Archive for Januar, 2020

Aus Windstrom wird Gas

Sonntag, Januar 26th, 2020

Im kleinen Diele im südlichen Rheiderland entsteht eine Energiefabrik, die in die Industriegeschichte eingehen könnte: Die bislang größte „Power-to-Gas“-Anlage. Aus Strom (englisch: power) wird Gas.

Die Anlage wird beim Umspannwerk Diele gebaut, das den von See kommenden Gleichstrom in Drehstrom umwandelt und ins Netz einspeist. Die Firmen Gasunie Deutschland, Tennet und Thyssengas investieren mindestens 100 Millionen Euro.

Sie wollen Wasserstoff neben Strom als zweites Standbein der Energiewende entwickeln. Denn allein mit Strom bleibt sie Stückwerk. Der Grund: Fehlende Speicher, um die aktuelle und erst recht die zunehmende erneuerbare Energie aufzufangen. Schon heute stehen Windmühlen häufig still und dürfen nicht leisten, was sie eigentlich sollen: Strom erzeugen. Ihre Betreiber kassieren deshalb jährlich rund anderthalb Milliarden an Entschädigung. Strom wird billig sogar ins Ausland verramscht und teils teuer zurückgekauft.

Deshalb kommt „Power-to-Gas“ ins Spiel – in Diele in einem Reallabor. Dort wird der überflüssige Windstrom im Elektrolyseverfahren in seine Einzelteile Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt. Der Wasserstoff wird ins Erdgasnetz eingespeist, das als Speicher dient. Dafür eignet es sich sehr gut. Während ins Stromnetz immer nur so viel Strom eingespeist werden muss, wie gerade gebraucht wird, können Erdgasleitungen riesige Mengen Energie aufnehmen. Über Wochen mindestens 15 Prozent mehr als verbraucht wird. Umgekehrt kann man mehr entnehmen als einpumpen.

Damit wäre besonders bei so genannten Dunkelflauten wie jetzt im Winter – wenig Wind, keine Sonne, aber hoher Stromverbrauch – genug Energie vorhanden, ohne auf Kohle- oder Atomkraftwerke angewiesen zu sein. Mit „Power-to-Gas“ in Diele testen die drei Großfirmen wie bei einer Operation am offenen Herzen, ob diese Methode der Energieumwandlung industriell und wirtschaftlich betrieben werden kann.

Ein Stichwort ist auch die Sektorenkopplung – die Sektoren Energie, Verkehr, Industrie und Gebäude (Wärme) energietechnisch aufeinander abstimmen. „Power-to-Gas“ kann dabei eine strategische Rolle spielen, weil es im Sommer viel Energie für den Winter speichert. Allerdings ist sie noch sehr teuer. Tennet & Co. meinen jedoch, die Investitionskosten bis 2030 senken und wirtschaftlich arbeiten zu können.

In Diele erzeugen sie zunächst in einem ersten Modul nur Wasserstoff, den sie ins Netz einspeisen oder an die chemische Industrie verkaufen. Auch Biogasanlagen sind denkbare Abnehmer. Mit Wasserstoff können sie mehr Biomasse umsetzen. In weiteren Schritten kommen Lkw und Busse mit Wasserstoffmotoren ins Spiel.    

Alles in allem: Die Betreiber verfolgen vor allem das Ziel einer umfassenden Kopplung von Energie, Verkehr und Industrie. Der in Gas umgewandelte „grüne“ Strom fließt über bestehenden Gasleitungen von Diele an Rhein und Ruhr, kann aber auch Wasserstoff-Tankstellen beliefern oder in großen Mengen in Kavernen gespeichert werden.

Damit ist auch klar, warum die Anlage in Diele entsteht: Umspannwerk, Gasleitungen und Kavernen – alles in der Nähe.  Und die Betreiber, die Strom- und Gasnetze koppeln wollen, haben sich auch nicht zufällig gefunden: Gasunie ist für riesige Gasnetze zuständig, Tennet  ein führender Stromnetzbetreiber und Thyssengas kümmert sich um Gasnetze vor allem in NRW.

Ärgerlich – mit einer Pointe

Montag, Januar 20th, 2020

Wäre es nicht so ärgerlich, könnte man darüber lachen – dass die Friesenbrücke bei Weener und der Fußgängertunnel unter der Bahn in der Bremer Straße in Leer seit sechs Jahren kaputt in der Landschaft stehen. Dabei fällt auf, dass in beiden Fällen die Deutsche Bahn im Spiel ist. Das kann kein Zufall sein.

Der Staatsbetrieb wurde jahrelang auf Verschleiß gefahren. Die Bahn sollte mal an die Börse – und um sie attraktiv für Aktionäre zu machen, wurde die Bilanz nicht mit (notwendigen) hohen Ausgaben für Schienen, Züge, Bahnhöfe oder Personal belastet. Das rächt sich heute.

Jeder Hausbesitzer weiß, was geschieht, wenn er nicht regelmäßig Hand ans Haus hält. Irgendwann wird es richtig teuer. So ist es mit der Bahn geschehen. Seit einigen Jahren versucht sie mühsam, ihren Investitionsstau abzubauen. Das geht nicht von heute auf morgen. Sichtbare Folge davon sind viele Verspätungen und Zugausfälle.

Es mangelt, ähnlich wie in den Straßenbauverwaltungen, auch an Ingenieuren, deren Stellen in knappen Zeiten abgebaut wurden. Und Baufirmen fehlen Leute, um die vielen Aufträge erledigen zu können. Am Rande: Die Wirtschaftsfunktionäre und Politiker, die heute den Mangel an Planern beklagen, haben vor Jahren mit am lautesten den „schlanken Staat“ gefordert. In der Praxis hieß das, die Planungsabteilungen zu verkleinern. Kurzsichtig, wie man heute weiß.

Erschwerend hinzu kommen Verschärfungen des Planungsrechts. So ist nicht einzusehen, warum der Ersatzbau einer uralten Brücke wie die Friesenbrücke einem langwierigen Planfeststellungsverfahren unterzogen werden muss. Als Hemmschuh erweist sich oft auch das so genannte Verbandsklagerecht für Naturschutzverbände.

Nabu, BUND & Co. können klagen, auch wenn nicht eigene Rechte verletzt werden, sondern vorgeblich Rechte der Allgemeinheit. In Niedersachsen haben in den 90er Jahren die Grünen dem damaligen Ministerpräsidenten Schröder, SPD, die Verbandsklage im Naturschutzrecht abgetrotzt. Seitdem können Naturschutzverbände gegen staatliche Entscheidungen vors Verwaltungsgericht ziehen. Erst war es Ländersache, seit 2002 steht es im Bundesnaturschutzgesetz.

Anders gelagert ist der Fußgängertunnel am Bahnübergang Bremer Straße in Leer, der seit 2013 wegen Baufälligkeit gesperrt ist. Seit kurzem wird er neu gebaut. Auf jeden Fall geht er in die Stadtgeschichte ein. Denn er ist ein Paradebeispiel für das Versagen eines Großunternehmens und für kommunalpolitische Unzulänglichkeiten.

Nicht zu vergessen eine historische Pointe. Denn schon 1978 (!) hätte der gesamte Bahnübergang untertunnelt werden können. Der damalige Stadtdirektor und spätere Oberkreisdirektor Gerhard von Haus, der seinen Ruhestand in Bonn verbringt, erinnert sich noch genau. Die Finanzierung war perfekt. 18 Millionen D-Mark. Dank des damaligen Zukunft-Investitions-Programms (ZIP) des Bundes musste die Stadt nur etwas mehr als 300.000 Mark aus eigener Kasse zahlen.

Der Stadtrat frohlockte. Doch an einem Sonntagmorgen traf sich der damalige SPD-Fraktionschef Günther Tietjen in der „Bauerndiele“ in Heisfelde mit sechs Kaufleuten aus der Bremer Straße, die gegen den Ausbau wetterten. Tietjen schwenkte um und drehte anschließend auch seine Fraktion um auf Kontra-Kurs. Wäre es nicht so ärgerlich, man könnte darüber lachen.

Demokratie wagen

Sonntag, Januar 12th, 2020

Geh‘ mir weg mit Politik. Ein Satz, der immer öfter zu hören ist. Wenn heute die Hälfte der Berechtigten zur Wahl geht, gilt das schon als ganz ordentlich. Bei Bürgermeisterwahlen liegen die Werte nicht selten sogar deutlich darunter.

Die Bundesrepublik ist mit ihrer repräsentativen Demokratie seit dem zweiten Weltkrieg alles in allem gut gefahren. Aber mehr und mehr stellt sich heraus, dass die Demokratie kein Selbstläufer ist. Es sind Alarmzeichen, wenn Bürgermeister zurücktreten, weil sie von rechtsradikalen Menschen bedroht werden und um Leib und Leben fürchten müssen.

Schon jetzt zeichnet sich ab, dass die Parteien auch im Landkreis Leer bei der nächsten Kommunalwahl 2021 Mühe haben werden, Kandidaten zu finden. Wer will denn noch Feierabende für die Allgemeinheit opfern und sich dafür Ärger, Schmähungen und verächtliche Kommentare an den Hals holen?

Der Trend zur Politikverweigerung ist allerdings nicht neu: Es gehört nicht mehr zum guten Ton, dass sich die örtliche Elite in den Gemeinde- oder Stadtrat wählen lässt. Einige stehen lieber im mosernden Abseits. Andere scheuen die Mühen der Arbeit, die gerade die kommunale Selbstverwaltung von den ehrenamtlichen Politikern verlangt.

Noch andere wiederum stellen sich die Demokratie zu einfach vor. Die „Fridays for Future“-Bewegung der Jugend verdient Anerkennung und Respekt. Sie zeigt sich auch in Ostfriesland. In Leer genießt sie sogar das Privileg, dass einer ihrer Sprecher beratendes Mitglied im Ausschuss für Energie, Klima, Umwelt und Verkehr wurde. Er darf mitreden, aber natürlich nicht abstimmen – weil er nicht vom Volk gewählt ist.

Ohnehin geht es den „Fridays“-Leuten zu langsam voran, wenn überhaupt. Dass der Stadtrat nicht wie gefordert den Klimanotstand ausgerufen hat, halten sie für ihre „größte Niederlage“. Alles okay. Aber es ist schon ein Widerspruch, wenn sie einerseits Parteivertreter auf ihren Demos nicht reden lassen und stolz darauf sind, eine Nicht-Regierungsorganisation (NGO) zu sein, andererseits jedoch ohne Mandat im Ausschuss abstimmen wollen.

In diesem Zusammenhang missbrauchen Kritiker der repräsentativen Demokratie oft ein Zitat des früheren Kanzlers Willy Brandt. „Wir wollen mehr Demokratie wagen“, sagte er vor 50 Jahren in seiner ersten Regierungserklärung. Er meinte damit keine Volksabstimmungen und keine öffentlichen Kabinetts- oder Verwaltungsausschuss-Sitzungen.

Er wollte darauf „hinwirken“, dass „durch ständige Fühlungnahme mit den repräsentativen Gruppen unseres Volkes und durch eine umfassende Unterrichtung über die Regierungspolitik jeder Bürger die Möglichkeit erhält, an der Reform von Staat und Gesellschaft mitzuwirken“. Er sagte auch, wie er sich das vorstellt: Herabsetzung des Wahlalters, Herabsetzung der Volljährigkeitsgrenze, mehr Diskurs, mehr Mitbestimmung.

Brandt wandte sich besonders an die damals aufmüpfige 68er-Generation – „jene jungen Menschen, die uns beim Wort nehmen wollen und sollen. Diese jungen Menschen müssen aber verstehen, dass auch sie gegenüber Staat und Gesellschaft Verpflichtungen haben.“ Das heißt nichts anderes, dass die jungen Leute sich in der Politik engagieren sollen. Auch heute brauchen wir viel mehr Menschen, die in die Kommunalpolitik gehen. Frauen und Männer, die Demokratie wagen. Mehr geht dann immer noch.

Kontrolle statt Vertrauen

Samstag, Januar 4th, 2020

Ohne Vertrauen sind gute Beziehungen zwischen Menschen nicht möglich, weder im Privaten noch bei der Arbeit oder sonst im Alltag. Die Erfahrung lehrt aber, dass Vertrauen oft im Zusammenhang steht mit Kontrolle. Wie findet man die Balance?

Sicher nicht immer beim alten Sowjet-Diktator Lenin, der gern mit dem Ausspruch zitiert wird: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“ Er soll es zwar so nie gesagt haben, aber egal:  Lenin war ein Zyniker der Macht. Trotzdem ist sein angeblicher berühmter Satz nicht in jedem Fall falsch. Denn der Mensch handelt nicht immer so, wie es seinem Idealbild entspricht.

Ideale sind im Alltag oft lästig. Geiz, Gier, Eigennutz oder Gleichgültigkeit sind starke Untugenden. Und schon gleitet das Vertrauen in Richtung Kontrolle. Zu beobachten auf den Straßen, zum Beispiel täglich an zwei Brücken in Leer: Die Südringbrücke, die von der Nesse zu Multi-Süd führt, und die benachbarte Ledabrücke (Bundesstraße 70) zwischen Leer und Ihrhove. Beide sind baufällig, wie so viele Brücken in Deutschland.

Beide sollen durch neue Brücken ersetzt werden. Aber das dauert noch einige Jahre. Bis dahin heißt es Daumendrücken, dass sie nicht zusammenbrechen. Die Stadtwerke Leer, zuständig für die Südringbrücke über die Bahn, und die Landesstraßenverwaltung, zuständig für die Ledabrücke, wollen das Schlimmste verhindern. Sie sorgen vor und verringern die Einsturzgefahr – mit einer Beschränkung von 30 Tonnen Gesamtgewicht für Lkw und mit Tempo 30 für alle Autos. Am Südring wurde noch die Fahrbahn von zwei Spuren auf eine verengt, um die Brücke zu entlasten.

So weit, so gut. Aber jetzt stellt sich heraus, dass nicht kontrolliert wird. Nicht wenige Lkw-Fahrer nutzen dies eiskalt aus und missachten die Beschränkungen. Beobachter berichten, dass nach wie vor schwere Lkw die Brücken passieren. Die Polizei sieht offensichtlich keinen Grund zur Kontrolle. Zumindest musste die Bußgeldstelle des Landkreises noch keinen Bescheid erlassen, weil von der Polizei keine Verstöße gemeldet werden. Das Rathaus in Leer wäscht seine Hände in Unschuld und sagt, es sei nur für den ruhenden Verkehr verantwortlich, sprich: Knöllchen an Windschutzscheiben klammern.

Bemerkenswert noch diese Aussage aus dem Rathaus: Es sei kaum mit schweren Lkw am Hafen zu rechnen, weil die Ledabrücke ja auf 30 Tonnen begrenzt sei. Mit größtem Wohlwollen lässt sich das gerade noch als naiv kommentieren. Um die Lage einzuordnen: Die Hafenbetriebe in Leer werden jährlich von rund 30.000 Lkw angefahren, darunter natürlich auch sehr schwere.

Der Realität näher ist das Land NRW: Weil täglich hunderte  Lkw-Fahrer sich an der maroden Rheinbrücke (A1) zwischen Leverkusen und Köln nicht um Gewichtslimits scheren, lässt es dort alle Lkw wiegen und notfalls mit Schranken stoppen – um zu verhindern, dass schwere  Lkw-Fahrer die Brücke zum Einsturz bringen. 150 Euro Bußgeld schrecken nicht ab.

Zurück nach Leer: Zeit ist Geld für Hafen- und andere Betriebe. Aber wer will es verantworten, wenn eine oder beide Brücken total gesperrt werden müssten? Nicht nur die Wirtschaft, auch tausende Pendler wären betroffen. Von Multi gar nicht zu reden. Der Stadt droht ein Dauerstau. Rathaus und Polizei sollten deshalb die Lenin zugeschriebene Lehre beherzigen. Und zwar schnell.