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Kleine Kliniken kranken

Krankenhäuser sind sehr teuer. Ein Grund sind die rapiden Fortschritte der Medizin in den vergangenen Jahrzehnten, die nicht für einen Schnäppchenpreis zu haben sind. Krankenhäuser haben mit ärztlichem Handwerk und medizinischer Hochleistungstechnik zu tun – und bewegen gleichzeitig die Gemüter. Im Zweifelsfall geht es dort um Leben oder Tod.

Deshalb wirbelt eine Studie des Berliner Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES), finanziert von der Bertelsmann-Stiftung, viel Staub auf. Der Vorschlag: Glattweg 800 der insgesamt 1400 Kliniken zu schließen. Das werde die Qualität der Versorgung verbessern und Engpässe bei Ärzten und Pflegepersonal mildern, meint die Studie.

Tatsächlich leiden viele Krankenhäuser unter hohen Verlusten, so dass sie kaum investieren können. Dummerweise trifft es in der Regel kleine Kliniken, die meistens  in der Provinz liegen. Kritiker der Studie fürchten deshalb, dass die Randregionen noch weiter ins Abseits geraten, wenn ihre Kliniken dicht machen.

Zu den Randregionen gehört Ostfriesland. Vor allem im Landkreis Aurich und in der Stadt Emden diskutieren Landespolitik,  Krankenhausträger, Parteien und Bürger schon länger über Krankenhausprobleme. Eine umstrittene Fusion steht bevor. Der Landkreis Leer jedoch hat seine Klinik-Hausaufgaben gemacht und muss nichts befürchten: Leer gestärkt, Weener und Borkum gerettet.

Um  Probleme besser einordnen zu können, hilft ein Blick auf die Qualitätsmerkmale, die der Studie zu Grunde liegen: Eine gesicherte Notfallversorgung, Facharztbereitschaft rund um die Uhr, Erfahrung und Routine des medizinischen Personals und angemessene technische Ausstattung.

Die Studie kommt zu dem Schluss, und daran gibt es kaum Zweifel: Diesen Anforderungen  werden viele Kliniken nicht gerecht. Besonders kleinen Häusern auf dem Lande fehlt es oft an erfahrenem Personal und moderner Technik. Bei einem Herzinfarkt müsse man etwa  Linksherzkatheter-Untersuchungen vornehmen. Mehr als 60 Prozent der Krankenhäuser haben aber keinen Linksherzkatheter-Messplatz.

Das Klinikum des Landkreises Leer hat bereits vor etlichen Jahren diese Technik angeschafft. Bekanntlich vergrößert, erweitert und erneuert der Landkreis sein Krankenhaus schon seit gut anderthalb Jahrzehnten. Es schreibt als eines der wenigen Häuser im Nordwesten schwarze Zahlen.

In Leer steht, bemerkenswert für eine 33.000-Einwohner-Kreisstadt, mit dem katholischen Borromäus-Hospital noch eine zweite Klinik von respektabler Größe. Kommen auf Dauer zwei Kliniken in Leer über die Runden, ist eine engere Zusammenarbeit möglich, nötig oder überhaupt erwünscht, braucht Leer zwei Häuser? Diese Fragen drängen sich automatisch auf, können hier jedoch nicht beantwortet können. Eine Hürde ist möglicherweise der mentale Unterschied der Träger Landkreis Leer und katholische Kirche.

Grundsätzlich müssen Randgebiete vor strukturellem Kahlschlag auf der Hut sein. Wohnortnahe gute medizinische Grundversorgung und vertretbare Spezialisierung ist nötig und darf nicht dem Rotstift zahlengesteuerter Betriebswirte zum Opfer fallen. Die  Gesundheitspolitik muss ihrem Namen gerecht werden, damit Menschen lange gesund bleiben und möglichst spät mit dem Krankenhaus in Berührung kommen. Anders gesagt: Ziel ist, dass die Menschen gesünder sterben.

 

Der Beitrag wurde am Samstag, den 20. Juli 2019 um 12:28 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Politik, Wirtschaft abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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