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Enercon: An die eigene Nase fassen

Der Wind weht dem Windturbinen-Konzern Enercon in Aurich ins Gesicht. In diesem Jahr bilanziert er eine halbe Milliarde Euro Verlust. Deshalb müssen sich 3.000 Mitarbeiter einen neuen Job suchen, die Hälfte davon in Ostfriesland. Weltweit beschäftigt Enercon 18.000 Mitarbeiter, ist trotzdem zu stark auf Deutschland fixiert.

Konzernchef Hans-Dieter Kettwig wäscht seine Hände in Unschuld: „Die Politik hat uns den Stecker gezogen.“ Stimmt das so absolut? Zweifellos beeinflusst Politik die Energiewirtschaft, egal ob Wind-, Atom- oder Kohlekraft. Zweifellos hat die Bundesregierung kein Konzept für eine schlüssige Industrie- und Energiepolitik. Zweifellos verfolgt sie die von Kanzlerin Merkel Hals über Kopf ausgerufene Energiewende halbherzig. Zweifellos bremsen Klagen von Bürgerinitiativen den Windkraft-Ausbau – und irrsinnig weite Mindestabstände zwischen Häusern und Windanlagen tragen dazu bei. Unterm Strich: Deutschland verfehlt die eigenen und die Europäischen Klimaziele. Ein Grund zum Schämen für das selbst ernannte Musterland des Klimaschutzes.

Darüber zu lamentieren hilft den Männern und Frauen wenig, die jetzt den Job verlieren. Der „Arbeitgeber“ macht ihnen auch keine Hoffnung auf Besserung. Außerdem hat Enercon die Beratungsfirma McKinsey im Haus, was nie Gutes für Beschäftigte bedeutet. Die Bemühungen der Landesregierung und der IG Metall um Transfergesellschaften oder andere Überbrückungshilfen sind Trostpflaster, die wir hier nicht kleinreden wollen.  

Wir halten fest: Die Enercon-Führung gibt ein schwaches Bild ab. Sozialpolitisch steht sie schon lange im Abseits. Aber hier geht es um ihre betriebswirtschaftliche Verantwortung. Sie hat darauf vertraut, dass die goldenen Jahre nie enden. Aber die Gelddruckmaschine stockt. Sie lief lange auf Hochtouren – weil viele Kunden die Windmühlen kauften, obwohl sie teuer waren. Denn eine satte Rendite dank hoher Einspeisevergütung war trotzdem garantiert.

Das führte jedoch dazu, dass der Strompreis stieg und stieg. Deshalb kappte die Regierung die Subventionen für die Windenergie. An Stelle des garantierten Fördergelds traten Auktionen. Den Zuschlag für einen Windpark erhält, wer den günstigsten Preis bietet. Mit der Folge, dass potenzielle Betreiber beim Hersteller auf den Preis schauen.

Das wurde Enercon zum Verhängnis. Ist der Preis zu hoch und die Rendite zu schwach, hilft auch beste Qualität nicht weiter, wie Enercon sie bietet. Eine Ursache ist eine ungewöhnlich hohe Fertigungstiefe. Auf deutsch: Enercon stellt die meisten Teile seiner Wertschöpfungskette in eigener Regie her, bevorzugt in Deutschland. „Sämtliche Schlüsselkomponenten werden selbst gefertigt. Diese beispiellos hohe Fertigungstiefe sichert den hohen Qualitätsstandard und die Zuverlässigkeit der Windenergieanlagen“, wirbt Enercon auf seiner Webseite.

Die Meyer-Werft beispielsweise wird darüber bestenfalls milde lächeln. Vor allem international handelnde Firmen setzen auf Arbeitsteilung. Das führt zwar zu geringer Fertigungstiefe, die bei Meyer bei 20, höchstens 25 Prozent liegen dürfte, sorgt aber für hohe Produktivität. So bleibt eine Firma international wettbewerbsfähig. Enercon ist es nicht, und deshalb entlässt sie einige tausend Mitarbeiter. Die Führung muss sich auch an die eigene Nase fassen.

 

Der Beitrag wurde am Samstag, den 16. November 2019 um 19:03 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Politik, Wirtschaft abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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