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Leere Dörfer

Viele unserer Dörfer verlieren, was sie ausmacht als lebenswerte Gegenstücke zur lärmigen Stadt. Der Zeit, als Handwerker und Bauern noch nennenswert Arbeit boten, trauern wir dabei nicht nach. Denn der Wandel brachte einen nie gekannten wirtschaftlichen Aufschwung. Bedauerlich hingegen: Dörfer verlieren ihre Würde und ihren Charme.

Sie degenerieren zu Schlaforten. Ihnen fehlen Alltags-Punkte, wo die Menschen kleine Dinge erledigen und sich treffen können.  Einer der Gründe ist die Trennung von Wohn- und Arbeitsort, die ersatzlos vollzogen wird.

Morgens auf der Jann-Berghaus-Brücke nach Leer, in Ansätzen auch auf der Straße von Stapelmoor nach Papenburg lässt es sich beobachten: Auto an Auto, als ob das Rheiderland ausblutet. Abends fließt das Blut zurück. Tagsüber pulsiert es in den Dörfern nur noch schwach in den Adern der alten Leute.

Die Folgen: Die letzten kleinen Läden stehen vor dem Aus, wie aktuell in Diele und Wymeer. Kaum noch eine Gastwirtschaft, hier und da noch eine Schule, die Sparkasse rückt ab. Der Dorffrisör lässt die Schere in der Schublade. Selbst die Kirche zahlt dem gesellschaftlichen Wandel ihren Tribut – sie bleibt im Dorf, aber längst nicht mehr jeder Pastor. Er muss sich um mehrere Gemeinden kümmern.

Freiwillige Feuerwehren klagen über Personalmangel, weil die meisten Menschen auswärts arbeiten. Der demografische Wandel tut das Übrige. Auch der Gemeinschaftsgeist schwindet. Darüber können Vereine ein Klagelied singen, die nur noch schwer Vorstands- und Übungsleiterposten besetzen können. Und wenn es nicht am Geist fehlt, dann ist es der Mangel an Zeit und Energie wegen eines stressigen Jobs, der ein Ehrenamt an den Rand drängt.

Trotzdem: Punktuell funktionieren Dorfgemeinschaften. Beim Maibaumaufstellen, bei Weihnachtsmärkten, bei Kulturevents oder – wenn auch nicht mehr so zahlreich wie früher – Vereinsfesten. Oder wenn wie jetzt in Wymeer der Dorfladen für immer schließt, sehen die beiden Ortsvorsteher von Wymeer und Boen, Gebhard Meyer und Georg Huisinga, nicht tatenlos zu, sondern organisieren einen alten Bulli, trommeln eine Fahrertruppe zusammen und bringen demnächst alte Leute zum Einkaufen nach Bunde oder sonst wo. Wahre Helden des Alltags. 

Aber keine grundsätzliche Lösung. Was sich im Rheiderland abspielt, deckt sich mit allen Gegenden Deutschlands. Erst wenn es die Dinge des täglichen Lebens im Dorf nicht mehr zu kaufen gibt, rührt sich Gegenwehr. In Wymeer und Boen ist es ein Fahrdienst, anderswo sind es mobile Läden, die aber auch nicht mehr als willkommener Behelf sind.

Es gibt Versuche, dass Bürger sich in Genossenschaften zusammenschließen, die einen Dorfladen betreiben. Kunden sind zum Teil Genossen und identifizieren sich mit dem Laden, der dann auch dörflicher Treffpunkt ist. Aber sie sind auf Hilfe der Gemeinden bei Pachten und auf ehrenamtliche Mitarbeit angewiesen. Daran scheitern viele.

Ein positives Beispiel, wenn auch eher ein Glücksfall: Der CAP-Markt in der Moormerland-Siedlung in Leer, Supermarkt mit Café, Treffpunkt der Siedlung. Die gemeinnützige Ostfriesische Beschäftigungs- und Wohnstätten GmbH aus Emden betreibt ihn, beschäftigt behinderte Mitarbeiter, erhält günstige Einkaufskonditionen bei Bünting und hat einen Verpächter mit Herz, so dass die Kosten klein bleiben.

 

Der Beitrag wurde am Freitag, den 27. Dezember 2019 um 13:37 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Buntes Leben, Politik, Wirtschaft abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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