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Konfliktherde

Die Vergangenheit vor der Zukunft retten – das misslingt meistens, und ist auch gut so. Doch schade ist es dann, wenn etwas aus dem Ruder läuft und man es nicht herumreißen kann. Wie bei markanten Häusern, die einst Dörfern ein Gesicht gaben, das Leben der Menschen mitprägten und plötzlich nutzlos schienen.  

Jan Brandt aus Ihrhove, erfolgreicher Schriftsteller in Berlin, schrieb darüber ein Buch. Er schildert minutiös, wie er scheitert, das Haus seines Urgroßvaters in Ihrhove vor dem Abriss zu retten. Der neue Eigentümer, ein Bauunternehmer, hat kein Interesse, den früheren Gulfhof zu erhalten – und Brandt nicht genug Geld, es zu kaufen. Mit einem Neubau lässt sich eben mehr Rendite machen. Das Ende vom Lied: Wo einst der ortsprägende Gulfhof stand, steht jetzt eines dieser hässlichen Schuhkartons, die sich Wohnhäuser nennen.

Brandt fühlt es als „Verlust der Heimat“. Das Haus, mit dem er seine Jugend verbindet, war für ihn „ein  Anker, etwas Unverrückbares“. Auf den ersten Blick könnte man es als nostalgische Zuckung eines Schriftstellers werten, den es nach Berlin gezogen hat – wo er wie tausende anderer Zuwanderer riesige Schwierigkeiten hat, überhaupt eine Wohnung zu finden. Dies beschreibt er im zweiten Teil des Buches.

Was der Schriftsteller in seiner Heimat Ihrhove erlebt, ist kein Einzelfall. Es lässt sich auf viele Dörfer übertragen. Ein ähnlicher Klassiker über den Wandel eines Dorfes spielt sich zurzeit direkt auf der alten Gemeindegrenze von Möhlenwarf und Beschotenweg ab – mit der früheren Bäckerei und dem Kolonialwarenhandel Lokers und dem Wirtshaus „Zum alten Bahnhof“ im Mittelpunkt. Kneipe, Vereinslokal der Sportfreunde Möhlenwarf, Viehwaage, Bäckerei und Laden – ein vergangenes kleines Zentrum dörflichen Lebens.

Die beiden Häuser stehen seit Jahren leer, die Umgebung sieht alles andere als schön aus. Verkommen eben. Doch jetzt droht die moderne Zeit. Verlockend sieht sie nicht aus. Das Haus Lokers soll angeblich saniert, das Wirtshaus abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden. Zweck der Investition: Wohnungen für 44 Monteure der Meyer-Werft. Der Kreisverwaltung liegt eine Bauanfrage vor, auch das Rathaus beschäftigt sich damit. Die Kommunalpolitik ist alarmiert.

Der Fall ähnelt dem von Brandt in Ihrhove, nur sind die Folgen einschneidender. Dr. Jan Lokers, Archivar in Lübeck, dessen Ur-Ur-Großeltern das Haus 1898 gebaut haben, möchte es gern erhalten und kaufen. Neulich jedoch schrieb er auf Facebook von „einem Fass ohne Boden, jedenfalls für meine Verhältnisse“. Schon im Januar meldete er sich dort zu Wort: „Warte noch auf einen Lottogewinn, um es zurückzukaufen und zu sanieren.“

Die Sache nimmt ihren unguten Lauf. Es sei denn, die Baugenehmigungsbehörden denken noch einmal nach. 44 Wohnungen für Monteure aus Rumänien oder Bulgarien, in einem Dorf ohne Infrastruktur für die freie Zeit, alle fremdsprachig, ohne Familie – da sind Konflikte programmiert.

In Stapelmoor, wo ebenfalls Monteure konzentriert untergebracht sind, gibt es bereits Ärger, der nicht unbedingt mit Fremdenfeindlichkeit gleichzusetzen ist. Missmut entsteht wie von selbst, wenn zu viele Menschen ohne kulturelle oder familiäre Bindung auf engem Raum in ein fremdes Umfeld verpflanzt werden. Ein Konfliktherd, der schon glimmt. 

 

Der Beitrag wurde am Samstag, den 8. Juni 2019 um 17:22 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Kultur, Politik, Wirtschaft abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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