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Borkums schwere Last

Borkum ist eine schöne Insel, wo viele Urlaub machen. Aber auf Borkum lastet auch eine Hypothek, die aus dem auslaufenden 19. Jahrhundert datiert und formal 1945 mit dem Untergang des Nazi-Reichs endet. Nachfahren tragen die Hypothek langsam ab. Sichtbares Zeichen ist ein Mahnmal aus dem Jahr 2014.

Borkum steht für den „Bäder-Antisemitismus“. Die Insel setzt sich früh mit aktiver Judenfeindschaft an die Spitze. Sie rühmt sich als erste in Deutschland gleich nach dem 1. Weltkrieg als „judenfrei“ und macht damit Reklame. Der Hamburger Historiker Frank Bajohr dokumentiert dies in einem Buch über den Bäder-Antisemitismus. Wegen aktueller  Übergriffe gegen Juden in Deutschland findet es wieder Aufmerksamkeit.

Borkum war ein Synonym für Judenfeindlichkeit. Der Kurort Zinnowitz eiferte den Ostfriesen als „Borkum der Ostsee“ nach. Laut Bajohr „mutierte die Insel zeitweise zum antisemitischen Tollhaus, das reichsweit Aufsehen erregte“. 1935 wirbt sie gar mit ihrer “rasseformenden Nordseeheilkraft“. Ausnahme unter den „judenfreien“ Inseln Ostfrieslands ist nur Norderney.

Als Ursache des Bäder-Antisemitismus beschreibt Bajohr den Sozialneid. Borkum mit damals schwacher touristischer Infrastruktur hebt sich damit bewusst von Seebädern wie Norderney ab, wo Adlige und weltoffenes höheres Bürgertum sich aufhalten, darunter wohlhabende Juden. „Arme“ Bäder nutzen die Judenfeindschaft ihrer Gäste aus dem Milieu der kleinen und mittleren Beamtenschaft gezielt aus und kitzeln deren Sozialneid. Judenfeindschaft als Wirtschaftsfaktor. Ein Erfolg.

Die Judenfeindschaft Borkums geht auch in die Justizgeschichte ein. Der Borkumer Gemeinderat spricht sich 1919 gegen ein Verbot des „Borkum-Liedes“ aus, das Gäste damals jeden Tag singen:  „An Borkums Strand nur Deutschtum gilt, nur deutsch ist das Panier//..// Doch wer dir naht mit platten Füßen, mit Nasen krumm und Haaren kraus, / der soll nicht deinen Strand genießen. Der muß hinaus, der muß hinaus! Hinaus“. Die kommunale Kurkapelle spielt die Melodie.

Der Regierungspräsident in Aurich lässt die Borkumer gewähren. Doch Gustav Noske, SPD, Oberpräsident der preußischen Provinz Hannover,  weist 1920 das Rathaus an, der Kapelle das Abspielen der Melodie zu verbieten. Das kümmert die Borkumer nicht. Der Emder Landrat Bubert, SPD, geht dann polizeilich gegen die Kapelle vor und entlässt den Kurdirektor, der dagegen klagt. Das Amtsgericht Emden sieht im Verbot und in der Entlassung eine „vollendete Rechtsbeugung“. In einer einstweiligen Verfügung untersagt es dem Staat Preußen bei Androhung von 100.000 Goldmark Strafe, das Musizierverbot durchzusetzen. Das Preußische Oberverwaltungsgericht bestätigt das Urteil.

Das ist Wasser auf die Mühlen des Borkumer lutherischen Pastors Ludwig Münchmeyer, eines antisemitischen Hasspredigers. 1926 entlässt ihn die Landeskirche. Das Schöffengericht Emden bestätigt in einem Urteil sexuelle Übergriffe des Pastors, später erfolgreicher NSDAP-Redner und Mitglied des Reichstags. 

 

Der Beitrag wurde am Samstag, den 7. September 2019 um 10:21 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Kultur, Politik abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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