Archive for Oktober, 2019

Rettung aus Seenot

Montag, Oktober 28th, 2019

Nicht immer sind selbstverständliche Dinge selbstverständlich. Davon handelt diese Geschichte. Sie spielt im Mittelmeer und hat einen ostfriesischen Bezug. Es geht um Rettung aus Seenot. Sie ist völkerrechtlich klar geregelt: Alle Schiffe auf See haben die Pflicht, in Seenot geratenen Menschen zu retten.  

Die Schiffs-Besatzungen der Reederei EMS-Fehn-Gruppe aus Leer sehen diese Pflicht als selbstverständlich an. Sie retteten in jüngster Zeit in drei Einsätzen 20 Flüchtlingen das Leben, die mit kleinen Booten und sogar einem Jet-Ski in Not geraten waren. 

Um sich eine Vorstellung zu machen, hier die Schilderung der Reederei von einem Fall: „Gegen 14 Uhr sichtete der Ausguck knapp 45 Seemeilen vor der algerischen Küste ein Boot, in dem zehn Männer offensichtlich um Hilfe winkten. Die „Fehn Calypso“ nahm Kurs auf das Boot und die Besatzung versorgte die Männer, die in einem fünf Meter langen Holzboot unterwegs waren, mit Wasser, Nahrung und Tabletten gegen Seekrankheit. Die sofort informierte spanische Rettungsleitstelle in Almeria wies die „Fehn Calypso“ an, bis zum Eintreffen des sofort alarmierten Rettungskreuzers bei dem Boot zu bleiben. Nach knapp drei Stunden nahm der Kreuzer die Männer an Bord und brachte sie nach Spanien.“ Die beiden anderen Rettungsaktionen verliefen ähnlich.

Die EMS-Fehn-Gruppe ist nicht die einzige Reederei, die Flüchtlinge aus dem Meer fischt. Aber selbstverständlich ist es wohl nicht für alle. Dann gäbe es mehr Rettungsaktionen. Die Plattform „Marine Traffic“ zeigt die Position von Schiffen an. Demnach geht es im westlichen Mittelmeer zwischen Spanien und Nordafrika zu wie auf einer Autobahn.

Deshalb drängt sich der Verdacht auf, dass der eine oder andere Kapitän zur anderen Seite schaut, um sich Umstände und vielleicht Ärger mit Behörden zu ersparen. Der enge Zeitplan für die Fracht drückt, und ein Frachter braucht bis zu zwei Kilometer zum Stoppen und muss dann noch zum Notfallort umkehren. Da besteht die Versuchung, lieber wegzuschauen.

Die EMS-Fehn-Gruppe hat den Notfall einen klaren Kompass. Ihr Chef Manfred Müller sagt: „Ungeachtet der Diskussion über die nach Europa kommenden Flüchtlinge werden wir unsere Überzeugung nicht aufgeben, dass es die Pflicht aller ist, Menschen in Not zu retten. Die Menschen, die unsere Schiffe auf hoher See gefunden und gerettet haben, waren in großer Gefahr, ihr Leben zu verlieren. Ich bin daher sehr dankbar, dass Kapitän und Besatzung entsprechend gehandelt haben. Ihr Verhalten war vorbildlich. Wir sind sehr stolz auf unsere Mitarbeiter.“ Das nennt man Haltung.

Müller lässt sich nicht von juristischen Grauzonen und politischen Winkelzügen ablenken. Für ihn ist klar, dass gerettet werden muss. Rechtlich ist es komplizierter. Zunächst muss der Kapitän beurteilen, ob ein Schiff in Seenot ist. Rettungspflicht besteht zum Beispiel nicht, wenn es an Schwimmwesten an Bord des gefährdeten Schiffs mangelt oder ein Schiff überladen ist. Es muss eine konkrete Gefahr hinzutreten: Etwa ein überladenes Schiff, das instabil ist und kentern kann; oder manövrierunfähig ist; oder das Leben der Menschen an Bord ist in Gefahr.

Das alles ist interpretationsfähig und bietet rettungsunwilligen Kapitänen einige Schlupflöcher. Man muss sie jedoch nicht nutzen, wie die EMS-Fehn-Gruppe beweist. 

Meilenstein im Neuland

Sonntag, Oktober 20th, 2019

Im medialen Rummel um den Gallimarkt oder um einen Biologie-Lehrer, der Wühlmäuse mit Buttersäure aus dem Garten vertreiben will, ging ein technischer Meilenstein fast unter. Obwohl er den Alltag Tausender Menschen im Landkreis Leer berührt: Die komplette elektronische Zulassung oder Ab- und Ummeldung von Auto und Motorrad beim Straßenverkehrsamt.

Als erste Behörde in Niedersachsen und eine der ersten in Deutschland steht das Straßenverkehrsamt des Landkreises Leer dafür bereit. „Unser Team hat die sogenannte i-Kfz Stufe 3 voll funktionsfähig umgesetzt“, sagt Landrat Matthias Groote. „i-Kfz“ steht für internetbasierte Fahrzeugzulassung. Damit macht die Bundesregierung im Zuge des E-Governments (elektronische Verwaltung) die Zulassung von Fahrzeugen einfacher, bequemer und effizienter.

Das heißt: Der Bürger kann alles von zu Hause regeln und sich den Weg zur Ringstraße in Leer sparen. Der Landkreis Leer hat damit bundesweit die Nase vorn. Das Straßenverkehrsamt ist die am weitesten digitalisierte Abteilung der Kreisverwaltung – und ein weithin anerkannter Vorreiter. Schon lange führt es die Akten elektronisch und automatisiert, was möglich ist. Die Folge: Ein leerer Aktenkeller.

Die Menge an amtlichen Vorgängen – allein bei der Zulassung sind es fast 300.000 im Jahr, plus 50.000 Bußgeldbescheide und 60.000 Kundenbesuche – lässt sich mit Computern, Intra- und Internet, Verlinkungen, Schnittstellen und digitalisierten Formularen viel schneller bearbeiten als mit Hand, Papier und Kuli.

Gerrit de Wall, der die Führerschein- und Zulassungsstelle leitet, ist bei Kollegen von außerhalb ein gefragter Mann. Sie fahren nach Leer, um sich zu informieren, wie es geht. De Wall referierte auch schon auf der einst weltgrößten Computermesse CeBit in Hannover.

Aber keine Sorge: Das Straßenverkehrsamt fährt künftig noch zweigleisig. Wem die digitale Technik fremd ist, kann sich immer noch nach alter Väter Sitte auf den Weg zum Amt machen. Und dort warten, bis er an der Reihe ist. Obwohl: Wer wartet, hat selber schuld. Er kann schon seit langem seine Vorgänge zu jeder Zeit komplett einwerfen, eine Nummer ziehen und die Handynummer eingeben. Er wird per sms informiert, wenn die Sachen fertig sind.  

Ganz einfach ist die neue Online-Zulassung allerdings nicht. Man muss mit einem Computer umgehen können und sich digital auskennen. Und einige technische Voraussetzungen erfüllen. Dazu gehören ein neuer Personalausweis (nPA) mit aktivierter Online-Ausweisfunktion (eID), außerdem ein Kartenlesegerät oder – viel einfacher und handlicher – ein Smartphone mit der kostenlosen „AusweisApp2“.

Den elektronischen Personalausausweis (nPA) im Scheckkartenformat gibt es bereits seit 2010, wird irgendwann Pflicht. Er sorgt per Kartenleser für einen elektronischen Identitätsnachweis (eID) übers Internet. Dazu wird die Software „AusweisApp2“ benötigt. Etwas Umstand ist schon dabei, wenn man sich Behördengänge sparen, Verträge im Internet abschließen oder Online-Dienstleistungen datensicher nutzen will.

Alles in allem: Es ist radikal einfacher als bisher. Für Viele noch Neuland. Aber junge Menschen wachsen mit dem Smartphone auf, immer mehr ältere eignen sich die Kenntnisse an – und wer sich davon fernhält, stößt immer häufiger an Grenzen.   

Bauern am Pranger

Montag, Oktober 14th, 2019

Die Bauern stehen unter Druck. Von der Bundesregierung, der EU, den Grünen und ihren ökologisch-politischen Vorfeld-Organisationen. Die einen nehmen die Tierhaltung aufs Korn, andere verlangen, weniger Fleisch auf den Markt zu bringen. Und die EU sitzt der Bundesregierung im Nacken, endlich dafür zu sorgen, dass weniger Nitrat in den Boden gelangt, weil es das Trinkwasser gefährdet.

Doch nicht genug: Neben all diesem Ärger plagen schlechte Preise die Bauern. Milch kostet zu wenig und Fleisch aus aller Welt wird billigst auf den Markt geworfen. Die heimischen Bauern kommen zu oft nicht mehr auf ihre Kosten. Und dann die vielen öffentlichen Vorwürfe.

Davon betroffen sind natürlich auch die rund 1.000 bäuerlichen Betriebe im Landkreis Leer, etwa 200 von ihnen im Rheiderland. Die meisten melken, wie man hierzulande sagt, wenn ein Bauer einen Milchbetrieb führt. Sie stehen im Augenblick besonders im Visier.

Doch sie und viele andere Berufskollegen fühlen sich zu Unrecht an den Pranger gestellt. Eine Hauptursache ist die Düngeverordnung aus Berlin, die erneut verschärft wird, nachdem sie erst 2017 erlassen worden war – mit Obergrenzen für Stickstoff und längeren Düngeverboten. Das wurmt die Bauern besonders. Sie sagen, dass sie sich danach richten, die Folgen im Boden jedoch nicht so schnell wirksam sind. 

Bauern löffeln jetzt die Suppe aus, die ihnen alle Bundesregierungen der letzten 20 Jahre eingebrockt haben, nicht zuletzt jedoch auch dank intensiver Lobbyarbeit der Bauernverbände. Tatsache ist: Fast jede dritte Messstelle im Land übertrifft den EU-Grenzwert von 50 Milligramm je Liter.

Die EU jedenfalls macht ernst und droht der Bundesregierung mit Strafen, wenn sie die Nitratbelastung der Böden nicht in den Griff bekommt. Fällig würden dann 860.000 Euro – pro Tag. Bei dieser Summe bleibt Berlin trotz aller Proteste der Bauern hart.

Das Fatale: Die Bauern werden über einen Kamm geschoren. Für jeden einsehbar, gibt es beträchtliche Unterschiede in der Nitratbelastung der Böden beispielsweise zwischen Vechta und Cloppenburg im Südoldenburgischen und Ostfriesland. Im Südoldenburgischen mit seiner exorbitanten Massentierhaltung fällt viel Gülle an, viel zu viel. Dort muss Berlin den  Hebel ansetzen.  

Gülle bedeutet Nitrat, und Nitrat im Grundwasser ist bedenklich, weil es sich im Magen in Nitrit verwandeln kann, besonders gefährlich für Säuglinge. Gelangt es ins Blut, bremst es die Sauerstoffaufnahme. Deshalb filtern Wasserversorger mit teuren Verfahren Nitrat heraus, zapfen das Grundwasser aus immer tieferen Schichten oder verdünnen belastetes Trinkwasser. Ein unhaltbarer Zustand. Eine Lösung ist aber so schnell nicht in Sicht.

Sicher ist nur, dass die Landwirtschaft ihre Rolle als Ernährer der Menschen nur vernünftig erfüllen kann, wenn der Rahmen stimmt. Milch, Fleisch und Getreide muss ihren Preis haben und ökologisch produziert werden.

Nur dann kann die Erfolgsgeschichte der Landwirtschaft fortgeschrieben werden. Ohne ihre Effizienz könnten die mehr als sieben Milliarden Menschen nicht ernährt werden. Ihre Zahl hat sich in den letzten 50 Jahren mehr als verdoppelt, die Ackerfläche, um sie zu ernähren, jedoch nur um zehn Prozent. Mit grün-romantischen Vorstellungen von genossenschaftlicher Selbstversorgung hat das nicht die Bohne zu tun.

Booking auf ostfriesisch

Dienstag, Oktober 8th, 2019

Mit der Marke „Ostfriesland“ werben, mit ihr regionale Produkte verkaufen oder Urlauber und Fachkräfte locken. Lediglich ein Traum? Oder doch eine Vision mit Erfolgsaussicht?

Neulich besuchte Dr. Hermann-Onko Aeikens aus Weener-Kukelborg seine Heimat – in dienstlicher Mission. Der Staatssekretär im Bundeslandwirtschaftsministerium sprach in Leer anlässlich der Digitalen Woche und äußerte am Schluss seiner Rede einen Wunsch: Den guten Namen Ostfriesland wirtschaftlich ummünzen. Das müsste möglich sein, denn: „Der Verbraucher will Regionalität.“

Ob Aeikens in heimatlicher Verbundenheit nostalgisch gestimmt war oder es ernst meinte – es lohnt sich, darüber nachzudenken. Wobei zur Milchwirtschaft, die er ansprach, eher wehmütige Erinnerungen wach werden. Es gab in Leer schon mal einen Milchriesen, den Molkereiverband Ostfriesland (MVO), später MZO, dem 40 Molkereien die Milch lieferten. 1992 schloss der MVO sein Werk in Leer. Die Manager hatten die Milchquotenregelung der EG falsch eingeschätzt und zu lange an der damals hoch subventionierten Milchpulverherstellung festgehalten.

Dabei war der MVO sogar mit „Ostfriesen-Butter“ am Markt – aber mehr nebenbei, mit zu kleinen Mengen und ohne strategisches Marketing. So etwas wie „Ostfriesen-Butter“ dürfte Aeikens vorschweben, der noch von den positiven Reaktionen im ganzen Land erzählte, wenn die Leute den Namen Ostfriesland hören.

Die Idee der Marke „Ostfriesland“ hat sich vor Jahren schon der Verein Region Ostfriesland auf die Fahnen geschrieben. Er hat sie sich 2006 sogar vom Deutschen Patent- und Markenamt eintragen lassen – unter der Nummer 304 62400. Bürokratisch ist also alles geregelt. Aber der Verein kommt seinem erklärten Ziel kaum näher: „Ostfriesland soll künftig moderner, hochwertiger und kompetenter auftreten als heute.“

Dem Verein fehlt die Wucht. Nichts gegen das lobenswerte Engagement der Hochschule Emden-Leer, der Ostfriesischen Landschaft, der Handwerkskammer, des Tourismusverbands oder der Städte Emden und Aurich. Aber so lange die Wirtschaft sich zurückhält, ist kein Schub zu erwarten. Vielleicht bringt die Initiative „Weiter Ostfriesland“, an deren Spitze die Hochschule steht, einen Umschwung. Der Fachkräfte-Mangel drückt. Mit einer Werbekampagne sollen deshalb Studenten, Fachkräfte und heimkehrwillige Ostfriesen für Ostfriesland begeistert werden.

Am weitesten scheint die Ostfriesische Tourismus GmbH (OTG) zu sein, die mehr und mehr auf digitale Ansprache setzt. So zählt sie auf der vor allem bei jungen Leuten beliebten Foto-Plattform Instagram mehr als 10.000 Follower, bei Facebook sind es fast 50.000 und bei Twitter 2.500.

Eine bemerkenswerte Idee setzt die AG Reederei Norden-Frisia um. Sie hat nicht nur ein bisher einzigartiges Smart-Hotel entwickelt, das der Gast komplett per App steuern kann, sondern geht bald mit einer eigenen Buchungsplattform auf den Markt. Mit ihr kann der Gast alle Urlaubsangebote der Reederei auf Norderney online buchen.

Der Clou: Die Reederei bietet ihre Plattform auch anderen Vermietern an – will sie für ganz Ostfriesland und weiter entlang der Küste öffnen. Warum sollen wir das Geschäft den großen Plattformen Booking, HRS oder Expedia überlassen?, fragt sie sich. Wie sagt Staatssekretär Aeikens: „Der Verbraucher will Regionalität.“