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VW und die Kranken

Rekordverdächtig viele Mitarbeiter des VW-Werks Emden sind krankgeschrieben. Schon seit Monaten, mal mehr, mal weniger. Jeder fünfte und mehr sollen es zeitweise (gewesen) sein. Von einer Grippewelle ist nichts bekannt. Nach aller Erfahrung bedeutet dies, dass hunderte Mitarbeiter einen Arzt gefunden haben, der ihnen den Gefallen mit einem Gelben Schein getan hat. Das aber nur am Rande bemerkt.

Hohe Krankenstände kosten Firmen viel Geld. Mitleid ist dennoch für VW nicht angesagt. Der Autoriese kann es verkraften, zumindest in normalen Zeiten. Heute jedoch schaut auch VW mehr aufs Geld wegen bereits geleisteter und eventuell noch ausstehender Milliardenzahlungen an betrogene Kunden.

VW hat offene Baustellen. Entsprechend mies ist die Stimmung im Emder Werk. Eine Folge ist der hohe „Krankenstand“. Ob die Belegschaft jedoch gut beraten ist, sich trotzig zu verhalten, ist fraglich. Eigentlich hat sie Grund zur zumindest stillen Freude. Denn nach einem Verkaufstief geht es seit kurzem aufwärts mit der Produktion. Volkswagen sind wieder gefragt.

Um das Jahresprogramm zu schaffen, fährt VW in Emden zurzeit sogar zusätzliche Schichten an Sonnabenden, sechs im November und Dezember. Die Wochenarbeitszeit wurde bis Jahresende von 35 auf 37 Stunden heraufgesetzt, selbstverständlich vergütet. Von ein paar Stunden Mehrarbeit über eine kurze Zeit jedenfalls wird keiner krank.

Aber der Ärger von Betroffenen lässt sich nachvollziehen. Zur Mehrarbeit passt nun mal schlecht, dass VW die Verträge von 500 befristet Beschäftigten nicht verlängert hat. Dafür müssen jetzt 120 Mitarbeiter von Skoda aus Bratislava (Slowakei) in Emden aushelfen. Es liegt nahe, dass VW die Arbeitsverträge nicht verlängert hat, weil man nicht weiß, ob die Leute demnächst bei der E-Auto-Produktion noch gebraucht werden.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass VW den befristet Beschäftigten neue Jobs in den Werken Baunatal und Stuttgart angeboten hat, zu besten Konditionen. Aber nur 185 bissen an. Von solch einem Privileg können entlassene Arbeitnehmer normalerweise nur träumen.

Die vielen Gelben Scheine und der damit verbundene Ärger bei VW allein ist schon schlimm genug, nimmt jedoch angesichts des bevorstehenden technischen Umbruchs im Werk eine ganz andere Dimension an. Ab dem neuen Jahr rüstet VW das Werk Emden um auf den Bau von E-Autos. Ein Totalumbruch, eine Revolution. Der Umstieg auf ein neues industrielles Zeitalter, geprägt durch Digitalisierung. Das bleibt nicht auf das Werk beschränkt, sondern geht ganz Ostfriesland an.

Die Belegschaft steht vor aufregenden Zeiten. Ihr Werk wird umgekrempelt. In der Autosprache gesagt: Sie muss umparken im Kopf – total umschulen, sich aus- und weiterbilden lassen. Management und Belegschaft sind hochgradig gefordert.

Der Wandel muss gelingen. Sonst ist Feierabend mit sicheren Jobs, vorbildlichen Sozialleistungen, sehr hohen Löhnen und üppigen Jahres-Boni. Doch es ist klar: Den Sprung schafft nur eine leistungsbereite Mannschaft, die mehr die Chance des unaufhaltsamen Wandels erkennt als vor Risiken und Hürden scheut. Trauen wir das der verwöhnten und missmutigen Belegschaft zu? Sie hat viel zu verlieren. Das könnte Motivation genug sein. Sonst gehen nicht nur im Werk die Lichter aus. Auch Ostfriesland stünde im Schatten. 

 

Der Beitrag wurde am Sonntag, den 15. Dezember 2019 um 12:39 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Politik, Wirtschaft abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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