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Umbruch verschlafen

Lange hat es nicht so viel Aufregung nach einer Wahl gegeben wie in dieser Woche. Auch in Ostfriesland fallen einige Besonderheiten ins Auge, die denen im ganzen Land ähneln, zum Teil aber regionstypisch sind. Und noch eins wird deutlich: Parteien verschlafen den digitalen  Wandel, verkennen die Wucht des Umbruchs – und verhalten sich entsprechend.   

Krass deutlich macht dies die Reaktion der CDU auf ein Video des Youtubers Rezo, der die CDU und nebenbei auch die SPD 55 Minuten lang rhetorisch an die Wand nagelt, ihnen Versagen vor allem in der Klimapolitik vorwirft. Hier betrachten wir nicht den Inhalt, sondern die Reaktionen. CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer findet keine schlüssige Antwort. Fast redet sie sich um Kopf und Kragen, was darin mündet, dass sie sogar die Meinungsfreiheit einschränken will.

Nur wenige Politiker durchschauen, wie Facebook, Twitter, Youtube oder andere Social Media funktionieren und wirken. Für junge Menschen jedoch ist das Smartphone fast das sechste Sinnesorgan, sie verständigen sich digital und informieren sich nicht mehr über die Tagesschau. Das Rezo-Video wurde von mehr als 13 Millionen Menschen angeklickt –  mehr als sich das Finale um den DFB-Pokal angeschaut haben, mehr als Tagesschau und Tagesthemen Zuschauer zählen.

Dass Parteien bei Social Media schwächeln, sollte nicht die größte Sorge sein. Schlimmer ist, was sich daraus ableitet: Die Unkenntnis deutet darauf hin, dass sie den Aufgaben der Digitalisierung in der Arbeitswelt und des Alltags nicht gewachsen sind.

Dabei steht Ostfriesland die erste große Bewährungsprobe unmittelbar bevor: VW baut sein  Emder Werk total um und lässt nur noch Elektro-Autos vom Band rollen. Das ist nicht nur  eine innerbetriebliche Sache. Sie wird zuerst auf Zulieferfirmen und dann auf ganz Ostfriesland ausstrahlen. Bei diesem Wandel ist auch politische Kompetenz gefragt.

Zum Glück hat der Landkreis Leer einen digital denkenden Landrat. Matthias Groote und der Kreistag treiben den Breitbandausbau voran, die technische Grundlage der Digitalisierung. Aber es geht auch um die gesellschaftlichen Folgen. Einen Beitrag dazu leistet im September  die 2. Digitale Woche, in der hochkarätige Fachleute am Start sind.

Breitband und Digitalisierung spielten auch bei der Landratswahl im Kreis Aurich eine Rolle.  Aurich hinkt Leer hinterher. Das trug, zumindest symbolhaft, zur spektakulären Niederlage des amtierenden Landrats Harm-Uwe Weber, SPD, bei. Der parteilose Bürgermeister von Großefehn, Olaf Meinen, ließ Weber in jeder Beziehung alt aussehen und gewann auf Anhieb. Um wie Weber in der SPD-Hochburg Aurich bei knapp über 30 Prozent zu landen, muss sich schon ziemlich anstrengen.

Eines der Themen von Meinen jedenfalls war der Breitbandausbau. Schon lange vor dem Wahlkampf spielte er virtuos auf dem Klavier der Social Media, fand dort sichtbar Zustimmung durch Klicks und Kommentare. Das zeigt: Er weiß, worum es geht.

Um keine Missverständnisse aufkommen lassen: Die neuen Medien zu nutzen ist nicht alles. Ohne Persönlichkeit und Themen wird kein Politiker, keine Partei gewählt. Die Grünen haben zurzeit vor allem Erfolg, weil sie als einzige Partei mit dem Klimaschutz ein europäisches Thema verfolgten, das den Nerv vieler Menschen berührt und den Zeitgeist trifft.   

 

Der Beitrag wurde am Montag, den 3. Juni 2019 um 10:24 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Buntes Leben, Politik, Wirtschaft abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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