jan Lokers, Archivar in Lübeck, dessen Ur-Ur-Großeltern das Haus 1898 gebaut haben, möchte es gern erhalten und kaufen. Neulich jedoch schrieb er auf Facebook von „einem Fass ohne Boden, jedenfalls für meine Verhältnisse“. Schon im Januar meldete er sich dort zu Wort: „Warte noch auf einen Lottogewinn, um es zurückzukaufen und zu sanieren.“

Die Sache nimmt ihren unguten Lauf. Es sei denn, die Baugenehmigungsbehörden denken noch einmal nach. 44 Wohnungen für Monteure aus Rumänien oder Bulgarien, in einem Dorf ohne Infrastruktur für die freie Zeit, alle fremdsprachig, ohne Familie – da sind Konflikte programmiert.

In Stapelmoor, wo ebenfalls Monteure konzentriert untergebracht sind, gibt es bereits Ärger, der nicht unbedingt mit Fremdenfeindlichkeit gleichzusetzen ist. Missmut entsteht wie von selbst, wenn zu viele Menschen ohne kulturelle oder familiäre Bindung auf engem Raum in ein fremdes Umfeld verpflanzt werden. Ein Konfliktherd, der schon glimmt. 

Umbruch verschlafen

Montag, Juni 3rd, 2019

Lange hat es nicht so viel Aufregung nach einer Wahl gegeben wie in dieser Woche. Auch in Ostfriesland fallen einige Besonderheiten ins Auge, die denen im ganzen Land ähneln, zum Teil aber regionstypisch sind. Und noch eins wird deutlich: Parteien verschlafen den digitalen  Wandel, verkennen die Wucht des Umbruchs – und verhalten sich entsprechend.   

Krass deutlich macht dies die Reaktion der CDU auf ein Video des Youtubers Rezo, der die CDU und nebenbei auch die SPD 55 Minuten lang rhetorisch an die Wand nagelt, ihnen Versagen vor allem in der Klimapolitik vorwirft. Hier betrachten wir nicht den Inhalt, sondern die Reaktionen. CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer findet keine schlüssige Antwort. Fast redet sie sich um Kopf und Kragen, was darin mündet, dass sie sogar die Meinungsfreiheit einschränken will.

Nur wenige Politiker durchschauen, wie Facebook, Twitter, Youtube oder andere Social Media funktionieren und wirken. Für junge Menschen jedoch ist das Smartphone fast das sechste Sinnesorgan, sie verständigen sich digital und informieren sich nicht mehr über die Tagesschau. Das Rezo-Video wurde von mehr als 13 Millionen Menschen angeklickt –  mehr als sich das Finale um den DFB-Pokal angeschaut haben, mehr als Tagesschau und Tagesthemen Zuschauer zählen.

Dass Parteien bei Social Media schwächeln, sollte nicht die größte Sorge sein. Schlimmer ist, was sich daraus ableitet: Die Unkenntnis deutet darauf hin, dass sie den Aufgaben der Digitalisierung in der Arbeitswelt und des Alltags nicht gewachsen sind.

Dabei steht Ostfriesland die erste große Bewährungsprobe unmittelbar bevor: VW baut sein  Emder Werk total um und lässt nur noch Elektro-Autos vom Band rollen. Das ist nicht nur  eine innerbetriebliche Sache. Sie wird zuerst auf Zulieferfirmen und dann auf ganz Ostfriesland ausstrahlen. Bei diesem Wandel ist auch politische Kompetenz gefragt.

Zum Glück hat der Landkreis Leer einen digital denkenden Landrat. Matthias Groote und der Kreistag treiben den Breitbandausbau voran, die technische Grundlage der Digitalisierung. Aber es geht auch um die gesellschaftlichen Folgen. Einen Beitrag dazu leistet im September  die 2. Digitale Woche, in der hochkarätige Fachleute am Start sind.

Breitband und Digitalisierung spielten auch bei der Landratswahl im Kreis Aurich eine Rolle.  Aurich hinkt Leer hinterher. Das trug, zumindest symbolhaft, zur spektakulären Niederlage des amtierenden Landrats Harm-Uwe Weber, SPD, bei. Der parteilose Bürgermeister von Großefehn, Olaf Meinen, ließ Weber in jeder Beziehung alt aussehen und gewann auf Anhieb. Um wie Weber in der SPD-Hochburg Aurich bei knapp über 30 Prozent zu landen, muss sich schon ziemlich anstrengen.

Eines der Themen von Meinen jedenfalls war der Breitbandausbau. Schon lange vor dem Wahlkampf spielte er virtuos auf dem Klavier der Social Media, fand dort sichtbar Zustimmung durch Klicks und Kommentare. Das zeigt: Er weiß, worum es geht.

Um keine Missverständnisse aufkommen lassen: Die neuen Medien zu nutzen ist nicht alles. Ohne Persönlichkeit und Themen wird kein Politiker, keine Partei gewählt. Die Grünen haben zurzeit vor allem Erfolg, weil sie als einzige Partei mit dem Klimaschutz ein europäisches Thema verfolgten, das den Nerv vieler Menschen berührt und den Zeitgeist trifft.