«     »

Radfahren im Autoland

Ostfriesen sind von klein auf mit dem Fahrrad unterwegs. Deshalb: Ostfriesland ist Radfahrerland. Eigentlich. Ohne dieses einschränkende Wort kommt man nicht aus. Denn wie ganz Deutschland ist auch Ostfriesland ein Land der Autofahrer. Auto, Auto über alles. Kein Wunder, ist doch das Auto ein Treibmittel der Wirtschaft und eine Grundlage des allgemeinen Wohlstands.

Dagegen soll hier nicht polemisiert werden. Obwohl Verbrennungsmotoren alles andere als umweltfreundlich sind. Außerdem: Autofahren macht nicht mehr so viel Spaß, seitdem zu viele Fahrzeuge die Straßen verstopfen. Wie auch immer: Das Fahrrad erfährt eine Art Wiedergeburt. Klappräder, Tourenräder, Rennräder, Mountainbikes, elektrisch unterstützte Fahrräder wie Pedelecs und E-Bikes, neuerdings auch E-Roller. Alles was zwei Räder hat, ist gefragt, modern, gilt als gesund – und gefällt den Grünen.

Aber im Autoland sind Radfahrer immer noch Verkehrsteilnehmer zweiter Klasse. Erst langsam ändert sich das politische Bewusstsein – in Berlin über Hannover und Leer bis ins Rheiderland. Aber es dauert, bis aus Ideen und Absichten handfeste Realität wird.

Wie sieht der Alltag aus Radfahrersicht aus? Dazu einige Beispiele. Grundsätzlich gilt: Radfahren ist nichts für Feiglinge. Man muss höllisch aufpassen. Radwege sind zu schmal und verlangen bei Gegenverkehr höchste Konzentration; viele Radwege sind in einem erbärmlichen Zustand; zwischen Radwegen und Straßen fehlen Sicherheitsstreifen; „grüne Welle“ für Radfahrer in Innenstädten ist für Verkehrsplaner ein Fremdwort.

Der Tourismusverband bemüht sich um Rad fahrende Urlauber. Aber wenn betroffene Städte und Gemeinden eine zentrale Strecke wie den Ostfriesland-Wanderweg teilweise  verkommen lassen, können die Touristiker sich noch so abstrampeln.

Zur Stadt Leer: Die Lage für Radfahrer ist eine Katastrophe – obwohl im Rathaus seit 1996 ein Radwegeplan liegt, der 2014 erneuert und jüngst um ein Projekt in der Innenstadt ergänzt wurde. Getan hat sich aber nur wenig. Trotzdem rühmt Leer sich als radfahrerfreundliche Stadt. Sie weist sogar drei Straßen als „Fahrradstraßen“ aus, allen voran die Brunnenstraße in der Altstadt. Dort tobt täglich ein stahlharter Kampf zwischen Autofahrern, die Vorschriften missachten, und Radfahrern, die um ihr Leben besorgt sind. Sie müssen oft vom Rad springen oder auf den Gehsteig ausweichen, wo sie Fußgänger bedrängen – weil fahrende und parkende Autos auf der „Fahrradstraße“ keinen Platz mehr für sie lassen.

Typisch das zähe politische Ringen um die Umgestaltung der Innenstadtstraßen Ostersteg, Bürgermeister-Ehrlenholtz-Straße und Friesenstraße. Dort soll – kurz gesagt – Radfahrern mehr Platz eingeräumt werden. Dafür müssen einige Parkplätze weichen, die in der Nähe jedoch neu entstehen. Einzelhändler, zumindest führende Vertreter, sehen ihre Geschäfte deshalb vor dem Ruin. Übrigens mit fast den gleichen Argumenten, mit denen ihre Vorgänger vor 40 Jahren den Bau der Fußgängerzone verhindern wollten.

Die Stadt schreibt in ihrem Konzept, den Radverkehr bis 2025 um ein Drittel zu erhöhen. Das klappt nur, wenn es schneller, bequemer und nützlicher ist, mit dem Rad statt mit dem Auto in die Innenstadt zu fahren. Wie man es macht, zeigen die Holländer, vorbildlich die Stadt Groningen.

 

Der Beitrag wurde am Montag, den 1. Juli 2019 um 09:39 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Buntes Leben, Politik, Wirtschaft abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

Kommentarfunktion ist deaktiviert

Leer_Zeichen is powered by WordPress | WP.de Beiträge (RSS) und Kommentare (RSS)