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Schönheit mit Makeln

Juwel, Perle, Schönheit – so preisen Einheimische und Touristen die historische Altstadt in Leer. Zu Recht. Der Stadtteil zwischen Hafen und Gallimarktplatz mit Brunnen- und Rathausstraße zieht immer mehr Touristen an. Sie reisen an mit Fahrrad, Pkw, längst auch in Bussen und mit der Bahn. Seit einiger Zeit legen sogar Fluss-Kreuzfahrt-Schiffe in Leer an. Kurzum: Leer lockt.

Leer ist seit langem Einkaufsstadt Nummer eins in Ostfriesland. Das hängt natürlich mit dem  Einkaufsangebot zusammen, aber das Ambiente trägt seinen Teil bei – mit der Hafenpromenade und der pittoresken Altstadt mit ihren Gassen und Backsteinhäusern.

Das Bild stimmt. Aber hinter den Kulissen spiegelt sich die Harmonie nicht wider. Kaufleute in der Altstadt und der Fußgängerzone (Mühlenstraße) streiten sich seit Jahren – sehr unproduktiv. Das saugt Kraft und steht einer gemeinsamen Marketing-Strategie im Weg. Obwohl sie nötig wäre.  

Altstadt-Kaufleute haben sich schon vor Jahren von der Werbegemeinschaft Leer abgespalten. Sie treffen sich in der Interessengemeinschaft „Gute Adressen“. Außerdem mischt der Verein „Freunde der historischen Altstadt“ mit, der Kulturarbeit auf seine Fahnen schreibt. Beide Gruppen vereinbarten vor einigen Monaten, stärker zusammenzuarbeiten. Aber der Versuch scheiterte. Zusammengefasst: Die Kaufleute der Werbegemeinschaft und der Altstadt sind sich nicht grün; und innerhalb der Altstadt kommen die „Guten Adressen“ und die Freunde der Altstadt auch nicht auf einen Nenner.

Der zweite Punkt ist misslich, aber wiegt nicht so schwer wie der erste. Woran liegt es, dass Werbegemeinschaft und Altstadt nicht zusammmenfinden? Persönliche Animositäten mögen eine Rolle spielen, aber dürften eine professionelle Zusammenarbeit nicht verhindern. Deshalb wiegen stark unterschiedliche Interessen schwer. Ein kleiner Laden in der Altstadt ist eben etwas ganz anderes als ein großer in der Fußgängerzone.

Die Touristikinformation der Stadt Leer beschreibt das Problem unbewusst auf ihrer Homepage, wo es im letzten Satz unter „Einkaufen mit Flair“ heißt: „Aber auch die Altstadt mit ihren kleinen individuellen Läden lädt zum Stöbern und Bummeln in einer wunderschönen Atmosphäre ein.“ Wunderbar, aber dummerweise kommt ein Kaufmann mit  Stöbern und Bummeln nicht über die Runden.

Die Läden in der Altstadt sind klein, was sie fürs Auge des Betrachters reizvoll macht. Andererseits hängt Umsatz auch mit Fläche zusammen. Die Altstadt-Kaufleute sind in der Regel Einzelkämpfer – und nicht selten Idealisten. Nach dem Motto, etwas zugespitzt: Lieber arm, aber dafür mein eigener Herr.

Die Pachten in der Altstadt erreichen fast das hohe allgemeine Leeraner Niveau. Allein um die Pacht zu erwirtschaften, muss der Kaufmann ziemlich Umsatz machen. Und dann muss er vom Gewinn ja auch noch leben. Die Plackerei grenzt gelegentlich an Selbstausbeutung. Denn der Laden wirft nicht genug ab. Deshalb wechseln die Betreiber ziemlich häufig. Auf Sicht überleben in der Altstadt überwiegend gastronomische Betriebe, Spezialhandel und Kunsthandwerker, die bei flauen Ladenzeiten ihrem Handwerk nachgehen und die Produkte direkt verkaufen.

Im Rathaus fehlt es an einem schlüssigen Marketing-Konzept. Andere Städte beschäftigen dafür starke Stadtmanager.

 

Der Beitrag wurde am Samstag, den 7. September 2019 um 10:25 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Buntes Leben, Politik, Wirtschaft abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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