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Rettung aus Seenot

Nicht immer sind selbstverständliche Dinge selbstverständlich. Davon handelt diese Geschichte. Sie spielt im Mittelmeer und hat einen ostfriesischen Bezug. Es geht um Rettung aus Seenot. Sie ist völkerrechtlich klar geregelt: Alle Schiffe auf See haben die Pflicht, in Seenot geratenen Menschen zu retten.  

Die Schiffs-Besatzungen der Reederei EMS-Fehn-Gruppe aus Leer sehen diese Pflicht als selbstverständlich an. Sie retteten in jüngster Zeit in drei Einsätzen 20 Flüchtlingen das Leben, die mit kleinen Booten und sogar einem Jet-Ski in Not geraten waren. 

Um sich eine Vorstellung zu machen, hier die Schilderung der Reederei von einem Fall: „Gegen 14 Uhr sichtete der Ausguck knapp 45 Seemeilen vor der algerischen Küste ein Boot, in dem zehn Männer offensichtlich um Hilfe winkten. Die „Fehn Calypso“ nahm Kurs auf das Boot und die Besatzung versorgte die Männer, die in einem fünf Meter langen Holzboot unterwegs waren, mit Wasser, Nahrung und Tabletten gegen Seekrankheit. Die sofort informierte spanische Rettungsleitstelle in Almeria wies die „Fehn Calypso“ an, bis zum Eintreffen des sofort alarmierten Rettungskreuzers bei dem Boot zu bleiben. Nach knapp drei Stunden nahm der Kreuzer die Männer an Bord und brachte sie nach Spanien.“ Die beiden anderen Rettungsaktionen verliefen ähnlich.

Die EMS-Fehn-Gruppe ist nicht die einzige Reederei, die Flüchtlinge aus dem Meer fischt. Aber selbstverständlich ist es wohl nicht für alle. Dann gäbe es mehr Rettungsaktionen. Die Plattform „Marine Traffic“ zeigt die Position von Schiffen an. Demnach geht es im westlichen Mittelmeer zwischen Spanien und Nordafrika zu wie auf einer Autobahn.

Deshalb drängt sich der Verdacht auf, dass der eine oder andere Kapitän zur anderen Seite schaut, um sich Umstände und vielleicht Ärger mit Behörden zu ersparen. Der enge Zeitplan für die Fracht drückt, und ein Frachter braucht bis zu zwei Kilometer zum Stoppen und muss dann noch zum Notfallort umkehren. Da besteht die Versuchung, lieber wegzuschauen.

Die EMS-Fehn-Gruppe hat den Notfall einen klaren Kompass. Ihr Chef Manfred Müller sagt: „Ungeachtet der Diskussion über die nach Europa kommenden Flüchtlinge werden wir unsere Überzeugung nicht aufgeben, dass es die Pflicht aller ist, Menschen in Not zu retten. Die Menschen, die unsere Schiffe auf hoher See gefunden und gerettet haben, waren in großer Gefahr, ihr Leben zu verlieren. Ich bin daher sehr dankbar, dass Kapitän und Besatzung entsprechend gehandelt haben. Ihr Verhalten war vorbildlich. Wir sind sehr stolz auf unsere Mitarbeiter.“ Das nennt man Haltung.

Müller lässt sich nicht von juristischen Grauzonen und politischen Winkelzügen ablenken. Für ihn ist klar, dass gerettet werden muss. Rechtlich ist es komplizierter. Zunächst muss der Kapitän beurteilen, ob ein Schiff in Seenot ist. Rettungspflicht besteht zum Beispiel nicht, wenn es an Schwimmwesten an Bord des gefährdeten Schiffs mangelt oder ein Schiff überladen ist. Es muss eine konkrete Gefahr hinzutreten: Etwa ein überladenes Schiff, das instabil ist und kentern kann; oder manövrierunfähig ist; oder das Leben der Menschen an Bord ist in Gefahr.

Das alles ist interpretationsfähig und bietet rettungsunwilligen Kapitänen einige Schlupflöcher. Man muss sie jedoch nicht nutzen, wie die EMS-Fehn-Gruppe beweist. 

 

Der Beitrag wurde am Montag, den 28. Oktober 2019 um 10:07 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Politik, Wirtschaft abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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