Archive for September, 2019

Einst ein Traumberuf

Sonntag, September 29th, 2019

Lokführer fehlen an allen Ecken und Enden. Aus dem Traumberuf früherer Jungen-Generationen entwickelte sich ein Mangelberuf, der auch in Ostfriesland zu spüren ist. Zugausfälle häufen sich. Hauptgrund? Es fehlen Lokführer – was bei den vielen technischen Unzulänglichkeiten im Bahnverkehr häufig übersehen wird.

Allein die Deutsche Bahn als Marktführer braucht bis zu 1500 Lokführer. Bei den Privat-Anbietern im Regionalverkehr sieht es nicht besser aus. Die Nordwest-Bahn, rings um Ostfriesland unterwegs, lässt regelmäßig Züge ausfallen und musste deshalb dem Land Niedersachsen schon Strafgeld in Millionenhöhe überweisen.

Der Lokführermangel liegt nicht unbedingt daran, dass die Bahnfirmen kein Personal einstellen. Ihre Zahl ist um mehr als 3000 auf gut 30.000 gestiegen. Aber immer mehr Menschen fahren mit der Bahn (oder mit Bussen), neue Linien werden eingerichtet, alte öfter befahren, auch abends oder an Wochenenden. Dafür braucht man mehr Personal. Hinzu kommen kürzere Arbeitszeiten und mehr Urlaub.

Der Arbeitsmarkt jedenfalls ist leergefegt. Was tun die Firmen dagegen? Die Deutsche Bahn bildet selbst aus. Außerdem lernen Lokführer als Quereinsteiger den Beruf bei privaten Bildungsträgern. Demnächst auch in Aurich, wo die Dispo-TF Education 15 Umschüler in knapp einem Jahr für die Lok fitmachen will. Die Firma sieht in Ostfriesland einen guten Markt. Sie hat namentlich ehemalige Werftarbeiter im Auge, weil diese eine technische Ader haben. Für jüngst bei VW ausgeschiedene befristet Beschäftigte könnte der Umstieg auf die Lok ebenfalls interessant sein. Die Kosten für Umschüler zahlt das Arbeitsamt.

Wie wird man eigentlich Lokführer? Klassisch ist eine dreijährige Ausbildung zum „Eisenbahner im Betriebsdienst – Fachrichtung Lokführer und Transport“. Voraussetzung ist mindestens der Hauptschulabschluss. Um den Mangel schnell zu beheben, setzen Bahnunternehmen verstärkt auf den Quereinstieg. Die Ausbildung dauert dann neun bis elf Monate. Mitzubringen ist eine abgeschlossene Berufsausbildung, möglichst technischer Richtung.

Um die Lücken zu füllen, bietet die Deutsche Bahn auch Studienabbrechern, Zeitsoldaten oder über 50-Jährigen eine Job-Chance, sofern sie gesund sind, ausreichend sehen und hören können. Während dieser sogenannten Funktionsausbildung kommt man bei der Bahn auf ein Gehalt von 30 000 Euro pro Jahr, plus Zulagen für Nacht- und Wochenendarbeit. Die klassischen Azubis erhalten zwischen 900 und 1100 Euro im Monat. Ein ausgebildeter Lokführer erhält nach Bahn-Angaben zwischen 38 000 und 50 000 Euro. Aufsteigen kann man zum Meister, Disponenten oder auch Ausbilder.

Der Lokführer-Beruf ist zumindest körperlich nicht schwer, kein Vergleich zu längst vergangenen Dampflokzeiten. Und die Ausbildung oder Umschulung hat einen nicht zu vernachlässigenden Vorteil: Die nahtlose Übernahme nach bestandener Prüfung ist garantiert. Trotzdem treten nicht alle die Arbeit an. Das bestätigt die Bundesregierung auf die Kleine Anfrage eines Grünen-Abgeordneten. Dieser wirft der Bundesagentur für Arbeit vor, nicht genau zu prüfen, ob die Umschüler zum Beruf passen. So stelle sich heraus, dass die Arbeitszeiten nicht zu einer alleinerziehenden Mutter oder die Belastungen nicht zu einem Arbeitslosen mit kaputten Bandscheiben passen.

Das neue Auge des Herrn

Montag, September 23rd, 2019

Zwei Welten prallten aufeinander – wie im Alltag.  „Das Auge des Herrn mästet das Vieh im Stall“, zitierte der stellvertretende Vorsitzer des Kreislandvolkverbandes, Weert Beening aus Esklum, eine alte tierethische Haltung, die heute noch gilt. Aber er führte sie als Waffe gegen die Digitalisierung, speziell in der Landwirtschaft.

Dann zeigte die 28-jährige Landwirtin Bettina Meinders aus Klostermoor, was das Auge des Herrn in ihrem Kuhstall sieht: Vier Melkroboter, mit denen sie den 270-Milchvieh-Hof mit ihren Eltern und ihrem Bruder managt – effizient, sauber und dem Tierwohl zugetan. Neun Apps hat sie auf dem Smartphone, mit dem sie von überall auf den Computer im Stall zugreifen und den Zustand der Tiere erkennen kann. Bettina Meinders demonstrierte bei der 2. Digitalen Woche des Landkreises in Leer eindrucksvoll, wie Digitalisierung in der Landwirtschaft funktionieren kann.

Während ihr Berufskollege Beening sagt, „Landwirtschaft bleibt analog“, arbeitet zum Beispiel das landwirtschaftliche Lohnunternehmen Frieling in Kleinoldendorf in der digitalen Welt, wie Geschäftsführer Garrelt Eihusen berichtete. Kein Treckerfahrer ist ohne iPad unterwegs, ohne Funk oder Internet ziehen sie keine Furche, säen kein Saatkorn und spritzen keinen Liter Unkrautvernichtungsmittel.

Staatssekretär Dr. Hermann-Onko Aeikens vom Bundeslandwirtschaftsministerium, aufgewachsen in Weener-Kukelborg, pries die Chancen der Digitalisierung: „Wir brauchen 5G und Breitband an jeder Milchkanne und jeder Ackerfurche.“ Die Landwirtschaft müsse  „nachhaltiger und mehr produzieren“. Das gehe nur mit digitaler Hilfe. Ernährung, Pflanzenschutz, Tierwohl, Insektenschutz und Effizienz sind Stichworte.

Was für die Landwirtschaft gilt, trifft für fast alle Lebens- und Wirtschaftsbereiche zu. Die 2. Digitale Woche, ausnahmslos gut besucht, konzentrierte sich auf ethische und grundlegende Fragen der digitalen Bildung, der Gesundheitswirtschaft, der maritimen Wirtschaft, der öffentlichen Verwaltung und der Landwirtschaft.

Künstliche Intelligenz (KI) nahm breiten Raum ein. Professoren machten an Beispielen klar, wie weit sie schon fortgeschritten ist. KI bedeutet, die rasant wachsende, unvorstellbar große Datenmenge sinnvoll und damit nutzbar miteinander zu verknüpfen. Zum Beispiel in Medizin und Altenpflege. „KI ist ein Tool, ein Instrument, nicht einem Menschen gleichzusetzen“, sagt Ethikprofessor Stefan  Heinemann von der Hochschule Essen. Gut genutzt, verschaffe KI dem Arzt mehr Zeit für richtige Medizin und Pflegern für gute Pflege: „Wenn wir die KI in der Medizin nicht nutzen, trocknen wir die Versorgung aus“.

Professor Tobias Kollmann, Uni Duisburg-Essen, belegte, dass „Digitalisierung im Kopf beginnt und nicht im Computer.“  Sein Kollege Gerrit Heinemann, Hochschule Niederrhein, hält „Digitalisierung für alternativlos – auch für die Unternehmen in Leer“. Beide sind sich einig mit Professor Christoph Igel vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz: „Kein Geld der Welt bringt die Digitalisierung voran, sondern nur Willen und Haltung.“ Da gibt es noch viel zu tun, besonders in der digitalen Bildung. Professor Igel verriet: 60 Prozent der deutschen Lehrer lehnen digitalisierten Unterricht ab. Das sei international der höchste Ablehnungsgrad.

Zerbröselt

Montag, September 16th, 2019

Wie ein Zwieback unter dem Hammer zerbröselte am 15. September 2019 in Emden eine politische Gewissheit: Emden ist SPD. Doch sie bekam in ihrer Hochburg keinen Fuß auf den Boden. Ihr Oberbürgermeisterkandidat Manfred Eertmoed verkümmerte bei 16 Prozentpunkten, der parteilose Bewerber Tim Kruithoff triumphierte bei insgesamt acht Kandidaten mit mehr als 75 Prozentpunkten.

Normalerweise streichen SPD-Oberbürgermeister in Emden mindestens 60 Prozentpunkte ein. Deshalb ist das Ergebnis eine Demütigung. Ursachen gibt es mehrere, keine steht für sich allein – die Summe macht es. Eines jedoch lässt sich ausschließen: Es ist kein Betriebsunfall.

An einen klaren Sieg für die SPD hat in Emden zwar keiner geglaubt, denn einen Dämpfer hatte es schon bei der letzten Kommunalwahl gegeben. Und überhaupt hat die SPD zurzeit eine schlechte Konjunktur. Trotzdem sahen die übrigen Parteien in Emden für sich kein Land, denn CDU, Grüne, FDP und Wählergemeinschaft verzichteten auf eigene Kandidaten.

Stattdessen unterstützten sie – politisch und finanziell – den parteilosen Tim Kruithoff, der bei der Emder Sparkasse die Privatkreditabteilung leitet. Politisch ist er ein leeres Blatt Papier, war nie in einem Gemeinderat oder einer Partei aktiv. SPD-Mann Eertmoed ist Verwaltungsfachmann und seit acht Jahren Bürgermeister in Hinte. Die SPD stellte deshalb seine fachlichen Qualitäten heraus. Doch das zog nicht.

Die geballte Opposition nutzte geschickt die unterschwellige Unzufriedenheit in Emden mit der ewig regierenden SPD. Es war kein Wahlkampf gegen Eertmoed, sondern gegen die SPD.

Der Unmut vieler Emder kommt jedoch nicht von ungefähr. Mit Oberbürgermeister Alwin Brinkmann trat vor acht Jahren der letzte charismatische Kommunalpolitiker ab. Seinem Nachfolger Bernd Bornemann waren die Schuhe zu groß. Es war ein Fehler, vor Jahren Bornemann dem damaligen Bewerber und heutigen erfolgreichen Bundestagsabgeordneten Johann Saathoff vorgezogen zu haben.

Erschwerend hinzu kommt, dass der langjährige Landtagsabgeordnete und Vorsitzende der Stadtratsfraktion Hans-Dieter Haase sich mehr und mehr der Realität in der Arbeiter- und Hafenstadt enthob. Wirtschaftspolitisch läuft es mau im Rathaus. Das Industrie- und Hafenprojekt Rysumer Nacken bekommt man einfach nicht auf die Reihe.

Zwei alte Stützen der SPD in Emden – die Arbeiterwohlfahrt (Awo) und die IG Metall – wirken eher kontraproduktiv. Die Awo steckt seit langem in Turbulenzen und neulich wurde bekannt, dass ihr altes Aushängeschild Willy Grix den Staatsanwalt im Nacken hat. Die IG Metall hält eher Abstand vom früheren Bündnispartner SPD. Und der 20-Prozent-Krankenstand bei VW hat auch damit zu tun, dass die IG Metall die Arbeiter nicht mehr voll hinter sich weiß. Das färbt auf die SPD ab.                                        

Der neue Oberbürgermeister Kruithoff füllt das Vakuum, das die SPD ihm lässt. Er führte einen geschliffenen Wahlkampf, der offensichtlich nach dem Plan einer erfahrenen Werbeagentur ablief. Jetzt muss Kruithoff liefern. Der grandiose Sieg verpflichtet. Er ist zwar parteilos, aber ob er auch unabhängig ist, wie er betont, wird sich erweisen. CDU, Grüne, FDP und Wählergemeinschaft werden ihn schon daran erinnern, wer ihm in den Sattel geholfen hat.

Schönheit mit Makeln

Samstag, September 7th, 2019

Juwel, Perle, Schönheit – so preisen Einheimische und Touristen die historische Altstadt in Leer. Zu Recht. Der Stadtteil zwischen Hafen und Gallimarktplatz mit Brunnen- und Rathausstraße zieht immer mehr Touristen an. Sie reisen an mit Fahrrad, Pkw, längst auch in Bussen und mit der Bahn. Seit einiger Zeit legen sogar Fluss-Kreuzfahrt-Schiffe in Leer an. Kurzum: Leer lockt.

Leer ist seit langem Einkaufsstadt Nummer eins in Ostfriesland. Das hängt natürlich mit dem  Einkaufsangebot zusammen, aber das Ambiente trägt seinen Teil bei – mit der Hafenpromenade und der pittoresken Altstadt mit ihren Gassen und Backsteinhäusern.

Das Bild stimmt. Aber hinter den Kulissen spiegelt sich die Harmonie nicht wider. Kaufleute in der Altstadt und der Fußgängerzone (Mühlenstraße) streiten sich seit Jahren – sehr unproduktiv. Das saugt Kraft und steht einer gemeinsamen Marketing-Strategie im Weg. Obwohl sie nötig wäre.  

Altstadt-Kaufleute haben sich schon vor Jahren von der Werbegemeinschaft Leer abgespalten. Sie treffen sich in der Interessengemeinschaft „Gute Adressen“. Außerdem mischt der Verein „Freunde der historischen Altstadt“ mit, der Kulturarbeit auf seine Fahnen schreibt. Beide Gruppen vereinbarten vor einigen Monaten, stärker zusammenzuarbeiten. Aber der Versuch scheiterte. Zusammengefasst: Die Kaufleute der Werbegemeinschaft und der Altstadt sind sich nicht grün; und innerhalb der Altstadt kommen die „Guten Adressen“ und die Freunde der Altstadt auch nicht auf einen Nenner.

Der zweite Punkt ist misslich, aber wiegt nicht so schwer wie der erste. Woran liegt es, dass Werbegemeinschaft und Altstadt nicht zusammmenfinden? Persönliche Animositäten mögen eine Rolle spielen, aber dürften eine professionelle Zusammenarbeit nicht verhindern. Deshalb wiegen stark unterschiedliche Interessen schwer. Ein kleiner Laden in der Altstadt ist eben etwas ganz anderes als ein großer in der Fußgängerzone.

Die Touristikinformation der Stadt Leer beschreibt das Problem unbewusst auf ihrer Homepage, wo es im letzten Satz unter „Einkaufen mit Flair“ heißt: „Aber auch die Altstadt mit ihren kleinen individuellen Läden lädt zum Stöbern und Bummeln in einer wunderschönen Atmosphäre ein.“ Wunderbar, aber dummerweise kommt ein Kaufmann mit  Stöbern und Bummeln nicht über die Runden.

Die Läden in der Altstadt sind klein, was sie fürs Auge des Betrachters reizvoll macht. Andererseits hängt Umsatz auch mit Fläche zusammen. Die Altstadt-Kaufleute sind in der Regel Einzelkämpfer – und nicht selten Idealisten. Nach dem Motto, etwas zugespitzt: Lieber arm, aber dafür mein eigener Herr.

Die Pachten in der Altstadt erreichen fast das hohe allgemeine Leeraner Niveau. Allein um die Pacht zu erwirtschaften, muss der Kaufmann ziemlich Umsatz machen. Und dann muss er vom Gewinn ja auch noch leben. Die Plackerei grenzt gelegentlich an Selbstausbeutung. Denn der Laden wirft nicht genug ab. Deshalb wechseln die Betreiber ziemlich häufig. Auf Sicht überleben in der Altstadt überwiegend gastronomische Betriebe, Spezialhandel und Kunsthandwerker, die bei flauen Ladenzeiten ihrem Handwerk nachgehen und die Produkte direkt verkaufen.

Im Rathaus fehlt es an einem schlüssigen Marketing-Konzept. Andere Städte beschäftigen dafür starke Stadtmanager.

Borkums schwere Last

Samstag, September 7th, 2019

Borkum ist eine schöne Insel, wo viele Urlaub machen. Aber auf Borkum lastet auch eine Hypothek, die aus dem auslaufenden 19. Jahrhundert datiert und formal 1945 mit dem Untergang des Nazi-Reichs endet. Nachfahren tragen die Hypothek langsam ab. Sichtbares Zeichen ist ein Mahnmal aus dem Jahr 2014.

Borkum steht für den „Bäder-Antisemitismus“. Die Insel setzt sich früh mit aktiver Judenfeindschaft an die Spitze. Sie rühmt sich als erste in Deutschland gleich nach dem 1. Weltkrieg als „judenfrei“ und macht damit Reklame. Der Hamburger Historiker Frank Bajohr dokumentiert dies in einem Buch über den Bäder-Antisemitismus. Wegen aktueller  Übergriffe gegen Juden in Deutschland findet es wieder Aufmerksamkeit.

Borkum war ein Synonym für Judenfeindlichkeit. Der Kurort Zinnowitz eiferte den Ostfriesen als „Borkum der Ostsee“ nach. Laut Bajohr „mutierte die Insel zeitweise zum antisemitischen Tollhaus, das reichsweit Aufsehen erregte“. 1935 wirbt sie gar mit ihrer “rasseformenden Nordseeheilkraft“. Ausnahme unter den „judenfreien“ Inseln Ostfrieslands ist nur Norderney.

Als Ursache des Bäder-Antisemitismus beschreibt Bajohr den Sozialneid. Borkum mit damals schwacher touristischer Infrastruktur hebt sich damit bewusst von Seebädern wie Norderney ab, wo Adlige und weltoffenes höheres Bürgertum sich aufhalten, darunter wohlhabende Juden. „Arme“ Bäder nutzen die Judenfeindschaft ihrer Gäste aus dem Milieu der kleinen und mittleren Beamtenschaft gezielt aus und kitzeln deren Sozialneid. Judenfeindschaft als Wirtschaftsfaktor. Ein Erfolg.

Die Judenfeindschaft Borkums geht auch in die Justizgeschichte ein. Der Borkumer Gemeinderat spricht sich 1919 gegen ein Verbot des „Borkum-Liedes“ aus, das Gäste damals jeden Tag singen:  „An Borkums Strand nur Deutschtum gilt, nur deutsch ist das Panier//..// Doch wer dir naht mit platten Füßen, mit Nasen krumm und Haaren kraus, / der soll nicht deinen Strand genießen. Der muß hinaus, der muß hinaus! Hinaus“. Die kommunale Kurkapelle spielt die Melodie.

Der Regierungspräsident in Aurich lässt die Borkumer gewähren. Doch Gustav Noske, SPD, Oberpräsident der preußischen Provinz Hannover,  weist 1920 das Rathaus an, der Kapelle das Abspielen der Melodie zu verbieten. Das kümmert die Borkumer nicht. Der Emder Landrat Bubert, SPD, geht dann polizeilich gegen die Kapelle vor und entlässt den Kurdirektor, der dagegen klagt. Das Amtsgericht Emden sieht im Verbot und in der Entlassung eine „vollendete Rechtsbeugung“. In einer einstweiligen Verfügung untersagt es dem Staat Preußen bei Androhung von 100.000 Goldmark Strafe, das Musizierverbot durchzusetzen. Das Preußische Oberverwaltungsgericht bestätigt das Urteil.

Das ist Wasser auf die Mühlen des Borkumer lutherischen Pastors Ludwig Münchmeyer, eines antisemitischen Hasspredigers. 1926 entlässt ihn die Landeskirche. Das Schöffengericht Emden bestätigt in einem Urteil sexuelle Übergriffe des Pastors, später erfolgreicher NSDAP-Redner und Mitglied des Reichstags. 

E-mobil auf dem Land

Samstag, September 7th, 2019

Ostfriesland bietet sich an als Modell für die Mobilitätswende. Spinnerei? Total überzogen? Im Gegenteil. Starke Argumente sprechen dafür. Aber mehr Ladestationen, wie der  parlamentarische Staatssekretär Ferlemann jetzt vorschlug, ergeben kein Modell. Sie sind das Mindeste.

Autos mit Elektromotoren kommen, vielleicht auch mit Wasserstoffantrieb  (Brennstoffzellen). Sicher ist: Die Bundesregierung erreicht die Klimaziele nur, wenn der CO2-Ausstoß gesenkt wird. Dabei geht an Autos kein Weg vorbei.

Ohnehin muss die Mobilität neu geordnet werden, weil zu viele Autos unterwegs sind. E-Autos beschleunigen den Wandel wegen der Klimaprobleme. Die Politik nähert sich dem Thema – bisher nicht strategisch, sondern höchstens punktuell. Ein Beispiel: Verkehrsminister Scheuer will Busspuren für E-Roller und Pkw mit mindestens drei Insassen freigeben. Was immer man davon hält: Scheuer blickt wie alle, die über Mobilität reden, durch die Brille der Städter.

Dabei lassen sich Mobilitäts-Probleme in Städten leichter lösen. Dort muss vorrangig  das Gewusel von Autos, Bussen, Fahrrädern und E-Tretrollern intelligent gesteuert werden.  Städter kommen schon heute ohne Auto aus, zumindest ohne eigenes. Auf sie wartet Car-Sharing an allen Ecken. Ostfriesen jedoch, auf dem Land oder in Kleinstädten, sind aufs Auto angewiesen. Der öffentliche Nahverkehr tut sich schwer und mit dem Fahrrad oder zu Fuß sind viele Wege zu weit.

Unabhängig davon wird das Auto bald nicht mehr mit Benzin- oder Dieselmotor, sondern mit einer Batterie bewegt. Deshalb passt Ostfriesland wie maßgeschneidert als Modellregion für E-Mobilität.

Dafür spricht, dass VW sein Passat-Werk in Emden auf E-Autos umrüstet. Noch ein Trumpf: Ostfriesland ist Windstromland, in Produktion und Entwicklung. VW wird den  sauberen Windstrom in seinem Werk konsequent nutzen, so dass Herstellung und Betrieb von E-Autos  aus Emden klimafreundlich mit guter Öko-Bilanz sein werden. Nicht zu vergessen als Stromquellen die Solaranlagen auf den Dächern vieler ostfriesischer Bauernhöfe, Werkhallen und Privathäuser.

Batterien der E-Autos, tagsüber aufgeladen, könnten abends in der Garage für Kühlschrank, Fernseher oder Licht angezapft werden. Das ist keine neue Idee. So sagte 2010 bei der Gründung der Nationalen Plattform Elektromobilität der damalige EWE-Chef Werner Brinker: „Ohne Elektroautos als rollende Stromspeicher segeln wir an den Klimaschutzzielen vorbei.“

Natürlich gibt es noch Vorbehalte gegenüber E-Autos, was sich an mageren Verkaufszahlen ablesen lässt. Zu teuer und zu geringe Reichweite, lauten gängige Gegenargumente. Das Reichweitenargument wird schon schwächer. An die 200 Kilometer pro Tag schafft jedes E-Auto. Mehr fährt man kaum. Schon gar kein Handwerker. Die Zahl der Ladestationen, auch der leistungsstarken, wächst, so dass man weitere Touren wagen kann.

Der Staat könnte in Ostfriesland ideal sogar autonome E-Autos testen, zum Beispiel den Anrufbus. Und in der Modellregion die Kaufprämien für E-Autos erhöhen und so etwas für  Klima und Konjunktur tun. Und das kostenlose Jobticket einführen, das der Arbeitgeber den  Mitarbeitern zusätzlich zum Gehalt zahlt. Es muss sich aber für beide Seiten lohnen. Dann würden mehr Arbeitnehmer mit Bus oder Zug zur Arbeit fahren. Man muss es nur machen.