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Kontrolle statt Vertrauen

Ohne Vertrauen sind gute Beziehungen zwischen Menschen nicht möglich, weder im Privaten noch bei der Arbeit oder sonst im Alltag. Die Erfahrung lehrt aber, dass Vertrauen oft im Zusammenhang steht mit Kontrolle. Wie findet man die Balance?

Sicher nicht immer beim alten Sowjet-Diktator Lenin, der gern mit dem Ausspruch zitiert wird: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“ Er soll es zwar so nie gesagt haben, aber egal:  Lenin war ein Zyniker der Macht. Trotzdem ist sein angeblicher berühmter Satz nicht in jedem Fall falsch. Denn der Mensch handelt nicht immer so, wie es seinem Idealbild entspricht.

Ideale sind im Alltag oft lästig. Geiz, Gier, Eigennutz oder Gleichgültigkeit sind starke Untugenden. Und schon gleitet das Vertrauen in Richtung Kontrolle. Zu beobachten auf den Straßen, zum Beispiel täglich an zwei Brücken in Leer: Die Südringbrücke, die von der Nesse zu Multi-Süd führt, und die benachbarte Ledabrücke (Bundesstraße 70) zwischen Leer und Ihrhove. Beide sind baufällig, wie so viele Brücken in Deutschland.

Beide sollen durch neue Brücken ersetzt werden. Aber das dauert noch einige Jahre. Bis dahin heißt es Daumendrücken, dass sie nicht zusammenbrechen. Die Stadtwerke Leer, zuständig für die Südringbrücke über die Bahn, und die Landesstraßenverwaltung, zuständig für die Ledabrücke, wollen das Schlimmste verhindern. Sie sorgen vor und verringern die Einsturzgefahr – mit einer Beschränkung von 30 Tonnen Gesamtgewicht für Lkw und mit Tempo 30 für alle Autos. Am Südring wurde noch die Fahrbahn von zwei Spuren auf eine verengt, um die Brücke zu entlasten.

So weit, so gut. Aber jetzt stellt sich heraus, dass nicht kontrolliert wird. Nicht wenige Lkw-Fahrer nutzen dies eiskalt aus und missachten die Beschränkungen. Beobachter berichten, dass nach wie vor schwere Lkw die Brücken passieren. Die Polizei sieht offensichtlich keinen Grund zur Kontrolle. Zumindest musste die Bußgeldstelle des Landkreises noch keinen Bescheid erlassen, weil von der Polizei keine Verstöße gemeldet werden. Das Rathaus in Leer wäscht seine Hände in Unschuld und sagt, es sei nur für den ruhenden Verkehr verantwortlich, sprich: Knöllchen an Windschutzscheiben klammern.

Bemerkenswert noch diese Aussage aus dem Rathaus: Es sei kaum mit schweren Lkw am Hafen zu rechnen, weil die Ledabrücke ja auf 30 Tonnen begrenzt sei. Mit größtem Wohlwollen lässt sich das gerade noch als naiv kommentieren. Um die Lage einzuordnen: Die Hafenbetriebe in Leer werden jährlich von rund 30.000 Lkw angefahren, darunter natürlich auch sehr schwere.

Der Realität näher ist das Land NRW: Weil täglich hunderte  Lkw-Fahrer sich an der maroden Rheinbrücke (A1) zwischen Leverkusen und Köln nicht um Gewichtslimits scheren, lässt es dort alle Lkw wiegen und notfalls mit Schranken stoppen – um zu verhindern, dass schwere  Lkw-Fahrer die Brücke zum Einsturz bringen. 150 Euro Bußgeld schrecken nicht ab.

Zurück nach Leer: Zeit ist Geld für Hafen- und andere Betriebe. Aber wer will es verantworten, wenn eine oder beide Brücken total gesperrt werden müssten? Nicht nur die Wirtschaft, auch tausende Pendler wären betroffen. Von Multi gar nicht zu reden. Der Stadt droht ein Dauerstau. Rathaus und Polizei sollten deshalb die Lenin zugeschriebene Lehre beherzigen. Und zwar schnell.

 

Der Beitrag wurde am Samstag, den 4. Januar 2020 um 14:04 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Politik, Wirtschaft abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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