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Keiner kommt daran vorbei

„An Jesus kommt keiner vorbei“, stand mal auf der Werbewand einer Sekte im Ruhrgebiet. Das wollte ein Fußballfan mit Witz so nicht gelten lassen. Er malte darunter „Außer Libuda“. In Fußballerkreisen bis heute eine beliebte Geschichte. Wer sich nicht so auskennt: Dem begnadeten Dribbler „Stan“ Libuda lagen einst die Fans in Dortmund und auf Schalke zu Füßen.

Um im Bild zu bleiben: An Weihnachten kommt garantiert keiner vorbei. Nicht mal Libuda.   Spätestens Mitte November wirft der Handel die Werbemaschine an. Es ist nur eine Frage der Zeit, wie lange der Totensonntag und der Volkstrauertag vom Weihnachtsrummel verschont bleiben. Dann ist der Weihnachtsmarkt entfesselt.

Bevor wir hier falsch verstanden werden: Gemeint sind nicht die vielen kleinen Weihnachtsmärkte, die von Vereinen, Gruppen oder Kirchen mit ehrenamtlichem Eifer und Idealismus ausgerichtet werden, meistens für gute Zwecke. Sei es in Weener, Bunde, Stapelmoor, Ditzum, Möhlenwarf, Jemgum oder der „Wiehnachtsmarkt achter d`Waag“ in Leer.

Gemeint ist der Jahrmarkts-Rummel hinter Tannenfassaden in den Zentren großer und mittlerer Städte. Ohne zu sehr in Kulturkritik zu verfallen, lässt sich eines feststellen: Dem Handel ist es gelungen, die Sehnsucht der Menschen nach Weihnachten voll für seine Zwecke zu nutzen und das Fest zu kommerzialisieren. Ja, Kaufrausch zu erzeugen.

Ganz schlaue Kaufleute gehen offen damit um. Bei Lebkuchen Schmidt aus Nürnberg, einem der besten und größten Lebkuchenbäcker Deutschlands, lesen wir: „Mit Weihnachten feiern wir die Geburt Jesu Christi und damit die Ankunft Gottes in der Welt. Die kurze Antwort auf die Frage, wem wir Weihnachten verdanken ist also: Jesus.“ Die frohe Botschaft als Appetitanreger fürs große Geschäft.  

Die Werbegemeinschaft Leer stimmt die Kunden irdischer auf die langen Einkaufsnächte im Advent ein. „Voll, voller, am vollsten“ lockt sie. Demnach ist der Mensch ein geselliges Wesen – und kauft gern dort ein, wo – Zitat – „mächtig viel los“ ist. Um es mit Werbegemeinschafts-Chef Johannes Poppen zu sagen: „Auf dem Weihnachtsmarkt herrscht immer großes Gedränge.“ Trotzdem: Nach seinen Worten „lässt es sich wunderbar auf dem Weihnachtsmarkt verweilen“. Wer sich überzeugen möchte: Heute Abend ist es wieder „voll, voller, am vollsten“.

Der Weihnachtsmarkt in der Innenstadt von Leer sorgt für (nötige) gute Umsätze. Aber er wirft auch Schatten. Gastwirte können ein Lied davon singen. Sie stellen an Adventswochenenden sogar Türsteher ein, die Betrunkene abweisen und Rücksäcke und Taschen nach mitgebrachtem Bier, Cola und Schnaps kontrollieren.

 „Das Benehmen lässt nach, die Aggressivität wächst“, sagt ein Wirt. Gäste versauen Toiletten, zerstören Sitzbänke, sind übergriffig zu weiblichen Servicekräften, zertrümmern oder stehlen Gläser. „Von 40 Kölsch-Stangen hatte ich bald nur noch drei“, erzählt ein Wirt. Ein Gast, der mitgebrachtes Bier trinkt, spuckt ihm ins Gesicht.

Eine Frau wirft dem Wirt eine Kippe vor die Füße und tritt sie aus: „Ist ja gefliest unten.“ Andere Gäste zerdeppern ein Glas und bleiben bewusst in den Scherben stehen, als die Bedienung dort fegen will. Ein anderer reißt in der Toilette Kabel aus der Wand, schließt sie kurz, im dunklen Lokal liegen auf den Tischen Bierdeckel voller Verzehrstriche. Frohe Weihnachten.

 

Der Beitrag wurde am Sonntag, den 8. Dezember 2019 um 12:15 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Buntes Leben, Kultur, Wirtschaft abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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