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Volkssport – radio aktiv

Es geht einst hoch her im Äther. Ein Regierungsoberamtsrat von der Funkfrequenz-Messstelle Itzehoe der Bundespost spricht zur Deutschen Presse-Agentur gar vom „Volkssport Nummer zwei der Ostfriesen nach Boßeln“. Als die Nummer eins macht er das Schwarzsenden aus.

Die Messstelle, heute der Bundesnetzagentur zugeordnet, spürt Schwarzsender auf. Zuletzt bleibt es lange ruhig im Äther – bis in diesen Tagen eine illegale Sendeanlage an der A31 bei Bunde beschlagnahmt wurde. Betreiber unbekannt.

In den 70er bis 90er Jahren ist kaum ein Ort ohne Lokalsender, und Ostfriesland, speziell das Rheiderland, eine Hochburg. Die Post schätzt die Zahl damals auf 100. Legal ist Schwarzsenden nicht. Es verstößt unter anderem gegen das Fernmeldeanlagengesetz.

Polizei und Fernmeldebehörde gehen besonders Mitte der 80er Jahre gegen die Piraten vor, denn sie nutzen UKW-Frequenzen, die nach dem damals neuen Landesrundfunkgesetz dem Privatsender ffn vorbehalten sind. Er startet  Silvester 1986.

Ursprünge der Piratensender liegen in den Niederlanden. Sie senden von Schiffen auf der Nordsee außerhalb der Zwölf-Meilen-Zone Beat- und Rockmusik, die zu der Zeit bei öffentlich-rechtlichen Sendern verpönt ist, aber Jugendliche begeistert.

Bald schwappt die Funkpiraterie aufs Festland über. Beiderseits der Grenze schießen Mini- Sender wie Pilze aus dem Boden. Sie erfüllen Musikwünsche der Hörer und richten Grüße aus. Manche übertreiben es auch. So heben 1980 im grenznahen Finsterwolde allein in einer Straße 17 Polizisten in einem Großeinsatz zehn Schwarzsender aus. Diese stören den normalen Radio- und TV-Empfang, was Nachbarn zu Anzeigen veranlasst.

Auch viele Rheiderländer bedauern es, als im Oktober 1983 die Polizei dem Sender „St. Pauli“ in Nieuweschans den Stecker zieht. Er hat seine Sendungen aufs Rheiderland ausgerichtet. Aber auch im Rheiderland selbst sind Piraten sehr aktiv. Zwischen 1983 und 1985 verstummt am Koppelweg in Weener der Sender „Tamara und Lady“, in Bunde schlagnahmt die Polizei die „Nordsee“, in Weener muss „Bünting“ und in Oedenfeld „Buur Harms“ den Betrieb einstellen – während man in Ditzumerhammrich und Stapelmoorerheide die Betreiber von „Bel Ami“ und „Roma“ nicht aufspüren kann. Piraten in Wymeer, Möhlenwarf und Bunde jedoch müssen die Segel streichen.

Als im August 1983 „La Paloma“ am Dwarstief in Tichelwarf ausgehoben wird, schreibt ein Holthuser Bürger „im Namen vieler Hörer“ einen Leserbrief in der RZ. Überschrift: „La Paloma – sende wieder“.  „Falsche Freunde“ hätten den Sender lahmgelegt, der „vielen alten und kranken Leuten mit seiner schönen Musik Freude bereitet hat“.

Auch dem Roten Kreuz in Weener machen Piraten aus dem Ammerland und dem Rheiderland mit einer Spende eine Freude. Ihr Kontaktmann Richard Haats aus Wymeer überreicht nach einem Fußball-Freundschaftsspiel dem DRK-Bereitschaftsführer Meint Peters den Erlös von 280,94 Deutsche Mark. Die RZ dokumentiert am 10. Juni 1989 auf einem Foto diese Radioaktivität der besonderen Art.

 

Der Beitrag wurde am Montag, den 24. Juni 2019 um 10:00 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Buntes Leben, Politik abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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