«     »

Das neue Auge des Herrn

Zwei Welten prallten aufeinander – wie im Alltag.  „Das Auge des Herrn mästet das Vieh im Stall“, zitierte der stellvertretende Vorsitzer des Kreislandvolkverbandes, Weert Beening aus Esklum, eine alte tierethische Haltung, die heute noch gilt. Aber er führte sie als Waffe gegen die Digitalisierung, speziell in der Landwirtschaft.

Dann zeigte die 28-jährige Landwirtin Bettina Meinders aus Klostermoor, was das Auge des Herrn in ihrem Kuhstall sieht: Vier Melkroboter, mit denen sie den 270-Milchvieh-Hof mit ihren Eltern und ihrem Bruder managt – effizient, sauber und dem Tierwohl zugetan. Neun Apps hat sie auf dem Smartphone, mit dem sie von überall auf den Computer im Stall zugreifen und den Zustand der Tiere erkennen kann. Bettina Meinders demonstrierte bei der 2. Digitalen Woche des Landkreises in Leer eindrucksvoll, wie Digitalisierung in der Landwirtschaft funktionieren kann.

Während ihr Berufskollege Beening sagt, „Landwirtschaft bleibt analog“, arbeitet zum Beispiel das landwirtschaftliche Lohnunternehmen Frieling in Kleinoldendorf in der digitalen Welt, wie Geschäftsführer Garrelt Eihusen berichtete. Kein Treckerfahrer ist ohne iPad unterwegs, ohne Funk oder Internet ziehen sie keine Furche, säen kein Saatkorn und spritzen keinen Liter Unkrautvernichtungsmittel.

Staatssekretär Dr. Hermann-Onko Aeikens vom Bundeslandwirtschaftsministerium, aufgewachsen in Weener-Kukelborg, pries die Chancen der Digitalisierung: „Wir brauchen 5G und Breitband an jeder Milchkanne und jeder Ackerfurche.“ Die Landwirtschaft müsse  „nachhaltiger und mehr produzieren“. Das gehe nur mit digitaler Hilfe. Ernährung, Pflanzenschutz, Tierwohl, Insektenschutz und Effizienz sind Stichworte.

Was für die Landwirtschaft gilt, trifft für fast alle Lebens- und Wirtschaftsbereiche zu. Die 2. Digitale Woche, ausnahmslos gut besucht, konzentrierte sich auf ethische und grundlegende Fragen der digitalen Bildung, der Gesundheitswirtschaft, der maritimen Wirtschaft, der öffentlichen Verwaltung und der Landwirtschaft.

Künstliche Intelligenz (KI) nahm breiten Raum ein. Professoren machten an Beispielen klar, wie weit sie schon fortgeschritten ist. KI bedeutet, die rasant wachsende, unvorstellbar große Datenmenge sinnvoll und damit nutzbar miteinander zu verknüpfen. Zum Beispiel in Medizin und Altenpflege. „KI ist ein Tool, ein Instrument, nicht einem Menschen gleichzusetzen“, sagt Ethikprofessor Stefan  Heinemann von der Hochschule Essen. Gut genutzt, verschaffe KI dem Arzt mehr Zeit für richtige Medizin und Pflegern für gute Pflege: „Wenn wir die KI in der Medizin nicht nutzen, trocknen wir die Versorgung aus“.

Professor Tobias Kollmann, Uni Duisburg-Essen, belegte, dass „Digitalisierung im Kopf beginnt und nicht im Computer.“  Sein Kollege Gerrit Heinemann, Hochschule Niederrhein, hält „Digitalisierung für alternativlos – auch für die Unternehmen in Leer“. Beide sind sich einig mit Professor Christoph Igel vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz: „Kein Geld der Welt bringt die Digitalisierung voran, sondern nur Willen und Haltung.“ Da gibt es noch viel zu tun, besonders in der digitalen Bildung. Professor Igel verriet: 60 Prozent der deutschen Lehrer lehnen digitalisierten Unterricht ab. Das sei international der höchste Ablehnungsgrad.

 

Der Beitrag wurde am Montag, den 23. September 2019 um 09:50 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Politik, Wirtschaft abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

Kommentarfunktion ist deaktiviert

Leer_Zeichen is powered by WordPress | WP.de Beiträge (RSS) und Kommentare (RSS)