Archive for August, 2019

Ganz großes Kino

Montag, August 19th, 2019

Zwei Festivals für klassische Musik gleichzeitig im Sommer im kleinen Ostfriesland – die „Gezeitenkonzerte“ und der „Musikalische Sommer“. Jeweils mit mehr als 30 Konzerten. Einmalig. Und beide strahlen weit über die Grenzen, der NDR und der Deutschlandfunk schneiden einige Konzerte mit und senden sie, gelegentlich sogar direkt. Mit solch einem Angebot wartet kaum eine andere ländliche Region vergleichbarer Größe auf.

Veranstalter der „Gezeitenkonzerte“ ist die Ostfriesische Landschaft, den „Musikalischen Sommer“ trägt eine gemeinnützige GmbH unter Führung der Musikerfamilie König aus Aurich. Seit 1983 gibt es den „Musikalischen Sommer“, gegründet und künstlerisch geleitet von Wolfram König in Aurich, mittlerweile gestorben.

2008 schließen König und die Landschaft einen Vertrag zur Zusammenarbeit, um das Festival auf stabilere Füße zu stellen. König kümmert sich um die Kunst, die Landschaft um die Organisation. Aber das Glück endet schnell. 2011 kommt es zum erbitterten Streit um Geld und Kompetenzen, der vor Land- und Oberlandesgerichten ausgefochten wird. Das Ende vom Lied: Familie König macht allein weiter mit ihrem „Musikalischen Sommer“, die Landschaft gründet die „Gezeitenkonzerte“, die jetzt zum achten Mal über die Bühne gingen.

Die wichtigsten Förderer unterstützen die „Gezeitenkonzerte“. Hauptsponsor ist die Ostfriesische Landschaftliche Brandkasse. Mit von der Partie sind die Ostfriesischen Volksbanken, EWE-Stiftung, Stiftung Niedersachsen, Aloys-Wobben-Stiftung, Dirks Group, Enova, Elektrotechnische Werke Rolf Janssen, Frisia Möbelteile oder Thiele Tee. VW stellt Fahrzeuge bereit, das Land  Niedersachsen und der NDR fehlen nicht.

Hauptförderer des „Musikalischen Sommers“ ist die Aloys-Wobben-Stiftung. Dahinter steht der Windenergie-Konzern Enercon. Außerdem zählen  Unternehmen wie Upstalsboom-Hotels, Silomon-Mode, Fenster- und Türentechnik Schüt-Duis, Apotheker Russell, der NDR und das Land zu den Förderern oder Partnern. Schon der Vergleich der Förderer lässt ahnen, dass der „Musikalische Sommer“ für die Familie König ein finanzieller Kraftakt ist, der schwer zu stemmen ist. Sie hat dies sogar öffentlich anklingen lassen.

Die „Gezeitenkonzerte“ haben schon wegen der größeren Zahl potenter Sponsoren finanziell mehr im Rücken. Außerdem trägt das Eintrittsgeld zur Finanzierung der Konzerte bei. Die Landschaft stellt ihre Infrastruktur und das Personal zur Verfügung.

Beide Veranstalter haben Fördervereine an ihrer Seite. Die Landschaft zählt mehr als 700 Fördervereinsmitglieder, die ein Vorkaufsrecht haben. Das führt bereits zum Verdruss mancher Musikfreunde, die nur noch schwer an Karten kommen. Hält der Zulauf zum Verein  an, besteht die Gefahr einer geschlossenen Gesellschaft. Das kann sich eine Körperschaft öffentlichen Rechts wie die Landschaft nicht erlauben.

Wie auch immer: Ostfriesland kann sich der ungewöhnlichen Fülle hochklassiger Konzerte glücklich schätzen. Auch das Rheiderland profitiert in diesem Jahr wieder durch Konzerte in Kirchen in Weener und Ditzum sowie im Steinhaus Bunderhee. Nicht zu vergessen das grandiose Abschlusskonzert in Bunderhee auf dem „Polderhof“ von Helmuth Brümmer (Enova), der den Reitstall für 1.400 Zuhörer wieder zu einem hervorragenden Musiksaal umfunktioniert hat. Ganz großes Kino.

Neues aus dem Sommerloch

Sonntag, August 11th, 2019

Auch dieser Sommer hat ein Loch. Doch ausnahmsweise hat es  nichts mit dem Klima zu tun, jedenfalls nicht direkt. Das Sommerloch steht für eine nachrichtenarme Zeit. Manche Medien berichten dann über Ereignisse und Personen, für die sonst keine Zeit oder Platz ist,  oder melden vermeintliche Sensationen ohne Nachrichtenwert.

Sie berichten lang und breit über junge Seehunde, die wieder in der Nordsee ausgesetzt werden – und nennen sie sogar mit Namen. Oder lassen sich lang und breit darüber aus, ob sie Katzen mögen oder nicht. Im Vergleich dazu war einst die Schnapsidee eines CSU-Politikers, Mallorca zum damals 17. Bundesland zu machen, noch Gold wert.

Aber der Sommer treibt so seine Blüten. Wie auch anders. Die Bundesliga pausiert seit Monaten, die Parlamente ruhen, Schulen machen Ferien, Betriebe machen – nun ja – Betriebsurlaub, „Anne Will“ und Co. lassen sich nicht mehr blicken, „Tatorte“ sind nur Wiederholungen, Gaming-Shows verzichten auf neue Folgen.

Und Lobbyisten und Politiker, die nicht dauernd im Vordergrund stehen, erliegen der Versuchung, das Sommerloch zu füllen. Mit leeren Döschen. So fordern sie höhere Steuern für alles Mögliche, um damit das Klima zu retten. Klima ist ohnehin der Renner.

Die Kurve zum Klima schafft auch unsere Bundestagsabgeordnete Gitta Connemann aus Hesel, eine virtuose Füllerin des Sommerlochs. Die CDU-Politikerin behelligt sogar Bundestagspräsident Schäuble damit. Sie bittet ihn in einem Brief, dafür zu sorgen, dass im Restaurant und den Kantinen des Bundestags deutsches Fleisch und Gemüse auf die Tische kommt. 

Eine FDP-Abgeordnete hat sich neulich über den hohen Auslandswarenanteil auf der Speisekarte mokiert, ein Bauer aus Schleswig-Holstein wetterte darüber in einem Video auf Facebook, die Bild-Zeitung füllte damit ihr Sommerloch und trompetete „Nicht ein einziges Stück Fleisch aus Deutschland“. Gitta Connemann sprang jetzt auf diesen Zug, den „Bild“ aufs Gleis gesetzt hatte. Nach einem Blick in alle möglichen Medien kann sie sich über den Erfolg ihrer Übung freuen. Viele berichten.

Schäuble ist natürlich nicht Chef der Kantinen. Diese betreibt pachtweise ein Caterer, der sagt, dass 20 Prozent der Speisen aus deutschen Landen sind. Frau Connemann macht das „fassungslos“. Nach ihrer Ansicht und der des Landwirtschaftlichen Hauptvereins für Ostfriesland hat der Bundestag hier eine Vorbildfunktion. Sie bedeutet: Deutsche Lebensmittel auf den Tisch.

Frau Connemann schiebt noch das Klima nach: „Der CO2-Fußabdruck von importierten Lebensmitteln ist viel höher als von deutschen.“ Wohl wahr, und nichts gegen deutsche Lebensmittel. Im Gegenteil. Aber ein großer Teil unserer Agrarproduktion wandert ins Ausland. Hoffentlich entdecken die Kunden in aller Welt nicht den Fußabdruck.

Aber wir können beruhigt sein. Frau Connemann hatte das Sommerloch im Blick. Wie vor einem Jahr, als sie eine Pflichtberatung fürs Tattoo-Stechen forderte und für November 2018 (!) einen Tattoo-Gipfel ankündigte, mit Tattoo-Verbänden, Farb-Herstellern,  Wissenschaftlern, Ministerien, Krankenkassen und Medizinern. Dazu hieß es im vorigen September an dieser Stelle: „Wir sind gespannt, ob die Pflichtberatung für Tattoos den Sprung vom  Sommerlochthema zu einem ernsthaften politischen Vorgang schafft.“ Hat jemand etwas davon gehört?

Schwarzgeld lacht

Montag, August 5th, 2019

Der Teufel steckt im Detail. So auch in diesem Fall. Ellenlang lobhudelt ein Journalist in seinem „Travellerblog“ im Internet die Insel Juist als „mein geliebtes Töwerland – endloser Strand, Ruhe und einfach wunderschön.“

Trotz bester Reklame bringt er Juist ins Gerede – mit einem einzigen Satz. Nach einem Restaurant-Besuch fragt der Kellner: „Bar oder mit Karte?“ Eine Alltagsfrage, doch nicht überall. Der Journalist notiert: „Kartenzahlung ist auf Juist leider an vielen Orten verpönt.“

Damit schlägt er Wellen. Denn die Gastronomie als bargeldintensive Branche steht bei Schwarzgeld unter Generalverdacht. Das ist eine steile Behauptung, aber nur von wenigen schwarzen Schafen zu sprechen wäre untertrieben. Juist ist überall, auch in Leer oder sonst wo.

Zwar verlangt die Bundesregierung seit 2017 manipulationssichere Registrierkassen, die Schwarzgeldumsätze verhindern sollen – von der Gastronomie, vom Handel und  Dienstleistern, die Bargeschäfte abwickeln.  Nicht alle halten sich daran. Und es gibt  Manipulations-Software, die Schwarzgeld-Umsätze sogar steigen lässt. Schließlich ist die Software einer Kasse unabhängig vom Hersteller genauso manipulierbar wie der Abgaswert eines Autos.

Ein Insider: Früher hätten Kassen die Tagesumsätze zwischen zehn und fünfzehn Prozent (um nicht auffällig zu werden) mit einer Software automatisch nach unten geregelt. Heute werde, falls nicht technisch getrickst wird, offiziell weniger Ware eingekauft und somit auch weniger über die Kasse verkauft. „Nix Kasse, in Tasche“, beschreibt er das Prinzip. Denn was nicht in der Kasse „gebongt“ wird, juckt die Kasse auch nicht – sie muss also gar nicht erst manipuliert werden. Eine Kasse, die nicht genutzt wird, ist eine gute Kasse.

Besonders verdächtig machen sich Gastronomen und andere Dienstleister, die keine Girocards oder Kreditkarten akzeptieren – mit fadenscheinigen Argumenten wie „schwaches Internet“, „hohe Gebühren“ oder „Kunden legen keinen Wert darauf“. Hotels akzeptieren in der Regel elektronische Karten. Aber merkwürdig ist es schon, wenn Gäste hohe Übernachtungskosten bar bezahlen. So lässt sich Schwarzgeld waschen.

Übrigens: Geschummelt wird nicht nur in der Gastronomie. Wer kennt das nicht? „Brauchen sie eine Rechnung? Ohne Rechnung kann ich die Mehrwertsteuer wegelassen.“ Und wer  achtet nach einem Lokalbesuch schon auf eine korrekt registrierte Rechnung? Bei Kartenzahlung muss der Wirt vorsichtig sein, denn der Geldfluss ist vom Finanzamt leichter zu verfolgen. Bei Bargeld kann er mit Pseudorechnungen hantieren.

Geprüft werden kleinere Betriebe bei uns sehr selten, und die Prüfer müssen sich anmelden. Statistisch schauen sie alle Jubeljahre mal in die Bücher, so lange existieren viele Betriebe gar nicht. Die zuständigen Bundesländer investieren wenig in Prüfer. Denn sie zahlen deren Gehalt, müssen von zusätzlichen Steuereinnahmen  aber bis zu 90 Prozent im Länderfinanzausgleich abliefern.

So ist der Ehrliche auch hier der Dumme. Weil die Konkurrenz in der Gastronomie groß ist und die Gewinnmargen klein sind, kann sich der Ehrliche nur schwer gegen Trickser behaupten. Ohne staatliche Kontrolle sind die Freunde des Schwarzgeldes im Vorteil.