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Deichen oder weichen

Gut zwei Drittel des Rheiderlands liegen unter dem Meeresspiegel. In der Marsch entlang der Ems bis zu anderthalb Meter, die tiefste Stelle am Wynhamster Kolk nördlich sogar zweieinhalb. Ohne Deiche stünde das Wasser bis vor Lüchtenborg. Das Rheiderland außerhalb der Geest im Süden wäre unbewohnbar.

Kein Wunder, dass eine Studie von Klimaforschern der US-Universität Princeton hierzulande aufmerksam registriert wird. Darin steht, dass weite Teile der Niederlande und Norddeutschlands einschließlich Ostfrieslands in gut 30 Jahren überflutet werden. Grund: Die Erderwärmung und der damit verbundene Anstieg des Meeresspiegels. „Nach mir die Sintflut“ – im übertragenen Sinn ein alter und bewährter Spruch würde Wirklichkeit.

Die Meere steigen. Und sie steigen höher, wenn der Ausstoß von Kohlendioxyd (CO2) nicht gesenkt wird. Das ist bei fast allen Klimawissenschaftlern unumstritten, nur AfD, Donald Trump und Sinnesgenossen schlagen es in den Wind.

Die US-Studie beruft sich auf neue Daten, die ein neues Geländemodell stützen. Demnach steigt bei extremen Wasserständen das Überschwemmungsrisiko und mehr Menschen seien betroffen. Das ist schlüssig. Doch die Amerikaner haben bei ihrem Szenario die bestehenden Deiche und Sperrwerke an der Nordseeküste nicht berücksichtigt. Der frühere Emder Oberbürgermeister Alwin Brinkmann, Oberdeichrichter für die Krummhörn, bleibt deshalb gelassen: „Wenn wir keine Deiche hätten, stünde in Emden schon heute alle zwölf Stunden das Wasser am Rathaus.“

Ähnlich im Rheiderland. Der Unterschied zwischen Niedrigwasser und Hochwasser, der Tidehub, beträgt gut dreieinhalb Meter. Die für den Deichbau gültige Bemessungsgröße heißt Normalnull (NN) – das mittlere Tidenwasser, der Wasserstand genau zwischen Niedrig- und Hochwasser. Auf dieser Höhe liegt das Rheiderland. Zweimal täglich klettert der Wasserstand im Schnitt rund 1,70 Meter darüber, zweimal fällt es um ebenso viel darunter. So erklärt sich, wie es ohne Deiche aussähe.

Die Wissenschaft schätzt die Zukunft so ein:  Der Weltklimarat IPCC geht von einem höheren Meeresspiegel um einen halben Meter bis zum Ende des Jahrhunderts aus – falls es gelingt, die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen. Weil es zurzeit jedoch eher nach drei bis vier Grad aussieht, rechnen Forscher eher mit einem Anstieg um knapp einen Meter.

Der Deich am Dollart ist bis zum Sperrwerk gut neun Meter hoch. Darin ist ein Meeresspiegelanstieg von einem halben Meter eingerechnet. Deshalb ist der Deich erst einmal für einige Jahrzehnte sicher. Doch er muss wachsen. Der niedersächsische Umweltminister Olaf Lies, SPD, sagt deshalb vorbeugend, dass die bisher vorgesehenen 60 Millionen Euro jährlich für den Küstenschutz nicht ausreichen. Der Entwässerungsverband Oldersum/Ostfriesland nennt bereits eine Summe: Mindestens 100 Millionen jährlich.

Renommierte Klimaforscher wie Hans von Storch (Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg und Helmholtz-Forschung für Küstenforschung in Geesthacht) und Mojib Latif (Helmholtz-Institut für Ozeanforschung in Kiel) plädieren für eine strenge Klimapolitik, warnen aber vor Panik. Von „Absaufen“ könne keine Rede sein, sagt Latif. Von Storch sieht zu viel Hysterie in der Klimadebatte. Und Ostfriesen wissen seit alters her: „Well neet will wieken, de mutt dieken.“

 

Der Beitrag wurde am Sonntag, den 10. November 2019 um 13:53 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Politik, Wirtschaft abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf deiner Seite einrichten.

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