«     »

Donnerschlag

An Hexen und böse Geister glauben nur noch die wenigsten. Deshalb müssen wir sie zum Jahreswechsel nicht mehr wie unsere Urahnen mit Blechbüchsen, Kuhhörnern oder Geschrei vertreiben. Der Grundgedanke der Spökenkieker aller Zeiten jedoch hält sich, angepasst dem technischen Fortschritt: Kein Jahreswechsel ohne Lärm.

Aber die Sache kommt in Verruf. Umweltschützer, Tierrechtler und Kirchen („Brot statt Böller“) stehen vor dem Durchbruch ihrer stetigen Kampagnen gegen Silvester-Knallerei. Die erste Baumarktkette und Böller- und -Raketenhändler stellen den Verkauf ein. Weitere werden folgen.

Die Holländer sind uns schon Jahre voraus. Dort gibt es schon lange keine schweren Knallkörper mehr zu kaufen. Deshalb können wir ab heute wieder unzähligen unserer Nachbarn zusehen, wie sie Läden in Bunde, Weener und Leer von Böllern buchstäblich leerkaufen.

Tatsächlich ist die Silvesterknallerei maßlos. Sehr viel, sehr laut, teilweise allerdings auch eine Augenweide. Größter Nachteil: An keinem Tag schwebt so viel Feinstaub in der Luft wie Silvester und Neujahr. Deshalb wird es nicht beim freiwilligen Verzicht eines Teils des Handels bleiben, sondern auf ein gesetzliches Böllerverbot hinauslaufen.

Ein Verbot dürfte die Knallerei stark einschränken. Eine Ausweichmöglichkeit nach Holland gibt es nicht, und auch drüben wird es ruhiger. Aber ganz ausschalten lässt sich der alte Brauch nicht. Warum auch?

In Ostfriesland könnte das Karbidschießen eine Wiedergeburt erleben. Im Gespräch ist es ohnehin schon. Allerdings negativ. Zwar wird die Tradition kaum noch gepflegt, aber wo sie aufrechterhalten wird, gibt es Ärger. Wie am Dollart. Dort sitzt der Wattenrat den Schützen im Nacken, weil er die Gänse in Gefahr sieht. Oder in Backemoor. Dort streicht die Dorfgemeinschaft die Segel vor einem klagenden Mitbewohner, dem es zu laut ist.

Polizei und Kreisverwaltung müssen sich bereits mit dem Thema beschäftigen. Aber juristisch ist es schwammig, weil weder das Waffen- noch das Sprengstoffgesetz Klarheit schaffen, so dass im Zweifel das Gefahrenabwehrgesetz zum Zuge kommt.

Eine Brauchtum-Expertin der Ostfriesischen Landschaft räumt dem Karbidschießen durchaus einen Brauchtumstatus ein. Los ging es im 19. Jahrhundert, als Karbid und metallene Milchkannen aufkamen. Karbid steht allgemein für Calciumcarbid und reagiert mit Wasser zu einem Gasgemisch. Es wird in einer geschlossenen Milchkanne an einem (gebohrten) Zündloch zur Explosion gebracht. Es entstehen starker Druck und ein ziemlicher Knall. Der Druck jagt den Deckel einer Milchkanne 50 bis 70 Meter durch die Luft. Karbidschießen ist sozusagen ein Donnerschlag aus der „Melkbumme“, wie die Kanne plattdeutsch heißt.

Karbidlampen machten Anfang des vorigen Jahrhunderts das Karbid populär – als Fahrradlampen, im Bergbau und – bis heute – in der Höhlenforschung. Im Dorf war es leicht zu bekommen, weil Schmiede oder Automechaniker es zum Schweißen oder Installateure zum Löten nutzten.  

Ungefährlich ist es nicht, und Jugendliche, die mit Karbid schossen, taten es nie mit dem Segen ihrer besorgten Mütter. Tatsächlich fehlte in der Nachkriegszeit in Ostfriesland am ersten Neujahrstag der eine oder andere Finger, wie die Zeitungen berichteten. Karbidschießen kann auch ins Auge gehen. Aufpassen muss man schon.

 

Der Beitrag wurde am Montag, den 30. Dezember 2019 um 10:15 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Buntes Leben abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

Kommentarfunktion ist deaktiviert

Leer_Zeichen is powered by WordPress | WP.de Beiträge (RSS) und Kommentare (RSS)