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Zerbröselt

Wie ein Zwieback unter dem Hammer zerbröselte am 15. September 2019 in Emden eine politische Gewissheit: Emden ist SPD. Doch sie bekam in ihrer Hochburg keinen Fuß auf den Boden. Ihr Oberbürgermeisterkandidat Manfred Eertmoed verkümmerte bei 16 Prozentpunkten, der parteilose Bewerber Tim Kruithoff triumphierte bei insgesamt acht Kandidaten mit mehr als 75 Prozentpunkten.

Normalerweise streichen SPD-Oberbürgermeister in Emden mindestens 60 Prozentpunkte ein. Deshalb ist das Ergebnis eine Demütigung. Ursachen gibt es mehrere, keine steht für sich allein – die Summe macht es. Eines jedoch lässt sich ausschließen: Es ist kein Betriebsunfall.

An einen klaren Sieg für die SPD hat in Emden zwar keiner geglaubt, denn einen Dämpfer hatte es schon bei der letzten Kommunalwahl gegeben. Und überhaupt hat die SPD zurzeit eine schlechte Konjunktur. Trotzdem sahen die übrigen Parteien in Emden für sich kein Land, denn CDU, Grüne, FDP und Wählergemeinschaft verzichteten auf eigene Kandidaten.

Stattdessen unterstützten sie – politisch und finanziell – den parteilosen Tim Kruithoff, der bei der Emder Sparkasse die Privatkreditabteilung leitet. Politisch ist er ein leeres Blatt Papier, war nie in einem Gemeinderat oder einer Partei aktiv. SPD-Mann Eertmoed ist Verwaltungsfachmann und seit acht Jahren Bürgermeister in Hinte. Die SPD stellte deshalb seine fachlichen Qualitäten heraus. Doch das zog nicht.

Die geballte Opposition nutzte geschickt die unterschwellige Unzufriedenheit in Emden mit der ewig regierenden SPD. Es war kein Wahlkampf gegen Eertmoed, sondern gegen die SPD.

Der Unmut vieler Emder kommt jedoch nicht von ungefähr. Mit Oberbürgermeister Alwin Brinkmann trat vor acht Jahren der letzte charismatische Kommunalpolitiker ab. Seinem Nachfolger Bernd Bornemann waren die Schuhe zu groß. Es war ein Fehler, vor Jahren Bornemann dem damaligen Bewerber und heutigen erfolgreichen Bundestagsabgeordneten Johann Saathoff vorgezogen zu haben.

Erschwerend hinzu kommt, dass der langjährige Landtagsabgeordnete und Vorsitzende der Stadtratsfraktion Hans-Dieter Haase sich mehr und mehr der Realität in der Arbeiter- und Hafenstadt enthob. Wirtschaftspolitisch läuft es mau im Rathaus. Das Industrie- und Hafenprojekt Rysumer Nacken bekommt man einfach nicht auf die Reihe.

Zwei alte Stützen der SPD in Emden – die Arbeiterwohlfahrt (Awo) und die IG Metall – wirken eher kontraproduktiv. Die Awo steckt seit langem in Turbulenzen und neulich wurde bekannt, dass ihr altes Aushängeschild Willy Grix den Staatsanwalt im Nacken hat. Die IG Metall hält eher Abstand vom früheren Bündnispartner SPD. Und der 20-Prozent-Krankenstand bei VW hat auch damit zu tun, dass die IG Metall die Arbeiter nicht mehr voll hinter sich weiß. Das färbt auf die SPD ab.                                        

Der neue Oberbürgermeister Kruithoff füllt das Vakuum, das die SPD ihm lässt. Er führte einen geschliffenen Wahlkampf, der offensichtlich nach dem Plan einer erfahrenen Werbeagentur ablief. Jetzt muss Kruithoff liefern. Der grandiose Sieg verpflichtet. Er ist zwar parteilos, aber ob er auch unabhängig ist, wie er betont, wird sich erweisen. CDU, Grüne, FDP und Wählergemeinschaft werden ihn schon daran erinnern, wer ihm in den Sattel geholfen hat.

 

Der Beitrag wurde am Montag, den 16. September 2019 um 10:14 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Politik abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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