Archive for Juli, 2019

Kleine Kliniken kranken

Samstag, Juli 20th, 2019

Krankenhäuser sind sehr teuer. Ein Grund sind die rapiden Fortschritte der Medizin in den vergangenen Jahrzehnten, die nicht für einen Schnäppchenpreis zu haben sind. Krankenhäuser haben mit ärztlichem Handwerk und medizinischer Hochleistungstechnik zu tun – und bewegen gleichzeitig die Gemüter. Im Zweifelsfall geht es dort um Leben oder Tod.

Deshalb wirbelt eine Studie des Berliner Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES), finanziert von der Bertelsmann-Stiftung, viel Staub auf. Der Vorschlag: Glattweg 800 der insgesamt 1400 Kliniken zu schließen. Das werde die Qualität der Versorgung verbessern und Engpässe bei Ärzten und Pflegepersonal mildern, meint die Studie.

Tatsächlich leiden viele Krankenhäuser unter hohen Verlusten, so dass sie kaum investieren können. Dummerweise trifft es in der Regel kleine Kliniken, die meistens  in der Provinz liegen. Kritiker der Studie fürchten deshalb, dass die Randregionen noch weiter ins Abseits geraten, wenn ihre Kliniken dicht machen.

Zu den Randregionen gehört Ostfriesland. Vor allem im Landkreis Aurich und in der Stadt Emden diskutieren Landespolitik,  Krankenhausträger, Parteien und Bürger schon länger über Krankenhausprobleme. Eine umstrittene Fusion steht bevor. Der Landkreis Leer jedoch hat seine Klinik-Hausaufgaben gemacht und muss nichts befürchten: Leer gestärkt, Weener und Borkum gerettet.

Um  Probleme besser einordnen zu können, hilft ein Blick auf die Qualitätsmerkmale, die der Studie zu Grunde liegen: Eine gesicherte Notfallversorgung, Facharztbereitschaft rund um die Uhr, Erfahrung und Routine des medizinischen Personals und angemessene technische Ausstattung.

Die Studie kommt zu dem Schluss, und daran gibt es kaum Zweifel: Diesen Anforderungen  werden viele Kliniken nicht gerecht. Besonders kleinen Häusern auf dem Lande fehlt es oft an erfahrenem Personal und moderner Technik. Bei einem Herzinfarkt müsse man etwa  Linksherzkatheter-Untersuchungen vornehmen. Mehr als 60 Prozent der Krankenhäuser haben aber keinen Linksherzkatheter-Messplatz.

Das Klinikum des Landkreises Leer hat bereits vor etlichen Jahren diese Technik angeschafft. Bekanntlich vergrößert, erweitert und erneuert der Landkreis sein Krankenhaus schon seit gut anderthalb Jahrzehnten. Es schreibt als eines der wenigen Häuser im Nordwesten schwarze Zahlen.

In Leer steht, bemerkenswert für eine 33.000-Einwohner-Kreisstadt, mit dem katholischen Borromäus-Hospital noch eine zweite Klinik von respektabler Größe. Kommen auf Dauer zwei Kliniken in Leer über die Runden, ist eine engere Zusammenarbeit möglich, nötig oder überhaupt erwünscht, braucht Leer zwei Häuser? Diese Fragen drängen sich automatisch auf, können hier jedoch nicht beantwortet können. Eine Hürde ist möglicherweise der mentale Unterschied der Träger Landkreis Leer und katholische Kirche.

Grundsätzlich müssen Randgebiete vor strukturellem Kahlschlag auf der Hut sein. Wohnortnahe gute medizinische Grundversorgung und vertretbare Spezialisierung ist nötig und darf nicht dem Rotstift zahlengesteuerter Betriebswirte zum Opfer fallen. Die  Gesundheitspolitik muss ihrem Namen gerecht werden, damit Menschen lange gesund bleiben und möglichst spät mit dem Krankenhaus in Berührung kommen. Anders gesagt: Ziel ist, dass die Menschen gesünder sterben.

Kreuz und quer

Sonntag, Juli 14th, 2019

Urlaub und Fahrrad. Das passt, gerade in einem Flachgebiet wie Ostfriesland. Radfahren boomt, nicht nur im Urlaub, auch im Alltag. Heute sind doppelt so viele Menschen auf Rädern unterwegs wie vor zehn Jahren. Das ist gut, bleibt aber nicht ohne Folgen, denn Städte, Dörfer und Inseln sind dafür nicht gerüstet. Die Insel Juist droht mit ersten Konsequenzen für auswuchernden E-Bike-Verkehr, Verkehrswissenschaftler fordern für Deutschland ein Mobilitätskonzept.

Die Probleme verschärfen sich, weil immer mehr vor allem ältere, manchmal nicht mehr fitte Menschen sich ein E-Bike zulegen. Sie haben Mühe, die schweren und schnellen Räder zu  beherrschen.

Hinzu kommen neuerdings elektrisch angetriebene Tretroller, die vor allem junge Leute ansprechen. E-Roller vermitteln in den wenigen Wochen seit ihrer Zulassung erste Anzeichen einer Plage, die sich vorerst auf Großstädte beschränkt, aber bald auch Kleinstädte wie Leer oder Weener heimsuchen wird.

Kein Zweifel – es macht Spaß, mit einem E-Roller durch die Stadt zu rauschen. Sogar zu zweit darauf stehend, was abenteuerlich aussieht. Bis zu 20 km/h schnell und lautlos. Natürlich unterliegen sie Regeln. So sind Bürgersteige tabu, Fußgängerzonen natürlich auch. Roller sollen Radwege nutzen – gibt es keine, darf es die Fahrbahn sein. Immer schön einzeln hintereinander, freihändig fahren und an Autos anhängen ist verboten. Soweit das Gesetzbuch.

Erste Beobachtungen jedoch deuten in eine andere Richtung. Es muss wohl prickeln, gegen die Vorschriften schneidig auf Gehwegen um Fußgänger herum zu kurven und ihnen vorzugsweise von hinten Schrecken einzujagen. Die Klingel bleibt Zierrat. Dieses Roller-Verhalten ähnelt Radfahrern, die tagsüber durch die belebte Fußgängerzone in Leer preschen. Bisher ist uns nicht zu Ohren gekommen, dass die Polizei dort mal ein Bußgeld kassiert hat. Deshalb können sich auch die E-Roller-Fahrer dort ungestört austoben und keine Geldbuße fürchten, die zwischen 15 und 70 Euro betragen kann.

Sich an Regeln zu halten ist allgemein im Verkehr ohnehin ein wenig aus der Mode gekommen. Radfahrer nicht ausgenommen. Auf der falschen Seite zu fahren ist der Normalzustand. In der Dunkelheit ohne Licht sowieso.  

Voll in die Zeit passt, dass die Verwaltung auf der Insel Juist überlegt, die Zahl der Elektroräder zu begrenzen. So ganz rückt der Bürgermeister nicht mit der Sprache heraus, er will ja keine Gäste abschrecken. Aber Verkehrsunfälle auf der autofreien Insel häufen sich.  Wie auf Borkum, Norderney und anderswo.

So hat das Inselkrankenhaus Borkum in den Sommermonaten überwiegend mit Knochenbrüchen und anderen Verletzungen zu tun, die von Fahrradunfällen herrühren. Ein Borkumer Arzt schildert die Lage so: Urlauber verlassen die Fähre und vergessen als erstes die Straßenverkehrsordnung. Dann mieten sie ein Fahrrad, vorzugsweise ein E-Bike, und brettern los, kreuz und quer über Straßen, Gehwege und durch die Dünen.

Oft haben sie jahrelang nicht im Sattel gesessen – und wollen im Urlaub alles nachholen. Ohne in Übung zu sein, oft übergewichtig und nicht mehr ganz fit. Unfälle lassen nicht lange auf sich warten. Trotz allem: Radfahren bleibt gesund und entlastet die Umwelt. Nur ganz ohne Regeln geht es nicht.

Alles Klima – oder was?

Dienstag, Juli 9th, 2019

Alles ist Klima. Selbst wenn die Kanzlerin am Körper zittert, führt es die Grünen-Chefin aufs Klima zurück. Genauer: Auf den „Klimasommer“, was immer das sein mag. Bei so viel Klima wollen die Grünen in Leer nicht hinter ihrer obersten Chefin zurückstehen. Sie stellten den Antrag, dass der Stadtrat für Leer den „Klimanotstand“ ausruft. Sie sind nicht die einzigen im Land.

Im Ausschuss für Energie, Klima, Umwelt und Verkehr sagten sie, der „Klimanotstand“ setze ein „Signal“. Der Stadtrat solle jede Entscheidung prüfen, wie sie sich aufs Klima auswirke. So müsse er beim Radverkehrskonzept nicht nur die Interessen von Wirtschaft, Radfahrer und Autofahrer abwägen, sondern auch das Klima im Blick haben. Damit es nicht zu kleinteilig wirkt, spannt eine Grünen-Ratsfrau gleich einen ganz großen Bogen: Klimanotstand gebe es in der ganzen Welt.

CDU  und FDP/BfL können mit einem Klimanotstand in Leer nichts anfangen, die AWG verweist auf praktische Politik. SPD/Linke jedoch kündigen an, den Antrag zu unterstützen, so dass er gute Chancen auf eine Mehrheit hat.

Die Ausrufung des Klimanotstands für Leer kann man abtun mit dem Vergleich vom Sack Reis, der in China umfällt – ohne dabei Gefahr zu laufen, völlig schief zu liegen. Trotzdem: Der Klimawandel macht vielen Lebewesen zu schaffen. Und deshalb ist jede Handlung gut, die das tägliche Leben  auf lange Sicht erträglich oder besser macht. Daran kann sich ein Stadtrat  messen lassen – ohne jedoch gleich lokal den Notstand auszurufen, der am Empfinden der meisten Menschen ohnehin vorbeigeht.

Große Worte für kleine Schritte sind fehl am Platz. Und Notstand ist ein großes Wort. Obendrein ein hässliches. Wenn zum Beispiel Donald Trump eine Mauer zwischen den USA und Mexiko bauen will, rechtfertigt er es mit einem Nationalen Notstand. Politiker setzen bildhafte Begriffe gerne für ihre Zwecke ein, im positiven wie negativen Sinn. Doch auch die Guten dieser Welt wie Greenpeace und ihre Freunde arbeiten mit abschreckenden und/oder Angst einflößenden Worten und Bildern. 

Unser Grundgesetz kennt seit 1968 den Begriff des Notstands. Damals hängte der Bundestag auf Druck der Besatzungsmächte  gegen massiven Widerstand der Außerparlamentarischen Opposition (APO) dem Grundgesetz die „Notstandsverfassung“ an – um den Staat in Krisen wie Krieg, Naturkatastrophen oder inneren Unruhen handlungsfähig zu halten. Praktisch heißt das: Die Regierung kann im Notstand  ohne Parlament regieren, Grundrechte des Einzelnen wären eingeschränkt. Umgemünzt auf den Klimanotstand hätten wir eine Öko-Diktatur.

Milde ausgedrückt: Den Klimanotstand in Leer auszurufen, ist bestenfalls gut gemeint. Es erinnert an die 70er, 80er Jahre, als manche Kommunen dem Hype über atomwaffenfreie Zonen erlagen und solche Zusätze unters Ortsschild hängten. Wobei wieder der Sack Reis ins Spiel kommt.

Die Mädchen und Jungen von „Friday for future“ in Aurich sind gedanklich  weiter als ihre politischen Anhänger in Leer. Sie formulieren „Forderungen für Aurich“ und lassen diese von der Hochschule Emden-Leer wissenschaftlich überprüfen. „Klimanotstand“ sei  Symbolpolitik, kein zwingendes Handeln und eventuell kontraproduktiv. Gut so: Das drängt den religiösen Erweckungseifer zurück und folgt dem Sinne der Aufklärung.

Radfahren im Autoland

Montag, Juli 1st, 2019

Ostfriesen sind von klein auf mit dem Fahrrad unterwegs. Deshalb: Ostfriesland ist Radfahrerland. Eigentlich. Ohne dieses einschränkende Wort kommt man nicht aus. Denn wie ganz Deutschland ist auch Ostfriesland ein Land der Autofahrer. Auto, Auto über alles. Kein Wunder, ist doch das Auto ein Treibmittel der Wirtschaft und eine Grundlage des allgemeinen Wohlstands.

Dagegen soll hier nicht polemisiert werden. Obwohl Verbrennungsmotoren alles andere als umweltfreundlich sind. Außerdem: Autofahren macht nicht mehr so viel Spaß, seitdem zu viele Fahrzeuge die Straßen verstopfen. Wie auch immer: Das Fahrrad erfährt eine Art Wiedergeburt. Klappräder, Tourenräder, Rennräder, Mountainbikes, elektrisch unterstützte Fahrräder wie Pedelecs und E-Bikes, neuerdings auch E-Roller. Alles was zwei Räder hat, ist gefragt, modern, gilt als gesund – und gefällt den Grünen.

Aber im Autoland sind Radfahrer immer noch Verkehrsteilnehmer zweiter Klasse. Erst langsam ändert sich das politische Bewusstsein – in Berlin über Hannover und Leer bis ins Rheiderland. Aber es dauert, bis aus Ideen und Absichten handfeste Realität wird.

Wie sieht der Alltag aus Radfahrersicht aus? Dazu einige Beispiele. Grundsätzlich gilt: Radfahren ist nichts für Feiglinge. Man muss höllisch aufpassen. Radwege sind zu schmal und verlangen bei Gegenverkehr höchste Konzentration; viele Radwege sind in einem erbärmlichen Zustand; zwischen Radwegen und Straßen fehlen Sicherheitsstreifen; „grüne Welle“ für Radfahrer in Innenstädten ist für Verkehrsplaner ein Fremdwort.

Der Tourismusverband bemüht sich um Rad fahrende Urlauber. Aber wenn betroffene Städte und Gemeinden eine zentrale Strecke wie den Ostfriesland-Wanderweg teilweise  verkommen lassen, können die Touristiker sich noch so abstrampeln.

Zur Stadt Leer: Die Lage für Radfahrer ist eine Katastrophe – obwohl im Rathaus seit 1996 ein Radwegeplan liegt, der 2014 erneuert und jüngst um ein Projekt in der Innenstadt ergänzt wurde. Getan hat sich aber nur wenig. Trotzdem rühmt Leer sich als radfahrerfreundliche Stadt. Sie weist sogar drei Straßen als „Fahrradstraßen“ aus, allen voran die Brunnenstraße in der Altstadt. Dort tobt täglich ein stahlharter Kampf zwischen Autofahrern, die Vorschriften missachten, und Radfahrern, die um ihr Leben besorgt sind. Sie müssen oft vom Rad springen oder auf den Gehsteig ausweichen, wo sie Fußgänger bedrängen – weil fahrende und parkende Autos auf der „Fahrradstraße“ keinen Platz mehr für sie lassen.

Typisch das zähe politische Ringen um die Umgestaltung der Innenstadtstraßen Ostersteg, Bürgermeister-Ehrlenholtz-Straße und Friesenstraße. Dort soll – kurz gesagt – Radfahrern mehr Platz eingeräumt werden. Dafür müssen einige Parkplätze weichen, die in der Nähe jedoch neu entstehen. Einzelhändler, zumindest führende Vertreter, sehen ihre Geschäfte deshalb vor dem Ruin. Übrigens mit fast den gleichen Argumenten, mit denen ihre Vorgänger vor 40 Jahren den Bau der Fußgängerzone verhindern wollten.

Die Stadt schreibt in ihrem Konzept, den Radverkehr bis 2025 um ein Drittel zu erhöhen. Das klappt nur, wenn es schneller, bequemer und nützlicher ist, mit dem Rad statt mit dem Auto in die Innenstadt zu fahren. Wie man es macht, zeigen die Holländer, vorbildlich die Stadt Groningen.