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Aus Windstrom wird Gas

Im kleinen Diele im südlichen Rheiderland entsteht eine Energiefabrik, die in die Industriegeschichte eingehen könnte: Die bislang größte „Power-to-Gas“-Anlage. Aus Strom (englisch: power) wird Gas.

Die Anlage wird beim Umspannwerk Diele gebaut, das den von See kommenden Gleichstrom in Drehstrom umwandelt und ins Netz einspeist. Die Firmen Gasunie Deutschland, Tennet und Thyssengas investieren mindestens 100 Millionen Euro.

Sie wollen Wasserstoff neben Strom als zweites Standbein der Energiewende entwickeln. Denn allein mit Strom bleibt sie Stückwerk. Der Grund: Fehlende Speicher, um die aktuelle und erst recht die zunehmende erneuerbare Energie aufzufangen. Schon heute stehen Windmühlen häufig still und dürfen nicht leisten, was sie eigentlich sollen: Strom erzeugen. Ihre Betreiber kassieren deshalb jährlich rund anderthalb Milliarden an Entschädigung. Strom wird billig sogar ins Ausland verramscht und teils teuer zurückgekauft.

Deshalb kommt „Power-to-Gas“ ins Spiel – in Diele in einem Reallabor. Dort wird der überflüssige Windstrom im Elektrolyseverfahren in seine Einzelteile Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt. Der Wasserstoff wird ins Erdgasnetz eingespeist, das als Speicher dient. Dafür eignet es sich sehr gut. Während ins Stromnetz immer nur so viel Strom eingespeist werden muss, wie gerade gebraucht wird, können Erdgasleitungen riesige Mengen Energie aufnehmen. Über Wochen mindestens 15 Prozent mehr als verbraucht wird. Umgekehrt kann man mehr entnehmen als einpumpen.

Damit wäre besonders bei so genannten Dunkelflauten wie jetzt im Winter – wenig Wind, keine Sonne, aber hoher Stromverbrauch – genug Energie vorhanden, ohne auf Kohle- oder Atomkraftwerke angewiesen zu sein. Mit „Power-to-Gas“ in Diele testen die drei Großfirmen wie bei einer Operation am offenen Herzen, ob diese Methode der Energieumwandlung industriell und wirtschaftlich betrieben werden kann.

Ein Stichwort ist auch die Sektorenkopplung – die Sektoren Energie, Verkehr, Industrie und Gebäude (Wärme) energietechnisch aufeinander abstimmen. „Power-to-Gas“ kann dabei eine strategische Rolle spielen, weil es im Sommer viel Energie für den Winter speichert. Allerdings ist sie noch sehr teuer. Tennet & Co. meinen jedoch, die Investitionskosten bis 2030 senken und wirtschaftlich arbeiten zu können.

In Diele erzeugen sie zunächst in einem ersten Modul nur Wasserstoff, den sie ins Netz einspeisen oder an die chemische Industrie verkaufen. Auch Biogasanlagen sind denkbare Abnehmer. Mit Wasserstoff können sie mehr Biomasse umsetzen. In weiteren Schritten kommen Lkw und Busse mit Wasserstoffmotoren ins Spiel.    

Alles in allem: Die Betreiber verfolgen vor allem das Ziel einer umfassenden Kopplung von Energie, Verkehr und Industrie. Der in Gas umgewandelte „grüne“ Strom fließt über bestehenden Gasleitungen von Diele an Rhein und Ruhr, kann aber auch Wasserstoff-Tankstellen beliefern oder in großen Mengen in Kavernen gespeichert werden.

Damit ist auch klar, warum die Anlage in Diele entsteht: Umspannwerk, Gasleitungen und Kavernen – alles in der Nähe.  Und die Betreiber, die Strom- und Gasnetze koppeln wollen, haben sich auch nicht zufällig gefunden: Gasunie ist für riesige Gasnetze zuständig, Tennet  ein führender Stromnetzbetreiber und Thyssengas kümmert sich um Gasnetze vor allem in NRW.

 

Der Beitrag wurde am Sonntag, den 26. Januar 2020 um 12:22 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Politik, Wirtschaft abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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